Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein Paradies am Kaspischen Meer?Multireligiöses Zusammenleben in Aserbaidschan
Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung lud im Rahmen des deutschen Kulturjahres Aserbaidschan sowie anlässlich des am 28. Mai begangenen 90. Jahrestags der aserbaidschanischen Unabhängigkeit zu einer Konferenz über multireligiöses Zusammenleben am Kaspischen Meer ein. Von dort kamen die drei obersten Würdenträger der muslimischen, der christlich-orthodoxen und der jüdischen Gemeinschaft nach Berlin. Deutscherseits wurde vor allem die stets konfliktfreie religiöse und nationale Vielfalt herausgestellt, nicht minder interessierte das reiche Ölvorkommen nebst altdeutscher Traditionsgeschichte vor Ort. Die Würdenträger lobten nicht anders als Aserbaidschans Berliner Botschafter und der Vorsitzende des Staatlichen Komitees für Religionsangelegenheiten wortreich die brillante Führungsrolle ihres verstorbenen Staatsoberhauptes und die des jetzigen Präsidenten Alijew. Sie hoben allesamt begeistert hervor, wie überaus nachhaltig jene auch die Toleranz im Lande gesichert hätten. Der bergjüdische Vertreter Semyon Ichilov informierte gar darüber, dass die Vollversammlung aller Bergjuden beschlossen habe, Alijew erneut wie mit einer Stimme zu wählen. Unisono klagten alle aserbaidschanischen Redner auf Aseri bzw. Russisch zugleich Armenien der ethnischen Säuberungen an, der Besetzung von 20 Prozent aserbaidschanischen Landes und der Vertreibung nicht nur von Aserbaidschanern. Das habe zu über einer Million Flüchtlinge vornehmlich in Baku geführt, dies wiederum förderte die die Auswanderung nicht-aserbaidschanischer Menschen, beispielsweise vieler Russen und Ukrainer. Der Verbleib von einst dort lebenden rund 200.000 Armeniern blieb unerwähnt. Alijew wurde zwar mit Adenauer verglichen, doch es fehlte die Erinnerung an die Kämpfer und die im Kampf gegen Hitlerdeutschland als Rotarmisten gefallenen aserbaidschanischen Juden, Christen und Muslime. Nur der Vorsitzende der Religionsgemeinde der Bergjuden von Baku deutete diesen Aspekt deutsch-aserbaidschanischer Geschichte an. Ihm zufolge leben noch 30.000 Juden im Lande, 95% davon Bergjuden, also Sefardim. Fünf Synagogen sind wieder aktiv und es gibt einen Hebräischlehrstuhl an der Universität Baku. Seit etwa 1995 sei die Abwanderung nach Israel und Deutschland gestoppt, was der verbesserten Lebenslage zu verdanken ist und auch jüdische Landsleute im Ausland interessiere. Niemals jedoch war der Antisemitismus ein Auswanderungsgrund, immer ging es um wirtschaftliche Not. In Aserbaidschan ist Judenhass demnach seit jeher gänzlich unbekannt. Das an Öl, Nationalitäten und Kulturen reiche und mehrheitlich muslimische Land, so alle Redner, könnte als Modell für interreligiöse Toleranz dienen. Vor 2.600 Jahren wanderten die ersten Juden der Tora-Geographie folgend ein, Christen und Muslime folgten. Um 1900 führten die unermesslich großen Erdölvorkommen zu einem industriellen Boom. Die Investoren wie Arbeitskräfte brachten auch unterschiedliche Weltanschauungen mit. Der Atheismus der Sowjetzeit führte in den 20er und 30er Jahren zur Unterdrückung aller Religionen, zu Verfolgungen, Schließung und Zerstörung religiöser Stätten. Aber am Ende der Sowjetunion erneuerte sich die nie ganz verloren gegangene Vielfalt. Seither werden Moscheen, Kirchen und Synagogen genutzt, neu gebaut und restauriert. 457 islamische, 20 christliche, sieben jüdische, eine Bahaiund eine Krishna-Gemeinde sind beim Religionsamt registriert. Der Vorsitzende des Amtes der Muslime für den Kaukasus, Scheychuliislam Allahshukur Pashahazade, sprach nur kurz. Er war auf dem Weg zu einer muslimischen Konferenz in Mekka. Falsch und beleidigend nannte er die Gleichstellung von Islam und Terror, der Koran fordere im Gegenteil Gerechtigkeit und Frieden. Die Politiker sollten endlich auch auf die Stimmen der Religionsführer hören, deshalb die Reise nach Mekka, deshalb werden religiöse Vertreter aus über 100 Staaten in Absprache mit der UNO 2009 auf einer Konferenz der Weltreligionen in Baku über einen religiösen Weltrat sprechen. Dass sich die nach Berlin gekommenen obersten Würdenträger Aserbaidschans sehr gut kennen und unter sich kein Kommunikationsproblem haben, war offensichtlich. Wenn eine solche Harmonie für alle nationalen und religiösen Gruppen gilt, wie auf der Tagung verkündet, dann wäre Aserbaidschan wahrlich paradiesisch zu nennen. Man würde das zu gern glauben, aber die rein aserbaidschanische Sicht auf den Konflikt um den Berg Karabakh und das Feindbild Armenien passten nicht in dieses schöngeredete Bild. Das deutsche Interesse an der religiösen Praxis des jeweils Anderen wurde übrigens nicht nur von Alexander Isheyin, dem christlichorthodoxen Episkopen, also Landesbischof für Baku, die kaspische Region, Aserbaidschan und Dagestan, mehrfach als eine Frage nach christlicher Missionierung missverstanden. Er machte vorsichtig deutlich, was für ihn religiöse Akzeptanz bedeutet: Ein Christ ist ein Christ, ein Muslim ein Muslim und ein Jude ein Jude. Dies zu begreifen bedeutet, entspannt mit- und nebeneinander zu leben und einander an religiösen wie privaten Fest- und Feiertagen zu besuchen. Atheisten waren übrigens weder im Weltbild der Religionsführer noch in dem der Moderatoren der Konrad-Adenauer-Stiftung vorgesehen. Zumindest in dieser Sache ergänzte man sich aufs Vortrefflichste. |