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Nathan Kalmanowicz über die deutschen Rabbinerkonferenzen und ein Pilotprojekt

 

Nathan Kalmanowicz schafft als Kultusdezernent den Ausgleich zwischen jüdischen Traditionen und modernen Alltagsbedürfnissen. Foto: Arkadi Schafirov

Еr ist Funktionär und Familienmensch zugleich, in München wie in Israel zu Hause, langjähriges Vorstandsmitglied der Münchner Kultusgemeinde und inzwischen auch das dienstälteste Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nathan Kalmanowicz, 1946 als Sohn von Überlebenden der Schoa in München geboren, dürfte als Kultusdezernent des Zentralrats wohl in beinah jeder jüdischen Gemeinde hierzulande ein vertrautes Gesicht sein. Wie Kalmanowicz, der von Berufs wegen in der Baubranche tätig ist, all seine ehrenamtlichen Aufgaben und privaten Interessen unter einen Hut bekommt, bleibt ein Rätsel; fest steht aber, dass sein pragmatischer Umgang mit Religionsfragen und seine Flexibilität der jüdischen Gemeinschaft seit Langem zu Gute kommen. Bestes Beispiel dafür ist die Einrichtung zweier unabhängiger Rabbinerkonferenzen, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) unter dem Dach des Zentralrats im Jahr 2004. Der Ausgleich ist Kalmanowicz wichtig, sagen seine Gesprächspartner.

 

Wie kommt es eigentlich zu Ihrer besonderen Verbundenheit mit religiösen Fragen?

Als ich sechs Jahre alt war, sind wir nach Haifa gezogen. Ich habe dort acht Jahre lang die traditionell ausgerichtete Jawne-Schule besucht, ein Jahr lang auch die Jawne-Jeschiwa. Diese acht Jahre haben mich geprägt, was die Religion und die Sprache betrifft. Mit 14 Jahren bin ich dann zurück nach Deutschland. Ich habe dann an der Technischen Universität in München studiert und bin Diplom-Bauingenieur und Wirtschaftsingenieur. Religion gehört dabei einfach zum Alltag dazu.

 

A propos Israel. Gibt es da noch besondere Kindheitserinnerungen?

Als ich zehn Jahre alt war, also 1956 habe ich einen ägyptischen Raketenangriff auf Haifa mitbekommen. Was da genau passiert ist, habe ich erst später begriffen, doch so ein Erlebnis lässt einen nicht mehr los. Das macht sensibel, auch was die Lage in Israel heute betrifft.

 

Sie sind seit 1992 Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland. Gibt es da so etwas wie einen Höhepunkt in Ihrer Tätigkeit als Kultusdezernent?

Ein wichtiger Wendepunkt war die Neuinstallierung der Deutschen Rabbinerkonferenz mit zwei unabhängigen und gleichberechtigten Flügeln, der ORD und der ARK. Vor 2004 haben sich Orthodoxe und Liberale gegenseitig behindert. Inzwischen ist effektive Arbeit möglich, und ich kann sagen, dass ich diese Arbeit gerne begleite. Ich bin stolz darauf, dass es durchgesetzt werden konnte, dass jeweils drei Vertreter beider Konferenzen den Vorstand Deutsche Rabbinerkonferenz bilden und dass deren Sprecher jährlich alternieren. Darauf lege ich großen Wert. Die ORD hat jetzt etwa 30 Mitglieder, zur ARK gehören 13 Rabbiner. Das bedeutet zwar eine orthodoxe Mehrheit, aber wir wissen ja nicht, wo die Entwicklung hin geht, und es muss sicher sein, dass keine Seite dominiert und die andere unterdrückt. Erklärungen oder Entscheidungen müssen von beiden Flügeln abgezeichnet werden.

 

Wer genau kann Mitglied der Rabbinerkonferenzen werden? Ist Chabad mit im Boot?

Mitglied kann grundsätzlich nur werden, wer in einer Gemeinde oder Einrichtung amtiert, die dem Zentralrat angehört. Daneben gibt es dann noch weitere Rabbinergremien, nämlich die von Chabad Lubawitsch, der Lauder Foundation, aber auch unabhängige Rabbiner.

 

Man trifft Sie mal bei orthodoxen Veranstaltungen, mal bei Masorti oder auch als Gast der Union progressiver Juden. Ist das für Sie als jemand, der im traditionellen Judentum zu Hause ist, nicht ein merkwürdiger Spagat?

Das hat man mich auch schon gefragt, als ich vor fünf Jahren das erste Mal an einem liberalen Gottesdienst bei der Jahrestagung der Union progressiver Juden teilnahm. Da habe ich geantwortet, dass Sara und Rebekka, Lea und Rachel schließlich auch meine Erzmütter sind. Eine viel größere Rolle, auch rein zahlenmäßig, spielt für mich die Frage, wie man all die Zuwanderer, die als Juden nach Deutschland gekommen sind, in das religiöse Leben hier einbilden kann.

 

Die aktuelle Dokumentation «Die Vergangenheit ist ein fremdes Land» von Janusch Kozsminski und Daniel Targownik hat noch mal deutlich gemacht, dass der halachische Status vieler russischsprachiger Zuwanderer noch immer ungeklärt ist. Wie gehen Sie damit um?

