Nicht mehr als ein Werkzeug der Nazis

Wie der Deutsche Fußball-Bund seine Unschuld verlor

 

Siegen für den Führer: Die Mannschaft des FC Schalke 04 von 1939. Foto: dpa

Was für alle anderen Gesellschaftsbereiche galt, traf auch auf den deutschen Fußball zu: Fußball im Nationalsozialismus war keine politikfreie Insel der Sport-Seligkeit. Im Gegenteil: Der Prozess der aktiven Beteiligung von Vereinen und Verbänden an der nationalsozialistischen «Revolution» begann bereits kurz nach dem 30. Januar 1933. In vorauseilendem Gehorsam führten deutsche Turnund Sportvereine das «Führerprinzip» ein und bekannten sich offen zu den sattsam bekannten Zielen der braunen Machthaber. Diese gefügige Kooperation, die man auch Kollaboration nennen mag, verdient eher den Namen einer «Selbstgleichschaltung».

Bereits im April 1933 wurden die jüdischen Mitglieder aus dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ausgeschlossen. Viele Vereine bekannte sich uneingeschränkt zum «Arierparagraphen» und verfassten eine Resolution, in der sie bekundeten, sich «der nationalen Regierung freudig und entschieden » zur Verfügung zu stellen und ihre Mitarbeit «insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen » anboten. Dem folgte eine Bekanntmachung vom 19. April 1933, in der der DFB verkündete, dass Angehörige der «jüdischen Rasse» in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht länger «tragbar» seien. Was für Funktionäre galt, sollte ebenso für aktive Spieler gelten.

Auch der DFB als Dachverband aller deutschen Fußballvereine rechnete sich zu den Akteuren, die Eigeninitiative entwickelten und die Judenpolitik der neuen Machthaber in ihrer Organisation umsetzten. Vor diesem Hintergrund stellt sich nicht mehr die Frage nach der «Instrumentalisierung» des Sports durch die Nationalsozialisten für ihre rassistische, antidemokratische und militaristische Politik, sondern die Frage nach der Rolle des Sports als Handelndem im Machteroberungsprozess der Nationalsozialisten.

Die Rolle des organisierten Fußballsports beziehungsweise des DFB und seiner Vereine in dem politischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozess nach der «Machtergreifung » steht im Mittelpunkt eines voluminösen, kurzweilig zu lesenden, nun von Lorenz Peiffer und Dietrich Sulze-Marmeling herausgegebenen Sammelbandes.

Da die Nazis um das Propagandapotenzial des Volkssports Fußball wussten, bedienten sie sich dieses Massenphänomens. Und die Spieler, unpolitisch wie sie sich gaben, ließen sich nur allzu gern instrumentalisieren. Sie profitierten schließlich von den staatlichen Wohltaten.

Ausgerechnet das erste und einzige Fußballspiel, dem Hitler je als Zuschauer beiwohnte, und das eine Demonstration deutscher Stärke und Überlegenheit hatte werden sollen, geriet dabei zur peinlichen Blamage: Bei der Zweitrundenbegegnung während der Olympiade 1936 unterlag die deutsche Mannschaft gegen den klaren Außenseiter Norwegen mit 0:2. Neben Hitler wurden weitere Parteigrößen Zeugen dieses Debakels. Propagandaminister Goebbels notierte in sein Tagebuch: «Der Führer ist ganz erregt, ich kann mich kaum halten. Ein richtiges Nervenbad. Ein Kampf wie nie. Das Spiel als Massensuggestion». Hitler hatte wütend das Stadion vorzeitig verlassen.

Jüdische Fußballer hatten vor ihrer Ausgrenzung national und international eine herausragende Rolle gespielt. Ein Fall sei kurz beschrieben: Am 10. April 1933 musste Julius Hirsch der Zeitung entnehmen, dass die süddeutschen Spitzenclubs beschlossen hatten, jüdische Mitglieder auszuschließen. Noch am gleichen Tag schrieb Hirsch seinem Verein, dem Karlsruher KFV: «Ich gehöre dem KFV seit dem Jahre 1902 an und habe demselben treu und ehrlich immer meine schwache Kraft zur Verfügung gestellt. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV meinen Austritt anzeigen». Hirsch, den alle nur «Juller» nannten, der mehrere militärische Auszeichnungen im 1. Weltkrieg erhalten und der 1925 seine aktive Laufbahn beendet hatte, konnte auf eine Reihe sportlicher Erfolge verweisen: zweimal Deutscher Meister, vier süddeutsche Meistertitel, siebenmaliger Nationalspieler und, als Höhepunkt seiner Laufbahn, die Olympiateilnahme 1912 in Stockholm. Im Dezember 1911 hatte er als erster jüdischer Fußballer in der deutschen Nationalmannschaft debütiert. Das spektakuläre 5:5 gegen die Niederlande in Zwolle kommentierte Hirsch 1935 rückblickend so: «Es gelang mir in diesem Spiel, nicht weniger als vier von fünf erzielten Toren zu schießen. Das fünfte Tor schoss mein Glaubensgenosse Fuchs». Hirschs letzte Karriere, will man es zynisch formulieren, endete gleichwohl im Frühjahr 1943 - in Auschwitz. Unverzeihlich und beschämend ist der Eintrag in der «offiziellen» DFB-Geschichte aus den 1950er Jahren, in dem Julius Hirsch unter der Rubrik «Unseren Toten zum Gedächtnis» als «gestorben 1939/45 im Ghetto» erwähnt wird. Im Sammelalbum des «Kickers» aus dem Jahre 1939 mit der Sondernummer «Die deutschen Nationalspieler » sucht man Bild und Biographie von Julius Hirsch, der sich inzwischen Julius «Israel » Hirsch nennen musste, vergebens.

