Grüner reisen

In Egged-Bussen durch ganz Israel: ein Reisebericht

 

Am Busbahnhof in Eilat: Fünf Stunden braucht der Bus nach Jerusalem. Foto: F. Zimmermann

Durch Israel mit dem Bus gefahren, nur mit dem Bus, durchs ganze Land. Schnell gemerkt, dass das Stirnrunzeln, das viele mir mit auf den Weg gegeben haben, unangebracht ist. Bus fahren ist etwas Normales in Israel. Schnell wird man Teil davon und drängelt mit in der Menschentraube, die trotz Platzkarten ungeduldig auf den Einstieg wartet. An Gewehrläufe, die einem dabei leicht mal in die Seite stechen können, gewöhnt man sich.

Eine Reisegeschichte durch Israel am Vorabend des 60. Jahrestages seiner Staatsgründung. Die Wahl des Reisemittels war klar, denn israelischer kann man nicht unterwegs sein. Jeder fährt Bus in Israel. Dafür zuständig ist fast ausschließlich das Unternehmen Egged mit seinen grünen Bussen. Auf der Seite tragen sie ein weißes, geflügeltes «Alef», den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, mit dem das Wort Egged beginnt. Uns Lateinschreibern sieht er aus wie ein X. Man sieht es häufiger als die israelische Flagge, und die sieht man oft. Die Egged-Zentrale hat ausgerechnet, dass auf täglich 44.957 Fahrten 810.500 Kilometer zurückgelegt und mehr als eine Million Menschen transportiert werden. Das entspricht einem Sechstel der Gesamtbevölkerung des Landes.

Die Reise beginnt in Jerusalem, ich will zuerst nach Eilat. Einmal das Land zur Hälfte durchmessen, von Jerusalem im Zentrum Israels zum Badeort am Roten Meer, dem südlichsten Punkt. Der Busbahnhof sieht aus wie eine Festung mit Fensterchen wie Schießscharten. Rein zu kommen dauert wegen der Sicherheitskontrolle. Wer drinnen ist, fährt wenig später auf der Rückseite wieder hinaus. Vom Bus aus fällt der Blick auf die Altstadt, die goldene Kuppel des Felsendoms glänzt in der Sonne. Jerusalem blendet, so hell ist der Stein, aus dem die Häuser gebaut sind. Dann geht es in den Tunnel unterm Ölberg hindurch. Auf der anderen Seite das judäische Bergland. Israel, so karg, wie es in weiten Teilen ist. Die Straße in Richtung Totes Meer schlängelt sich ins Jordantal hinab. Es ist Frühjahr, noch sind die Hügelkuppen von grünem Flaum bedeckt, bald kommen die heißen Tage, und alles wird braun und schroff sein. Auf der linken Seite einige der jüdischen Siedlungen, die seit dem Sechs-Tage-Krieg im palästinensischen Westjordanland entstanden sind. Die Straße führt durch besetztes Gebiet, manchem Reisenden nötigt das Unbehagen ab: Kann man da fahren, ist das nicht gefährlich? Längst ist diese Straße eine sichere Passage durchs Westjordanland zum Toten Meer, kürzlich wurde sie vierspurig ausgebaut. Beduinenhütten fliegen am Fenster vorbei und Israels berühmtestes Kamel. Es steht in der Sonne, sein Besitzer ruht im Schatten einer Palme. Das Tier ist eine Geschäftsidee, als Fotomotiv soll es Reisende zum Anhalten locken, genau dort, wo ein Schild anzeigt, dass hier die Straße die Höhe des Meeresspiegels erreicht, bevor sie noch viel weiter bergab führt.

 

Mit dem Traktor ans Tote Meer

Immer schlucken, um den Druck zu lösen, der sich bei der Fahrt auf 400 Meter unter NN auf die Ohren legt. Jericho ist links zu sehen, die älteste Stadt der Welt, dann das Tote Meer. Fahl liegt die Oberfläche da, dunstig und blass, drumherum rotbraune Felslandschaft. Der tiefste Ort der Erde! Irgendwo hier sitzen Menschen auf dem salzigen Wasser und machen den Klassiker der Urlaubsfotos: Lesend auf dem Toten Meer. Einige Kilometer weiter wird aber auch die Tragödie klar, die über diesem Ort liegt. Ein Traktor fährt über einen asphaltierten Weg, er zieht mehrere Anhänger, in denen Menschen in Badebekleidung sitzen. Vor einigen Jahren gab es die Straße nicht, es musste auch kein Trecker die Leute ans Meer bringen, denn die Meeresoberfläche war noch größer. Weil der Jordan sein einziger Zufluss ist, ihm aber auf dem Weg bis zur Mündung 90 Prozent des Wassers entnommen werden, sinkt der Wasserspiegel des Toten Meeres stetig. Experten sagen, es könnte in 50 Jahren nur noch eine Pfütze sein.

