Auf dem steinigen Weg Abrahams

Bodo Ramelow zu Gast bei der ICCJ-Konferenz in Jerusalem

 

Bodo Ramelow mit dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem. Foto: B. Krüger

Respekt sollte herrschen, nicht die Macht», lautete einer der spontanen Bemerkungen von Bodo Ramelow bei einem Rundgang durch die Jerusalemer Altstadt zum Thema «Theologie der Steine». Ein allgemein gültiger Satz, aber auch ein treffender Kommentar zum Titel der Jahreskonferenz des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ), die Ende Juni Anlass für den ersten Israel-Besuch des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und Religionspolitischen Sprechers der LINKEN war: «The Contribution of Jewish-Christian- Muslim Dialogue to Peace-Building in the Middle East». Kürzer gefragt: Ist Religion gut für den Frieden?»

Gut 160 Teilnehmer aus 20 Länder waren ins Judean Guest House am Rande Jerusalems gekommen, um sich vier Tage lang mit «Die Theologie des Heiligen Landes», «Der Einfluss des israelisch-palästinensischen Konflikts auf die christlich-jüdischen Beziehungen», «Die Rolle der Religion und der Glaubensgemeinschaften im Konflikt» oder «Religion als Quelle der Versöhnung» zu befassen. Man traf unter den Delegierten der weltweit 38 Mitgliedsgesellschaften des ICCJ auf viele Personen, die beispielsweise auch schon 1995 bei der Jahrestagung des Internationalen Rates von Christen und Juden in Budapest vertreten waren: Indiz für die Beständigkeit des ICCJ und seiner Aktivitäten, aber auch dafür, wie schwierig es ist, Outreach-Arbeit zu leisten und junge Menschen für den interreligiösen Dialog zu gewinnen. Dass dieser Dialog im Alltag im Nahen Osten und für die drei abrahamitischen Religionsgemeinschaften vor Ort eine nur marginale Rolle spielt, wurde einem in den Eröffnungsreden klar und in den Gesprächen am Rande der Tagung nur bestätigt. Ben Mollov (Bar Ilan Univiversität) brachte es in seinem Workshop «An Integrated Realist/ Idealist Approach to Israeli-Palestinian Interreligious Dialogue and Peace-Building» auf den Punkt: interreligiöser Dialog in Israel ist zunächst Konfliktmanagement.

Dass Dialog immer Politik ist, wurde schon bei der Auftaktveranstaltung der Tagung laut, bei der Rabbiner David Rosen (American Jewish Committee) zusammen mit dem Kadi von Jerusalem, Muhammad Zibidi, und dem eben gerade emeritierten Lateinischen Patriarchen Michel Sabbah auf dem Podium saß. Bodo Ramelow zu dieser Art Arbeitsbericht der drei abrahamitischen Religionen in Jerusalem: «Da waren sie wieder, die kleinen und größeren Verletzungen! Da berichtet der katholische Vertreter über die offene Wunde Tempelberg und der muslimische Vertreter ergänzt die Frage der Rückführung der Palästinenser in die Dörfer, die es oft gar nicht mehr gibt.» Und doch gibt es aller Tagespolitik und aller Frustrationen zum Trotz Hoffnung und neue Denkanstöße: «Michel Sabbah sagte einen Satz, der unter die Haut geht: ‚Erst wenn der Palästinenser mit den Augen des Juden schaut und umgekehrt, dann wird es eine Hoffnung auf Frieden geben.' Denn die Zusammenarbeit der Religionen steht am Anfang und Religion darf nicht Teil des Problems sein, sondern muss Teil der Lösung werden. Noch haben wir nicht die Vision vom Frieden, aber die Pflicht genau diese Vision zusammen zu erarbeiten! Große Worte umrahmt vom zustimmenden Nicken der anderen Mitdiskutanten!», so das Resümee von Ramelow, der am nächsten Tag auch mit dem neuen Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal, ins Gespräch kam.

