Enthaltsamkeit als Demütigung der Seele

Am 17. Tammus soll man wegen fünf tragischer Ereignisse fasten

 

Rembrandt: Jeremaia betrauert die Zerstörung Jerusalems. Foto: Rijkmuseum Amsterdam

Der Fasttag des 17. Tammus, der nach dem bürgerlichen Kalender dieses Jahr auf den 21. Juli fällt, erinnert an den Beginn der Zerstörung des Tempels. Der Talmud (Taanit 28b) zählt gleich fünf tragische Ereignisse auf, die sich an diesem Tag ereignet haben sollen. So zerbrach Mosche der Überlieferung nach die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, als er der Anbetung des Goldenen Kalbes gewahr wurde. Drei Wochen vor der Zerstörung des Ersten Tempels wurde dort der tägliche Opferdienst eingestellt. Die drei anderen Ereignisse, an die dieser Trauertag erinnert, beziehen sich auf das 70 n.d.Z., als die Römer die Mauern Jerusalems durchbrachen, die Tora verbrannten und Bilder ihrer Götter in den Tempel brachten. Mit dem 17. Tammus beginnen die drei Wochen der Trauer über die Zerstörung des Zweiten Tempels und über das Exil, die mit einem weiteren Fasttag enden, mit Tischa b'Aw. Welche Rolle spielt aber nun das Fasten im Judentum?

«Soll ich noch weinen und fasten wie ich seit vielen Jahren getan?», lautet die Frage an die Priester und Propheten im biblischen Buch Secharjah 7:3, als unter der milden persischen Regierung das Land Israel wieder von Juden bewohnt werden durfte und der Zweite Tempel errichtet worden war. Die Frage bezieht sich auf die vier nationalen Fasttage, die an die Tempelzerstörung und das Exil erinnern. Secharjah beantwortet diese Frage ausführlich und grundsätzlich: das Fasten ist kein Wert an sich. Selbst das Fasten im Gedenken an die Zerstörung des Landes Israel und seiner heiligen Stätten hat keinen Selbstzweck. Hätte man die Lehren der Propheten befolgt, so wären der Churban Ha'bajit und die Galut, Tempelzerstörung und Exil, verhindert worden. Die im babylonischen Exil eingeführten Fasttage waren nur eine Reaktion auf das bereits geschehene Unheil: „Wenn ihr fastet, wehklagend, im Fünften und im Siebenten nun siebzig Jahre, habt ihr da etwa für mich gefastet?" Nicht Gott, sondern die Menschen haben nämlich durch ihr Verhalten das Unglück herbeigeführt: «wa'jassinu eretz chemda le'schamma» - «und die machten das herrliche Land zur Öde.»

 

Die Tora (Num 29:7) erwähnt nur einen einzigen Fasttag, der regelmäßig von allen Juden beachtet werden soll: den Versöhnungstag Jom Kippur, an dem nicht gegessen, getrunken oder geraucht wird. Man wäscht sich nicht, ist sexuell enthaltsam und vermeidet jede Arbeit. Schon die zehn Tage zuvor, die Jamim Nora'im zwischen dem Neujahrstag und dem Versöhnungstag, sind Tage der Ein- und Umkehr.

Im jüdischen Kalender finden sich weitere Fasttage, die entweder in Zusammenhang mit historischen Ereignissen oder mit religiösen Themen entstanden sind. Der bedeutendste ist der 9. Aw (Tischa b‘Aw), am dem man zunächst der beiden Tempelzerstörungen 586 vor und 70 nach unserer Zeitrechnung und der römischen Einnahme der Festung Betar gedenkt, also des Verlusts nationaler Autonomie und des Beginns des Exils, aber auch an die Vertreibung aus England 1290 und aus Spanien 1492 erinnert. Der 10. Tewet erinnert an den Tag, als die Belagerung Jerusalems begann, die schließlich zum Babylonischen Exil führte. Der 17. Tammus bezieht sich, wie schon erwähnt, auf den Tag, an dem einst die Babylonier und später dann die Römer die Mauer Jerusalems erfolgreich durchbrachen. Die erneute jüdische Präsenz in ganz Jerusalem hat seit 1967 auch dazu geführt, dass diese zusätzlichen Fasttage in liberalen, aber auch in einigen orthodoxen Gemeinden wieder abgeschafft wurden.