Im Bus treffe ich einen jungen Mann namens Stevenson. Er kommt von der Karibikinsel St. Martin, die ihm als kleiner Anhänger an einer schweren Silberkette um den Hals baumelt. Er liebt seine Heimat, aber einen liebt er noch viel mehr: Jesus. Seinetwegen hat er seinen Job als Schalterbeamter der örtlichen Postbank von heute auf morgen aufgegeben und kam nach Israel. «Gott hat mir den Weg gewiesen! », sagt er. Es scheint der richtige Hinweis gewesen zu sein, denn bislang hat Stevenson nur Glück gehabt. In der Jerusalemer Altstadt erwähnte er einem orthodoxen Juden gegenüber «Jesus, unseren Messias», was den Juden erzürnte. «Der wurde richtig wütend, er hat mich beschimpft. Doch dann ging sein Herz auf und er wurde freundlich.» Er lud Stevenson in sein Haus ein, dort konnte er zwei Monate wohnen. Jetzt ist er auf dem Weg nach Kairo, erzählt von einem riesigen Christen-Kongress mit 15.000 Leuten, zu dem er will. Er fragt, wo die Strände sind und wie er zum Grenzübergang kommt. Nach dem Christen-Kongress will er kurz zurück nach St. Martin, um sich endgültig von seiner Familie zu verabschieden. Israel, da will er für immer sein.

Eilat. Ganz im Süden, Israel grenzt hier an Jordanien, Ägypten und das schwappende Meer, nicht weit ist es bis Saudi-Arabien. So eng liegt das alles beieinander. Der Ort ist schnell gewachsen, in den Gründungsjahren Israels war er noch ein einsamer Strand am Rande der Wüste. Heute drängeln sich Hotelburgen ans Meer, der Flughafen liegt mitten in der Stadt, mit jedem Start- und Landevorgang legt sich ein Dröhnen über die Stadt. Die Strandpromenade ist von Buden gesäumt, aus denen Räucherstäbchenduft strömt, es gibt die touristenorttypischen T-Shirts und anderen Tand, plastische Chirurgen waren offenbar bei vielen tätig, die dort unterwegs sind. Vor einer Bude, in der man mit Maschinenpistolenattrapen schießen kann, liegt ein Boxer mit gefletschten Zähnen in der Sonne.

 

«Man kriegt den Egged-Blick»

Bushaltestelle irgendwo zwischen Totem Meer und Eilat. Foto:F. Zimmermann

Das ist kein Ort zum Verweilen. Ich will weiter, ein ruhiger Ort soll es sein für die Nacht. Der Bus von Eilat ans Tote Meer steht abfahrbereit. Da man von Israels südlichstem Punkt ohnehin nur die Möglichkeit hat, einen weiten Teil der Strecke, die man gekommen ist, wieder zurückzufahren, steige ich ein. In tiefer Dunkelheit Halt in Ein Gedi. Der wunderbare Kibbutz, in karger Landschaft ein immerblühender Fleck, ist ausgebucht. Nebenan die Jugendherberge hat noch Zimmer frei. Nach ruhiger Nacht früh aus dem Bett, israelisches Frühstück mit Oliven, Gurken, Frischkäse. Um 8.40 Uhr soll der Egged-Bus nach Jerusalem fahren. An der Bushaltestelle unten an der Straße sitzen ein Vater mit Tochter und Sohn. Sie kommen aus Süddeutschland und reisen drei Wochen mit Egged durchs Land. «Man muss viel warten», sagt der Vater, «aber es geht gut.» Längst hätte der Bus da sein müssen, sie sind gelassen. Irgendwann wird er kommen. Plötzlich stehen sie auf, «man kriegt so einen Egged-Blick», sagt der Vater, und dann steht der grüne Bus mit dem weißen «Alef» auch schon da. Merkwürdig, denn ich habe doch genau so wie er Ausschau gehalten nach dem Bus. Vielleicht schärft es die Wahrnehmung für grüne Busse, je häufiger man mit Egged fährt. Die drei wollen nach Jerusalem, der Vater hat sein Portemonnaie in einem Bus verloren. Vielleicht liegt es im Fundbüro des Busbahnhofs.

