Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Als hätte nicht jeder gewusst, worum es gehtVor 70 Jahren wurde in Evian kraftlos über die Probleme jüdischer Flüchtlinge beraten
Schon die Wahl des Ortes ließ aufhorchen. Evian-les-Bains statt Genf, dem Sitz des Völkerbundes. Die gute Schweiz wollte nicht deutschfeindlich erscheinen. Also zog man das nicht weit entfernte Idyll am französischen Südufer des Genfer Sees vor. Eine hübsche Kulisse für die aufsehenerregende Konferenz bot das feine Städtchen allemal. Beobachtet von mehr als 200 akkreditierten Journalisten kamen hier im Juli 1938 Vertreter aus 32 Nationen, dazu Abgesandte von 39 Organisationen und Hilfskomitees zusammen, um nach einer Lösung für das jüdische Flüchtlingsproblem zu suchen. Die Zeit drängte. Im März 1938 war Österreich dem Deutschen Reich «angeschlossen» worden. Vieles deutete auf einen bevorstehenden Krieg hin. Die antisemitische Politik der Nazis trieb die etwa 540.000 Juden im «Großdeutschen Reich» in eine immer bedrohlichere Lage. Gerade als am 6. Juli die Konferenz in Evian begann, trat eine neue Verordnung in Kraft, nach der nun auch jüdische Handelsvertreter mit Berufsverbot belegt wurden. Wenige Tage später entzog man den letzten jüdischen Ärzten ihre Approbation. Aus nahezu allen Berufen waren Juden mittlerweile gedrängt und durch die schrittweise Entrechtung ihrer materiellen Basis beraubt worden. Tausende hatten Nazideutschland bereits verlassen und immer mehr drängten zur Auswanderung. Doch die Auswanderung kostete Geld. Schiffspassagen, Visa, Auswanderungszertifikate, alles ohnehin nur schwer zu ergattern, mussten teuer erstanden werden. Ausgerechnet jetzt verschärften manche Staaten ihre ohnehin strengen Aufnahmekriterien. Kanada etwa verlangte finanzielle Garantien, die ausreichten, um eine Farm unterhalten zu können. Andere schlossen ihre Tore für jüdische Flüchtlinge ganz. Gebannt schaute die Welt also nach Evian und vor allem die jüdischen Vertreter setzten große Hoffnung auf die vom amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt initiierte Konferenz. Würden sich die hier versammelten Nationen zur Aufnahme größerer Kontingente von jüdischen Flüchtlingen entschließen? Einwanderungsbeschränkungen lockern, um die Not zu lindern und Hunderttausenden einen rettenden Anker zuwerfen? Zehn Tage debattierten die Delegationen im prächtigen Hotel «Royal» hoch oben über den edlen Villen, während sie den fantastischen Blick auf den See genossen. Welch Kulisse für ein solches Drama! Doch schon das Eröffnungsreferat des amerikanischen Delegationsleiters gab einen Vorgeschmack auf die Stimmung an den Konferenztischen. In wohlfeile Worte verpackt, äußerte Myron C. Taylor zwar sein Bedauern über die Situation, doch die Quote von 27.370 jüdischen Immigranten jährlich könnten die USA beim besten Willen nicht erhöhen. Sein britischer Kollege Lord Winterton, alles andere als ein Judenfreund, sprach ganz offen aus, was die meisten dachten: «Wir sind kein Einwanderungsland! » In diesen Tenor stimmten in den folgenden Tagen auch die übrigen Delegationen ein. Mit Verweis auf die eigene, wirtschaftlich schwierige Lage lehnten sie die Aufnahme von Juden ab. So leid ihnen das alles auch tue. Hinter der ablehnenden Haltung verbargen sich neben den rein wirtschaftlichen Motiven aber auch kaum kaschierte antijüdische Vorbehalte. Man wolle dem Antisemitismus durch eine erhöhte Einwanderung von Juden nicht Vorschub leisten, mahnte etwa der belgische Delegierte. Manche osteuropäische Delegierte erweckten gar den Eindruck, sie wollten in Evian eher ihr eigenes «Judenproblem» diskutieren, als über eine Lösung des Flüchtlingsdramas nachdenken. Die Konferenz konnte sich nicht einmal durchringen, offiziell von jüdischen Flüchtlingen zu sprechen, geschweige denn die Verantwortung Nazideutschlands zu benennen. Man wählte lieber einen neutralen Begriff wie «Herkunftsland». Als hätte nicht jeder gewusst, worum es geht. Aber viele Staaten, erst recht jene in Hitlers Reichweite, wollten es sich mit dem deutschen Diktator nicht verscherzen. Wer wusste schon, was die Zukunft noch bringen würde? Ein klares Statement, so ihre Befürchtung, würde Nazideutschland nur reizen. Kein Zweifel: Auch über den Wassern Evians schwebte der Geist des Appeasements. Über den Terror in Deutschland verlor, bis auf den kolumbianischen Abgeordneten, niemand ein Wort. Ob aus mangelnder Ernsthaftigkeit oder Sorge vor den Reaktionen Hitlers: Die nach Evian entsandten