Das Fasten am 3.Tischri erinnert an die Ermordung des jüdischen Statthalters Gedalja, dessen Regierung nach der babylonischen Eroberung dem entmutigten Volk wieder Hoffnung gegeben hatte. Mit seinem Tod schwand jede Hoffnung auf neue Autonomie. Der Tod von Gedalja Ben Achikam, Enkel des Schaftan, Schreiber des Königs Joschijahu, entsprach gleichsam der Verbrennung des Tempels. Zwei dieser Fasttage, der 17. Tammus und der 9. Aw, werden auch in der Mischna erwähnt und sind durch die Bejn Ha'mezarim, die «drei Wochen der Bedrängnis», mit einander verbunden. Ihre Bezeichnung geht auf Jeremia 1:3 zurück: «All ihre Verfolger holten sie ein mitten in der Bedrängnis.» Während dieser drei Wochen wird traditionsgemäß keine Hochzeit gefeiert. Man spricht mit Ausnahme der Schabbatot nicht den freudigen Segensspruch Schehechiejanu und meidet deswegen auch jeden freudigen Anlass. Man schert sich nicht die Haare. In den neun Tagen vom 1. bis zum 9. Aw trägt man keine neuen Kleider und nimmt außer an Schabbat kein Fleisch und keinen Wein zu sich. Am Vorabend von Tischa b'Aw isst man nur ein einfaches Gericht, in der Regel eine Eierspeise (das ist auch die erste Mahlzeit von Trauernden nach einem Todesfall), und zwar auf dem Boden sitzend - auch dies eine Trauerhaltung.

Das Esther-Fasten am 13. Adar, dem Tag vor Purim, verweist auf die Entsagung der Königin, mit der sie Gottes Unterstützung erbat und ihre eigene Entschlusskraft stärkte, bevor sie sich König Ahaschveros offenbarte. Beide Fasttage haben im liberalen Judentum nur geringe Bedeutung. Zwei religiöse Fasttage betreffen nur bestimmte Personengruppen: Einen Tag vor Pessach, am 14. Nissan, sollen alle Erstgeborenen fasten und sich daran erinnern, dass die israelitischen Erstgeborenen gerettet wurden, als die ägyptischen Erstgeborenen im Zuge der 10. Plage getötet wurden (Ex 12:19): Sinn ist es, des Schicksals der ägyptischen Erstgeborenen zu gedenken, auf deren Kosten die Israeliten ihre Freiheit erlangten, denn Gott sagte den Engeln: «Auch sie sind das Werk meiner Hände» (Megilla 10b). Orthodoxe Juden pflegen diesen Fasttag zu umgehen, in dem sie stattdessen den Schluss eines Talmudtraktates lesen, was wiederum mit einem freudigen Festmahl verbunden ist. Dieser Abschluss (Sijum gilt als Mitzwa wie das Fasten, ist aber vorrangig. Wenn das Fasten eingehalten wird, vertritt der Vater dabei das minderjährige Kind; ist der Vater selbst ein Erstgeborener, vertritt die Mutter den Jungen.

Ein anderes Fasten ist das von Braut und Bräutigam am Tag ihrer Hochzeit bis zur eigentlichen Hochzeitszeremonie. Sie leisten so Sühne für die Fehler der Vergangenheit bis zu diesem Beginn einer neuen Lebensphase. Es ist ebenfalls Tradition, in Zeiten des Unglücks oder der Gefahr zu fasten, zum Beispiel während einer Hungersnot oder bei politischen Krisen. Heutzutage treten dabei oft politische Protestaktionen an Stelle des traditionellen Gebetes.

Neben den genannten Fastenzeiten gibt es zum Gedenken an Not- und Krisenzeiten eine Vielzahl lokaler oder familiärer Fasttage. Grundsätzlich sind alle mündigen Gemeindemitglieder vom 13. bzw. 12. Lebensjahr an zum Fasten verpflichtet, sofern dies nicht ihrer Gesundheit schadet. Die jüdische Tradition kennt aber auch 36 Tage im Jahr, an denen nicht gefastet werden darf, weil sie mit freudigen Erinnerungen verbunden sind. Nicht weniger wichtig als die Fastenzeiten sind die verbindlichen Mahlzeiten, oft mit symbolische Gehalt, für die das Festmahl Abrahams (Gen 21:8) Vorbild ist. Dazu gehören die drei Mahlzeiten am Schabbat, zwei Mahlzeiten an jedem Feiertag, das Essen am Purim-Nachmittag sowie der Sederabend zu Pessach, der an den Auszug aus Ägypten erinnert. Zu einem Festmahl gehören traditionell Fisch, Fleisch und Wein.

