Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Eine Gesellschaft von FreundenIn der Berliner Jägerstraße wird rund um die Familie Mendelssohn Geschichte lebendig
An einem Berliner Abend im Mai diskutieren Sonia Simmenauer und Baha Güngör darüber, was passiert, wenn einer emigriert und heimkehrt, ohne wegzugehen und anzukommen. «Zwillingsbilder» ist die Veranstaltung überschrieben, die als Begleitprogramm zur Ausstellung über Klischees «von Juden und anderen» im Jüdischen Museum Berlin konzipiert wurde. Simmenauer, eine in Amerika geborene Tochter von 1938 aus Hamburg geflohenen Juden, wuchs in Frankreich auf. In den 70er Jahren zog es die Künstleragentin aus Liebe in die Stadt ihrer Vorfahren. Heute betreibt sie unter anderem das Café Leonar im ehemals jüdischen Grindelviertel. Ihr Gesprächspartner wurde in der Türkei geboren, immigrierte 1961 gemeinsam mit den Eltern nach Deutschland und leitet heute die Türkische Redaktion der Deutschen Welle in Köln. Unter anderem publizierte Güngör über «Die Angst der Deutschen vor den Türken». Zu den transnationalen Identitäten der Diskutanten gesellt sich die australische Chansonnière Meow Meow, die die Themen Migration und Identität mit Songs von Kurt Weill, Friedrich Hollaender und Laurie Anderson aufgreift und so den Bogen von heute bis in die Zeit der großen Emigration vor dem Zweiten Weltkrieg spannt. So wie die Musik die Diskussion um Eigen- und Fremdbilder einrahmt, so bieten Architektur und Geschichte des Veranstaltungsortes den idealen Hintergrund, verweisen sie doch auf eine Familie, deren Schicksal sowohl von Emigration wie von Integration geprägt ist - und die wie kaum eine andere das Gesicht der Stadt Berlin geprägt hat. Gemeint ist die Mendelssohn-Remise in der Jägerstraße 51. Der Raum ist schlicht, die Wände mit den Schautafeln geben in klarer und knapper Form die Geschichte der Familie wider, die gut 300 Jahre zurückreicht. Viele der Töchter, Söhne, Enkel und Urenkel, unter ihnen zahlreiche Musiker, Schriftsteller, Bankiers und Industrielle, sind auch heute noch mindestens ebenso berühmt wie der Urahn Moses Mendelssohn. Erinnert sei nur an die Schriftstellerin Dorothea Schlegel, die älteste Tochter von Moses Mendelssohn, und an zwei seiner Enkel, die Komponistin Fanny Hensel und deren Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy sowie an dessen Sohn Paul, den Gründer von AGFA. Neben den Gipsbüsten der Familie geben jene der Gäste wie Clara Schumann, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Alexander von Humboldt eine vage Vorstellung davon, was für ein kulturelles Zentrum sich einmal hinter dieser Adresse verbarg. Im Seitenflügel des Hauses, das in unmittelbarer Nähe des Gendarmenmarkts liegt, hatten die beiden Söhne des großen Philosophen und jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, Joseph und Abraham, 1815 die Räumlichkeiten ihres wenige Jahre zuvor gegründeten Bankhauses verlegt. In den kommenden mehr als 100 Jahren sollte die Familie Mendelssohn, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, zu einer der zentralen Familie Deutschlands werden. Sie wurde allerdings auch zu einer Familie, die bereits in der ersten Generation der Forderung ihres Übervaters Moses Mendelssohn, sich auf der einen Seite, im Privaten, als fromme Juden zu verhalten, auf der anderen Seite, im öffentlichen Raum, als aufgeklärte Staatsbürger, nur bedingt Folge leistete. Das macht die Familie zu einer, die bis heute in jüdischen Kreisen durchaus zwiespältig beurteilt wird, was sie aber auch ungemein interessant macht, wie Thomas Lackmann erklärt. Der 53jährige Journalist, der selbst zu den Nachfahren Moses Mendelssohns zählt, hat eine umfassende Familienbiographie (Thomas Lackmann: Das Glück der Mendelssohns: Geschichte einer deutschen Familie, Aufbau 2005, als Taschenbuch 2007) veröffentlicht. Darin macht er deutlich, dass Joseph Mendelssohn und sein Bruder zwar keine Zwillinge waren, sich in vielerlei Hinsicht jedoch geradezu spiegelbildlich verhalten haben - indem sie Gegensätzliches taten. So blieb Joseph Jude, Abraham hingegen wurde Christ. Joseph habe vorsichtig investiert, Abraham oft viel riskiert und verloren, so Lackmann. Während Joseph ein populäres Theater gründete, sei Abraham durch die Unterstützung seiner beiden Wunderkinder Fanny und Felix zum