Delegationen genossen zudem längst nicht den der Dimension dieser Problematik angemessenen diplomatischen Status. Selbst die USA als einladende Nation schickten mit dem Industriellen Taylor zwar einen engen Freund Roosevelts, aber eben keinen offiziellen Regierungsvertreter. Aus Protest gegen die immer restriktiver werdende britische Palästinapolitik war aber selbst der Jüdische Weltkongress nicht in Evian vertreten. Den Vertretern der jüdischen Hilfskomitees blieb ein einziger Nachmittag, ihre Appelle vorzutragen. Weiter als bis ins Vorzimmer der Tagung kamen sie dabei nicht. Mit ohnmächtiger Wut mussten sie im Anblick des drohenden Unheils das Desinteresse und die Unentschlossenheit der Welt zur Kenntnis nehmen. Am Ende gab es eine nichtssagende Abschlusserklärung, «dünn wie Evianwasser», wie ein Teilnehmer spitz bemerkte. Kein Staat erklärte sich bereit, eine größere Zahl Juden aufzunehmen. Einzig die Dominikanische Republik unter Führung ihres Diktators Rafael Trujillo verkündete lauthals, 100.000 Juden ins Land zu lassen. Eine bizarre Episode. Trujillo ging es offenbar kaum um einen Akt der Menschlichkeit, sondern eher um die «Durchmischung » der haitianischen Bevölkerung mit «weißen Elementen». Nur wenige Hundert Juden gelangten schließlich in den Inselstaat. Das einzige konkrete Ergebnis der Konferenz am Genfer See war die Einrichtung eines Intergovernmental Committee on Refugees (IGC), das künftig direkt mit dem Deutschen Reich über die Flüchtlinge verhandeln sollte. Das IGC trat zwar später tatsächlich mit Vertretern des Auswärtigen Amtes in Kontakt. Erreichen konnte es gleichwohl kaum etwas. Mit dem Hinweis auf die Nichteinmischung in Innere Angelegenheiten verbaten sich die Nazis jegliche Einflussnahme auf ihre Judenpolitik. Der «Völkische Beobachter» bedachte das folgenschwere Scheitern der Konferenz schließlich mit dem hämischen Kommentar, man biete der Welt die Juden an, doch offenbar wolle sie wohl niemand haben. Dabei hatten sich die Nazis durchaus in ein Dilemma manövriert. Einerseits wollten sie in ihrem Rassenwahn Juden loswerden. Die Vertreibung schien dabei ein probates Mittel. Mit ihrer Ausplünderungspolitik nahmen sie ihnen andererseits aber ja gerade die Perspektive ins Ausland zu gehen. Bevor sich Hitler durch die Eroberung neuen «Lebensraumes im Osten» die Möglichkeit zur physischen Vernichtung von Millionen Juden eröffnete, zirkulierten eine ganze Weile noch Pläne einer umfassenden Aussiedlung. Vor allem im Zusammenhang mit Evian wird dabei immer wieder der «Madagaskarplan» erwähnt. Eine antisemitische Idee, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte und darin bestand, Juden aus Europa einfach in ferne Weltgegenden, wie eben Madagaskar, zu verschiffen. In den Welteroberungsplänen der Nazis eine durchaus realistische Vorstellung, die französische Insel im Indischen Ozean für diesen wahnwitzigen Plan freizugeben. Entsprechende Gerüchte gab es auch im Juli 1938. Auf der Konferenz wurden tatsächlich, freilich nicht im Sinne der Nazis, alle möglichen Varianten durchgespielt, wo etwa im weitläufigen britischen Imperium Juden aufgenommen werden könnten. So boten die Briten großherzig an, einige jüdische Familien in Kenia unterzubringen. Es ist viel darüber diskutiert worden, ob durch das Scheitern der Konferenz Länder wie die USA eine Mitschuld an der Schoa trugen. Im Angesicht der Gefahr für die Juden im deutschen Herrschaftsbereich hatten die teilnehmenden Staaten, vor allem die Großmächte, ganz sicher versagt. Allerdings ahnte in der Julischwüle des Jahres 1938 wohl noch niemand, mit welch tödlicher Konsequenz die Nazis schließlich die «Endlösung der Judenfrage» betreiben würden. Mit ihren restriktiven Einreisebestimmungen, dem Zurückweisen von jüdischen Flüchtlingen, der Politik des Wegschauens haben viele Länder Menschen gleichwohl in den sicheren Tod geschickt. Man denke an die tragische Geschichte der «St. Louis». Mit über 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord nahm das Schiff im Frühjahr 1939 von Hamburg aus zuerst Kurs auf Kuba, wurde dort aber abgewiesen. Nur wenige Juden mit gültigen Papieren durften an Land gehen. Nachdem schließlich auch die USA eine Einreise verweigerten, landete die «St. Louis» nach erfolgloser Odyssee wieder in Antwerpen. Ein Großteil der Flüchtlinge wurde später von den Nazis ermordet. Juristisch würde man wohl von unterlassener Hilfeleistung sprechen. Das moralische Versagen ist nicht in Worte zu fassen. |