In den zahlreiche Workshops und bei Besuchen von Institutionen, die sich dem Dialog verschrieben haben, blieb es nicht nur bei großen Worten. Bodo Ramelow: «Ein interessantes Thema war unter anderem die mediale Berichterstattung zum Nahost-Konflikt. Neben einem Vertreter des Israel/Palestine Center for Research and Information, das sich für den Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt, nahmen auch Journalisten von Ha'aretz und vom Religious News Service an diesem Workshop teil. Das Spannungsverhältnis westlicher Demokratie-Standards und der religiösen Verbindung des israelischen Standards waren ebenso Bestandteil dieser konstruktiven Diskussion wie der illegale Siedlungsbau oder auch die Gründe für das Erstarken der Hamas.» Ein Höhepunkt war für ihn aber der Besuch des Ökumenischen Instituts in Tantur: «Tantur ist ein Zeichen der Hoffnung gegen die Unlogik der Trennungen. Von Paul XI. initiiert, nach einem Besuch auf diesem Bergrücken zwischen Jerusalem und Bethlehem! Eine Heimstatt für alle Christen, katholisch, protestantisch, orthodox, und offen für Juden und Muslime. Von dort oben schaut man auf Bethlehem und auf der gegenüberliegenden Seite auf Jerusalem. Zwischen den bedeutenden Orten entsteht die umstrittene Siedlung Har Choma, fast eine ganze Stadt. Eine Handbreit daneben dann die neue martialische Mauer. Hinter dieser Mauer leben aber die arabischen Christen. Die, die von allen Akteuren in diesem Konflikt immer vergessen, ausgegrenzt und geringgeschätzt werden. Aber es ist leider nicht die einzige Mauer in der Gegend, nur die bekannteste. Zwischen Gaza und Ägypten steht wohl eine ähnliche, nur eben nicht von den Israelis gebaut, sondern vom Brudervolk der Palästinenser. Dieser Ort Tantur ist ein Schlüssel der Christen zu sich selber, zu den eigenen Wurzeln und offen für die abrahamitischen Religionen.»

Der steinige Weg hin zu einem Miteinander der Kinder Abrahams war auch Thema der Begegnung des bekennenden Christen Ramelow mit Rabbiner Uri Regev, dem Präsidenten der Weltunion für Progressives Judentum: «Rabbiner Regev betonte, wie wichtig die Werte der Bibel für die Arbeit der WUPJ sind. Denn als Gott Abraham als die Quelle des Segens ‚auserwählte', schuf er diese Quelle für die gesamte Menschheit. Sich im täglichen Leben für Gerechtigkeit einzusetzen, ist daher Aufgabe aller abrahamitischen Religionen. Sich stattdessen aus einem Baukasten das rauszusuchen, was man für richtig hält, um dann damit seine eigene Zielen rücksichtslos durchzusetzen, kann niemals Lösung der vielen bestehenden Konflikte sein. Ist also die Allianz zwischen den Religionen auf Basis gemeinsamer Werte nicht der richtige Weg, um konstruktiv zu einer Konfliktlösung konstruktiv beizutragen?»

Für den aussichtsreichen Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt in Thüringen brachte die ICCJ-Konferenz Begegnungen mit anderen Tagungsteilnehmern aus Deutschland und ein Wiedersehen mit alten Bekannten mit sich. Besonders herzlich wurde Bodo Ramelow von Abi Pitum begrüßt, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Schatzmeister des Internationalen Rats von Christen und Juden. Überraschend das Wiedersehen mit dem Salesianer- Pater Norbert Hoffmann, Sekretär der Päpstlichen Kommission für die Beziehungen zum Judentum, die zum Rat für die Einheit der Christen gehört: «Wir kennen uns vom Besuch der kirchen- bzw. religionspolitischen Sprecher und Sprecherinnen der Bundestagsfraktionen im Vatikan. Er kam strahlend auf mich zu und wir führten am Rande der Konferenz ein intensives und spannendes Gespräch über soziale Gerechtigkeit und das Auseinanderbrechen der europäischen Gesellschaften in Ultra-Reiche und Ultra-Arme. Wir sind uns schnell einig geworden, dass die Fundamente der Gesellschaft gestärkt werden müssen und dass dabei Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit wichtige Elemente sind. Darüber kamen wir zu einer Überlegung von Gregor Gysi über die Bedeutung und die Glaubwürdigkeit von Religion und Glauben in einer Welt, in der die Idee des Sozialismus großen Schaden genommen, aber auch angerichtet hat.» Bodo Ramelows Fazit von seinem Jerusalem- Besuch ist zugleich auch der Tenor der gesamten Tagung: «Träumen wird man ja noch dürfen.» 2009 findet die Jahreskonferenz des Internationalen Rates von Christen und Juden in Berlin statt: eine gute Gelegenheit für Bodo Ramelow, die neuen Kontakte zu vertiefen.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Juli 2008