In den jüdischen Gemeinden des Mittelalters und im Chassidismus haben sich weitere Fastenbräuche entwickelt, die denen christlicher Demutsbewegungen entsprechen, also nicht unmittelbar aus der jüdischen Tradition abgeleitet sind. So entstand im Mittelalter das «Buch der Frommen», Sefer Chassidim, das Jehuda Hachassid (1140-1217) zugeschrieben wird und uns in zwei Formen vorliegt, einmal mit 1.172, einmal mit 1.983 Paragraphen. Es handelt sich dabei um ein rigoroses Frömmigkeitskonzept, bei dem es gilt, weit über die von der Tradition geforderte Gebotserfüllung hinaus nach dem Willen des Schöpfers zu forschen. Dazu gehört der Kampf gegen den eigenen bösen Trieb und ein an christliche Vorstellungen angelehntes vierstufiges Bußsystem: erstens «teschuwa haba'ah», die Abwendung von sich anbietenden Möglichkeiten zum Sündigen, zweitens «teschuwat hagader », das Vermeiden von Möglichkeiten zum Sündigen durch Ausweitung der Grenzen des Gebotenen, drittens «teschuwat hamischkal», die freiwillige Übernahme einer Buße, deren Schmerz den von der Sünde gewonnenen Genuss aufwiegt, und schließlich «teschuwat hakatuw », die freiwillige Übernahme von in der Tora gebotenen Strafen.

Daneben wird im Sefer Chassidim eine Art Beichtvater in Gestalt eines Chacham, eines Weisen, eingeführt, der über alle Alltagsfragen entscheidet, auch über die sexueller Natur. Ein Beispiel: «Einmal fragte einer, dessen Trieb ihn übermannte und der deshalb fürchtete, dass er sich versündigt und sich zu einer verheirateten Frau oder zu seiner menstruierenden Frau legt, ob er dann, um die Sünde zu vermeiden, onanieren dürfe. Da antwortete der Befragte: In diesem Augenblick solle er es tun, aber er bedürfe dafür einer Sünde, sich zum Beispiel im Winter ins Eiswasser zu setzen.»

Auch die Chassidim der frühen Neuzeit kennen strenge Askese einschließlich des Fastens. Diese religiöse Frömmigkeitsbewegung geht auf den Baal Schem Tow zurück (1700-1760). Der Chassidismus kennt ekstatische Erlebnisse, die Devekut, die körperliche Begleiterscheinungen hat, etwa starke Gestik, lautes Schreien, Schweißausbrüche und Zittern; diese Devekut wird auch als Himmelsreise beschrieben. Mit Bezug auf das Fasten in Verbindung mit der Buchstabenmystik (der Versenkung in die Buchstaben des Alphabets) schreibt der Baal Schem Tow an seinen Schüler Ja'akov Josef: «Auch rate ich bezüglich Eurer Gedankengänge, die Euch zum Fasten führen: ‚Gott sei mit Dir, Du mächtiger Held', an jedem Morgen zur Stunde, da ihr lernt, heftet Euch an die Buchstaben der Tora in vollkommener Devekut, hingegeben dem Dienst an Eurem Schöpfer, gesegnet sei er und gesegnet sei sein Name. Dann werden die bitteren Gerichtsurteile in ihrer Wurzel in Süßigkeit verwandelt. Dadurch erleichtert Ihr Euch von den bitteren Gerichtsurteilen. ‚Und versag dich nicht deinem Fleische', durch übermäßiges Fasten, Gott bewahre, das nicht geboten und nicht vonnöten ist! Und wenn Du auf meine Stimme hörst, wird Gott mit Dir sein! Damit lass ich's bewenden und sage Schalom, von mir, der ich stets Deinen Frieden suche.»

Rabbiner Jaakov Josef aus Polna'a fastete nach den Fastenanordnungen des Kana, einem kabbalistischen Werk des 14. Jahrhunderts: «Er fastete Tag für Tag und jeden Monat eingemal von Schabbat zu Schabbat, und keiner von den Seinen wusste davon. So ging es fünf Jahre lang. Und im sechsten Jahr, als er gerade ein Wochenfasten hielt, hörte der Baal Schem Tow unterwegs ein himmlisches Rufen: ‚Schnell, eile geschwind zu ihm, denn noch heute wird er den Verstand verlieren'.» Grundsätzlich gilt gemäß Jesaja 58, dass das Fasten ohne entsprechende innere religiöse und soziale Einstellung nichtig ist: die Spiritualität des Judentums ist nicht durch Selbstkasteiung zu erfahren, sondern dadurch, dass man Wohltätigkeit und gute Taten übt.