Die Juden in der Sowjetunion haben zwei Generationen lang gelitten wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, auch die Kinder jüdischer Väter. Es ist eigentlich beschämend, dass wir nicht die nötigen Hilfestellungen geleistet haben, einen erleichterten Übertritt für sie hinzubekommen Was die religiöse Observanz betrifft, so dürfen wir an die Zuwanderer eigentlich auch nicht höhere Anforderungen stellen als an die Alteingesessenen. Unsere Gemeinden haben dabei oft bis zur Erschöpfung ihrer Kräfte für die Integration der Zuwanderer gearbeitet, und es wäre schlimm, wenn diese Arbeit vergeblich sein soll und wir denen, die in die Gemeinden eintreten wollen, dabei nicht helfen.

Wie können Sie denn helfen? Und warum gerade jetzt?

Jetzt verrate ich Ihnen eine Neuigkeit. In Israel hat man ein Unterrichtsmodell für die Vorbereitung auf den Übertritt entwickelt. Der Lehrgang sieht 400 Unterrichtsstunden vor und wird mit einer Prüfung mit Multiple Choice- Fragen abgeschlossen. Damit haben wir jetzt objektive Übertrittskriterien für die ORK, die vom Oberrabbinat sanktioniert werden. Der persönliche Draht zu den beiden Oberrabbinern in Jerusalem und ihre Besuche bei uns haben ihr Verständnis für die Lage der Zuwanderer geweckt. Wir haben Israels Augen geöffnet. Das klingt vielleicht pathetisch, doch was jetzt dabei herauskommt, ist ein Pilotprojekt für die ganze jüdische Welt, und zusammen mit Costa Rica macht Deutschland dabei den Anfang.

Wie sieht es mit liberalen Konversionen in Deutschland aus?

Es wird jetzt auch auf liberaler Seite einen Rabbiner geben, der Konversionskurse organisiert und eine einheitliche Regelung gemäß der Richtlinien der ARK schafft. Grundsätzlich ist es für mich ein Erfolg, dass die liberalen Einrichtungen inzwischen in die Strukturen des Zentralrats mit eingebunden sind. Die Rabbinerordination in Dresden vor zwei Jahren war ein Meilenstein, und ich kann sagen, dass ich mit dem Präsidenten der Weltunion für progressives Judentum in Jerusalem, Rabbiner Regev, auch persönlich befreundet bin.

 

Vor der Neuordnung der Rabbinerkonferenzen, hört man, war der Übertritt zum Judentum in Deutschland manches Mal nur eine Kostenfrage.

Solche Fragen haben sich erledigt. Wir haben in Abstimmung mit dem Zentralrat feste Gebühren und Tarife eingeführt, und es gibt auch eine Sozialklausel, um niemanden außen vor zu lassen. Die Akten der ORD und der ARK werden in Zukunft im Zentralarchiv des Zentralrats in Heidelberg aufbewahrt, so dass die Unterlagen auch nach Jahren zugänglich und alle formellen Prozesse nachvollziehbar sind, sollte es mal Probleme geben.

 

Und tun sich für Konversionskandidaten aus Deutschland womöglich noch orthodoxe Hintertüren in Basel oder Zürich auf?

Fest steht, dass hier wie in Israel nur noch Übertritte anerkannt werden, die vor einem Bet Din in Einklang mit der ORK vorgenommen wurden. Das stellt nicht die Autorität von Rabbiner und Dajanim in London oder anderswo in Frage, sondern entspricht der jüdischen Tradition und unseren Statuten. Ein Kandidat aus München kann also nicht schnell zu einem Bet Din in die Schweiz fahren, um, dann Mitglied unserer Kultusgemeinde zu werden.

 

Ihr Engagement für jüdische Belange geht weit über Deutschland hinaus. Wo sind Sie denn für die jüdische Gemeinschaft noch überall tätig?

Ich bin ja genau genommen auf drei Ebenen aktiv, die sich gegenseitig ergänzen: neben meinen Ämtern in Deutschland sind das auch der Europäische Jüdische Kongress und der European Council of Jewish Communities sowie Misrachi. Das ergibt dann den Dreiklang Deutschland-Europa-Israel. Eine runde Sache.

 

Aber München bleibt dabei stets im Mittelpunkt?

Hören Sie, ich saß 1974 erstmals im Vorstand der Kultusgemeinde, war lange Jahre Baudezernent. Unser Seniorenheim, das ich mit aufgebaut habe, ist bis heute ein Juwel der Gemeinde. Ja, ein Juwel. Und dann die vielen Jahre als Dezernent für das Schul- und Erziehungswesen. Als Vater von fünf Kindern, die jetzt im Alter von 18 bis 29 Jahren sind, habe ich selbst erfahren, welche Fragen es in jüdischen Familien gibt. Meine Familie, das ist auch die Gemeinde. Das kann man gar nicht trennen. Von einem Lebenswerk zu reden, das ist vielleicht unangebracht, aber man kann doch sagen, dass das Engagement für die jüdische Gemeinschaft meine Lebensaufgabe ist. Und damit bin ich hoffentlich noch lange nicht am Ende.

Das Gespräch führte Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Juli 2008