Im Busbahnhof ist es voller als an anderen Tagen. Es ist Freitag, am Abend beginnt der Schabbat. Vor dem jüdischen Ruhetag wollen viele noch irgendwohin. In wenigen Stunden fährt kein Bus mehr. Zwar ist Egged kein religiöses Unternehmen, aber die Religiösen sind in Israel mächtig. Es würde dem Unternehmen schaden, wenn es den Schabbat nicht ehrte. Dann lieber 30 Stunden lang gar nicht fahren. Es ist ein Schauspiel, zu sehen, wie die sonst so pulsierenden Busbahnhöfe plötzlich in einen Dämmerschlaf fallen, wie es dort still wird und leer, bis sie am Samstag Abend wieder erwachen und mit ihnen das ganze Land.

Egged wurde 1933 als Zusammenschluss mehrerer kleiner Busgesellschaften gegründet. Eine Kooperative bis heute, die ihren Mitgliedern gehört. Der Name Egged, hebräisch für «Bund», geht auf den Nationaldichter Chaim Nachman Bialik zurück. Eine ur-zionistische Organisation, die ein Land zusammen hielt, das es noch gar nicht gab. Seit der Staatsgründung hat Egged Israel mitgestaltet, auch dadurch, dass die Busse während der Kriege zum Truppentransport genutzt wurden und den Schützen als Hinterhalt dienten. Joske Harari, 80 Jahre alt und Sohn eines der Gründer von Egged, ehemaliger Fahrer und langjähriger Vorsitzender der Kooperative, erzählt, wie er 1973 kurz vor dem Jom-Kippur-Krieg 2.000 Busse bereitstellen ließ, um die Soldaten schnell an die Front bringen zu können. Der damalige Stabschef der israelischen Armee habe ihm später gesagt, Egged sei «wie bei den anderen Kriegen auch, früher bereit gewesen als die Armee.» Zum Aufbau des Landes gehörte es auch, die Menschen dorthin zu bringen, wo neue Siedlungen entstehen sollten. Harari sagt: «Es hieß bei uns immer: Bevor ein Kibbutz oder ein Ort gebaut wird, wird Egged dort sein, um die Arbeiter hin zu bringen. Wir haben unseren Beitrag geleistet für unser Land», sagt er.

 

Kugelsicher nach Hebron

Die Busgesellschaft ist in all den Jahren ein sehr israelisches Unternehmen geworden, das heißt auch: ein unerschrockenes, anders geht es in diesem Land nicht. Überall, wo Israelis wohnen, fahren die Busse hin. Auch wenn es brenzlig wird, wie in den besetzten Gebieten. Dann werden die Busse eben mit schusssicherem Glas ausgestattet und fahren in Orte wie Hebron, Ofra oder Ariel, wo Siedler auf palästinensischem Land wohnen. 114 der insgesamt 3.105 Busse sind gepanzert. Egged ist überall, wo Israel ist. Auch wenn die Regierung das Quasi-Monopol in den letzten Jahren etwas beschnitten hat.

Es ist Sonntag morgen, die Woche beginnt. Im Busbahnhof riecht es nach Hot- Dog-Würstchen, die sich nackt auf einer Warmhaltevorrichtung drehen. Soldaten sind auf dem Weg zurück in ihre Camps, überall sitzen sie, große Taschen neben sich. Angst und Stärke sind in Israel immer mit dabei. Ich nehme den Bus 963 nach Kirjat Schmona an der israelisch-libanesischen Grenze. Die Fahrt geht über die Autobahn 6, Israels modernste Straße. Kameras fotografieren die Nummernschilder der Fahrzeuge, einige Tage nach der Fahrt kommt der Mautbescheid per Post. Die «6» ist auch eine Nahtstelle, sie führt ganz nah am Westjordanland vorbei. Israelis und Palästinenser, getrennt durch eine hohe Betonmauer, davor blüht der Mohn. Auf dem Nachbarplatz sitzt Avital, die Schläfenlocken hat er hinters Ohr geklemmt, auf dem Kopf sitzt ein Armee- Schlapphut. Während der Fahrt betet er, wippend und murmelnd, aus einem kleinen, abgegriffenen Gebetsbuch. Dann knipst er sich mit dem Fotohandy, da ist er noch ganz bei sich. Dann taucht er kurz auf aus seiner Innerlichkeit und fragt, wo ich hin wolle. Er ist unterwegs zu seiner Einheit auf dem Golan, an der syrischen Grenze. Es kommt dort immer wieder zu Zwischenfällen, gerade stand in der Zeitung, dass die Armeeführung Truppenbewegungen der Syrer mit Sorge beobachte. Macht ihm das Angst? Nein, sagt er, «alles ruhig da oben - und so schön, das Land, das Gott uns gab». Dann betet er weiter. In Tiberias steigt er um. Etwas später, in Tabgha am See Genezareth, verlasse auch ich den Bus. Eine Nacht am See, an jenem Ort, an dem Jesus wenig Brot und Fisch in eine Speise für 5.000 verwandelt haben soll. Eine schlichte Kirche erinnert daran. Zur Vesper beten die Benediktinermönche.