In diesem Sinne kennt das Judentum also kein Ideal der Enthaltsamkeit. Das zeigt uns die Geschichte vom Nasiräer (dem Nasir) in Num 6. Dort ist vom «Enthaltsamen», einem Geweihten, die Rede, der gelobt hatte, eine Zeit lang ein Gott geweihtes Leben zu führen, und dafür auf Wein verzichteten musste. Am Ende seiner Enthaltsamkeit muss er ein Tieropfer bringen, das «ihm Sühne bringt, weil er sich gegen eine Seele versündigt hat» (Num 6:11). Er muss also für seine Enthaltsamkeit büßen. Warum das? Rabbiner Elieser Hakappar sagte dazu: «Gegen welche Seele hat er sich denn versündigt? Gegen die eigene, denn er hat sich des Weins enthalten! Ein Schluss vom Leichten auf das Schwere: Wenn schon dieser ‚Sünder' genannt wird, der sich nur des Weins enthielt, wie erst jener, der sich einer jeden Sache enthält? Dem Asketen kann man also entgegenhalten: Genügt es Dir nicht an dem, was die Tora verboten hat, dass Du noch andere Dinge verbieten willst?»

Maimonides (1135-1204), der Verfechter des Goldenen Mittelwegs, übernimmt diese antiasketische Einstellung: «Möglicherweise spricht einer: ‚Weil Eifersucht, Begierde, Sucht nach Ehre und ähnliches den Menschen aus der Welt bringen, so will ich mich von ihnen möglichst absondern und ihrem Gegenteil zuneigen', wobei er dann kein Fleisch mehr isst, keinen Wein mehr trinkt, nicht heiratet, in keiner schönen Wohnung lebt, keine schönen Kleider anzieht, sondern sich nur mit einem Sackgewand aus harter Wolle bekleidet... Auch dies ist ein schlechter Weg.Wer auf ihm geht, heißt Sünder.»

Schon Secharjah stellte fest, dass nicht Askese Besserung bringt, sondern dass allein ein entschiedenes Umdenken, eine Wende im sozialen Leben und eine Rückbesinnung auf die Tora und auf die Propheten die Rückkehr nach Zion ermöglichen: «Dies sind die Worte, die ihr ausführen sollt: Redet wahr, einer mit dem anderen, Wahrheit und Recht des Friedens richtet in euren Toren. Und sinnt nicht einer auf des anderen Unheil in eurem Herzen.» Und weiter: «So hat der Gott der Weltenscharen gesprochen: ‚Der Fasttag des Vierten, der Fasttag des Fünften, der Fasttag des Siebenten und der Fasten des Zehnten werden dem Hause Jehuda zur Wonne, zur Freude und zu glücklichen Festen - aber die Wahrheit und den Frieden liebet!'».

Wann und wie werden aber Fasttage zu Festtagen? Rabbi Chana sagt dazu: «Wenn es Frieden gibt, sollen sie Wonne und Freude sein. Wenn es keinen Frieden gibt, Fasttage. Dies bedeutet, wenn Verfolgung herrscht, dann bleibt es beim Fasten. Wenn es aber weder Verfolgung noch Frieden gibt, so kann man nach Belieben fasten oder nicht fasten.» Maimonides folgt in seinen Entscheidungen zum Fasten, dass dabei das leibliche und seelische Gleichgewicht des Menschen im Vordergrund stehen soll, so wie die Tora sagt: «Jedoch hüte dich, hüte sehr deine Seele.» Und Rabbi Josse befand dazu: «Der einzelne darf sich nicht durch Fasten quälen.» Maimonides befand schließlich: «Ebenso wie die Gemeinschaft in ihrer Not fastet, so faste auch der einzelne in seiner Bedrängnis.» Er folgert, dass die Fasttage im messianischen Zeitalter aufgehoben sein werden.

Heutzutage sind gemeinsame Mahlzeiten für Juden in der Regel allemal wichtiger als (mit Ausnahme von Jom Kippur) die Beachtung der Fasttage im jüdischen Kalender. Die Erinnerung an tragische Ereignisse muss deswegen nicht zu kurz kommen, wie es eine amerikanisch- jüdische Redensart bezeugt: «They tried to kill us, we survived it, let's eat!»

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Juli 2008