Vater zweier sich in elitären Kreisen bewegender Musik-Stars geworden. Gerade Felix sollte zum Apologeten christlicher Kirchenmusik und dennoch zum Feindbild des Antisemitismus von Richard Wagner werden. Joseph ehrte als Biograph seinen berühmten Vater; Abraham und seine Kinder nahmen den «christlichen» Namen Bartholdy an, nicht zuletzt um das «jüdische » Mendelssohn zu entkräften. Dennoch sei, so Lackmann, aus der Firmengründung der ungleichen Brüder eine Erfolgsgeschichte geworden und bis zur Liquidation durch die Nationalsozialisten 1938 wurde das Bankhaus «Mendelssohn & Comp.» tatsächlich gleichermaßen von Nachkommen Joseph Mendelssohns und Abraham Mendelssohn Bartholdys getragen. Das Unternehmen expandierte im Lauf der Jahre zur größten Berliner Privatbank, es wurden französische Reparationszahlungen bedient und der Bau neuer Eisenbahnlinien in Russland finanziert. Sogar der Zar persönlich stand auf der Empfängerliste Mendelssohn'scher Finanzierungen. Der stetig steigende Umsatz brachte aber noch einen anderen Aspekt mit sich: Vertreter beider Familienzweige traten als Mäzene und Stifter in Kunst und Kultur, aber auch im sozialen Bereich hervor. Die Verbindung von Kultur und Kommerz bleibt typisch für den Stil des Bankhauses, für den ganzen Familienverband aus Bankiers, Künstlern, Gelehrten, der Preußens Wirtschaftsund Kulturgeschichte prägt. «In der fruchtbaren Spannung zwischen den Mendelssohns und den Mendelssohn-Bartholdys lassen sich Konflikte um unterschiedliche Wege der Integration erkennen, obwohl seit der vierten Generation kein Familienmitglied mehr der Synagoge angehört », so Lackmann, der damit auf das bürgerliche Engagement der Mendelssohns zu sprechen kommt. Das Emblem der Mendelssohns: der Kranich mit einem Stein in der Kralle unter dem Spruch «Ich wach», legt Zeugnis vom Anspruch an die eigene Familie ab: Wachsamkeit. Sie bezieht sich nicht zuletzt auf das, auch geistige, familiäre Erbe. Entsprechend erforscht der Journalist nicht nur schreibend die Familiengeschichte, sondern ist auch stellvertretender Vorsitzender des «Geschichtsforums Jägerstraße », eines Vereines, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Erinnerung an den einstmals zentralen Ort der Mendelssohns wach zu halten. In der Jägerstraße am Gendarmenmarkt besaßen die Mendelssohns zeitweise sechs Wohn und Geschäftshäuser. Die Remise wurde um 1890 als Kassenhalle errichtet und später zu einem Wagenschuppen umgebaut. In der Jägerstraße befand sich jedoch nicht nur die Zentrale Mendelssohn'scher Geschäftstätigkeit, auch das Zentrum des bürgerlichen Engagements der Familie war hier beheimatet, worauf der Verein ebenfalls hinweisen möchte. Die Revolution von 1848 etwa und auch die Salons zahlreicher Damen als Treffpunkte der bürgerlichen Gesellschaft setzten hier unverkennbare Zeichen einer neuen Zeit. Die Topographie dieser Zeitenwende sichtbar werden zu lassen, ist ein weiterer Punkt, den das Geschichtsforum an die Oberfläche bringen möchte. Und es sieht so aus, als würde das bürgerliche Engagement der rund 30 Mitglieder und der etwa noch einmal so vielen ehrenamtlichen Helfer sich in gewisser Weise «auszahlen». Rund 5.000 Besucher kommen jährlich in die Jägerstraße, um die Dauerausstellung zu besichtigen. Die im Hinterhof gelegene Remise wird dabei auch gern als Ort der Stille inmitten des Gewusels der hochsommerlichen Hauptstadt angenommen - oder eben als öffentlicher Diskussions- und Veranstaltungsraum. Manchmal allerdings geht es hier richtig turbulent zu. Wenn sich etwa rund 300 Mendelssohns zu einem Familientreffen zusammenfinden, so geschehen im Oktober vergangenen Jahres. Nur die Wenigsten tragen noch den Namen des Urahn, sie heißen stattdessen Block, Leo, Olsen, Raine, Schenck, Schoeps, von Schwerin, Winter, Wyss - oder eben Lackmann. Die individuellen Lebensläufe und ihre Verknüpfung mit denen der Vorfahren zeigte einmal mehr, dass die Familiengeschichte der Mendelssohn auch Teil der Kulturgeschichte des, nicht nur deutschen, Judentums ist. Einen besseren Ort als die symbolische Heimat der Familie Mendelssohn in der Jägerstraße hätte es für ein solches Treffen nicht geben können.
Ausstellung in der Mendelssohn-Remise Jägerstraße 51 in Berlin Mitte Öffnungszeiten: donnerstags bis dienstags, jeweils 12 bis 19 Uhr www.jaegerstrasse.de |