Die letzte Station auf dieser Reise durch Israel ist ein Parkplatz in Holon, nicht weit entfernt von Tel Aviv. Eine Schatzkammer aus der Historie der israelischen Busfahrt: das Egged- Museum. Noach Slutsky ist der Herr über diese Busse, ein stämmiger Mann mit Halbglatze und rahmenloser Brille. Er ist Egged-Mitglied und kümmert sich um alle Gebäude der Genossenschaft, aber Busse sind seine Leidenschaft. Sein Büro im Museum ist in einem ausrangierten Bus eingerichtet, er sitzt vor Vitrinen, in denen er kleine Modellbusse aus aller Welt aufbewahrt. Jüngstes Exponat: Ein gelber Schulbus aus den USA. Den hat er sich vom letzten Urlaub mitgebracht. Draußen zeigt Slutsky die großen Schätze, die er zusammen getragen hat. Die wuchtigen Ford-Busse aus den 1940ern mit langer Schnauze, rundliche «Royal Tiger» von British Leyland aus den 1960ern, Mercedes-Busse, die von 1973 an zum Einsatz kamen und Proteste auslösten, weil die Zeit für deutsche Busse in Israel noch nicht günstig war. Slutskys ganzer Stolz ist der «Tepele», das älteste Stück, gebaut in den 1930ern und so klein, dass «Tepele» der passende Spitzname ist: Topf heißt das auf Jiddisch, viel mehr Platz hat der Bus auch nicht. Dieses Modell fand ein Egged-Kollege ausrangiert und als Kiosk genutzt am Rande der Stadt Jahud. «Acht Monate lang arbeiteten wir an ihm und steckten viel Liebe hinein», sagt Slutsky. Am 14. Mai 1991, dem israelischen Unabhängigkeitstag, wurde er zum ersten Mal ausgestellt, «natürlich hatte er die Hauptrolle», sagt Slutsky.

 

«Alles so schön grün»

Egged bringt die Soldaten in die Militärbasen.

Früher waren Egged-Busse blau-weiß, dann rot-weiß, seit einigen Jahren sind sie grün. Joske Harari, dem früheren Egged-Vorsitzenden, gefällt das nicht, aber er hatte nichts mehr zu sagen, als die Entscheidung anstand. Nur, warum sind sie grün? Slutsky zeigt auf den Parkplatz neben dem Museum. Das Egged-Depot für Zentral-Israel. Da stehen viele Busse nebeneinander. «Es sieht schön aus, alles ist grün, dabei leben wir in der Wüste», sagt Slutsky. Klingt fast so, als erfülle Egged nun auch den Auftrag des Staatsgründers David Ben-Gurion, das trockene Land fruchtbar zu machen für die Menschen, die dort leben sollen.

Meine letzte Fahrt mit Egged. Tel Aviv-Jerusalem. Eine gute dreiviertel Stunde, der Bus windet sich die Berge hinauf. Vorbei an den Wracks von Armeefahrzeugen, die am Straßenrand liegen. Als Mahnmale erinnern sie an den Unabhängigkeitskrieg 1948, als sich Israels Armee den Weg nach Jerusalem erkämpfen musste. Jedes Jahr werden die Wracks mit Rostschutzfarbe behandelt, einige wurden kürzlich gestohlen, weil sich mit Altmetall gutes Geld verdienen lässt.

Auch im Krieg fuhr Egged diese Linie, mit dem frühen Modell eines gepanzerten Busses. Fensterklappen aus Stahl und schmale Luken machten ihn zur Festung. Im Museum kann man ihn sehen.

Während wir dort entlang fahren, überlagern sich die Bilder. Israel und Egged, Damals und Heute, alles wird eins. Der Bus ist voller Soldaten, ich denke an Joske Harari und die Geschichten, die er erzählt hat. Wie Egged die Truppen an die Front brachte und die Arbeiter durchs Land fuhr, um Kibbutzim zu bauen. Draußen liegen die Wracks, das Busradio spielt Musik des Armeesenders Galgalatz. Einen letzten Anstieg noch, eine letzte Kurve, dann erreicht der Bus Jerusalem. Mit Egged zu reisen heißt auch, durch die Geschichte dieses Landes zu fahren. Effektiv, meistens pünktlich, auf jeden Fall aber mit einem tiefen Einblick in die israelische Seele. Wie ein Schlund taucht die Einfahrt in den Busbahnhof auf. Dunkelheit. Dann gleiten die Türen des Busses zur Seite.

Felix Zimmermann

«Jüdische Zeitung», Juli 2008