Auch der Jude Walther Bensemann prägte den deutschen Fußball, vor allem aber den FC Bayern München. Bensemann war nicht nur Gründungsmitglied des im Jahre 1900 aus der Taufe gehobenen FC Bayern, sondern auch des DFB und gilt als Deutschlands profiliertester Fußballjournalist. Kurz, er war ein Pionier, der den Fußball in Deutschland popularisiert und zu einem klassenübergreifenden Massenphänomen gemacht hatte. Die Vereinsgründer in München waren ein buntes Gemisch aus Sachsen, Hanseaten und Preußen, kurz: «Zuagroaster» - unter ihnen eine Reihe Juden. Neben Bensemann waren dies Josef Pollack, Gustav Rudolf Manning, die in der Führungsetage des Vereins saßen. Die Nationalsozialisten trieben Bensemann außer Landes und diffamierten seine Ideale, von den ihm zustehenden Anteilen am «Kicker» sah er keinen Pfennig.

Im Jahre 1913 (bis 1933) wurde dann Kurt Landauer zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. Zu den «Juden» der Bayern gehörte auch deren Trainer Richard «Little» Dombi, der als Aktiver unter seinem Geburtsnamen Richard Kohn von 1908 bis 1912 sechsmal das Nationaltrikot Österreichs getragen hatte. Unter Dombi alias Kohn wurde der FC Bayern 1932 in Nürnberg erstmals Deutscher Meister. Einige Monate nach diesem Triumph waren dessen Macher nicht mehr im Lande oder nicht mehr in offiziellen Funktionen. Die Nazifizierung machte auch vor dem FC Bayern nicht halt: Erfolgscoach Dombi verließ zusammen mit Jugendtrainer Otto Beer München, beide gingen in die Schweiz. Landauer wurde am 10. November 1938 in «Schutzhaft» genommen und ins KZ Dachau verschleppt, konnte jedoch nach seiner Freilassung ebenfalls in die Schweiz emigrieren. 1947 kehrt er nach München zurück und wurde noch im gleichen Jahr ein zweites Mal zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. Er hatte das Amt bis 1951 inne.

Kurz vor dem Nürnberger Finale von 1932 war dem deutschen Fußball bereits Jenö Konrad verlorengegangen: Als Trainer hatte der ehemalige ungarische Nationalspieler den 1. FC Nürnberg bis ins Halbfinale geführt - und dort 0:2 gegen Bayern München verloren. Konrad kapitulierte vor der antisemitischen Hetze des in Nürnberg erscheinenden «Stürmers», der nach der Niederlage schrieb: «Der 1. Fußballclub Nürnberg geht am Juden zugrunde. Klub! Besinne dich und wache auf. Gib deinem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem. Werde wieder deutsch, dann wirst du wieder gesund. Oder du gehst am Judentum zugrunde!»

Bis in die Gegenwart bleibt der Fußball nicht von Rassismus und Antisemitismus verschont. Teils rassistisch motiviert, teils aus Dummheit und Geschichtslosigkeit, wird die Eintracht aus Frankfurt bis heute als «Judenklub» bezeichnet, da sich das jüdische Sponsorentum für diesen Verein in den 1920er Jahren im Bewusstsein sogenannter Fans erhalten hat. Jugendspieler werden zuweilen als «Judebubben» beschimpft, oder bei Derbys wird unmissverständlich gerufen: «Zyklon B für die SGE!»

Bekanntermaßen war Ignatz Bubis erklärter Eintracht-Fan, der gleichwohl bitter erfahren musste, dass es auch in «seinem» Verein Rassismus und Vorurteile gab. Von der Tribüne des Waldstadions musste er mithören, dass aus dem «Fan»-Block «Schiri nach Auschwitz!» skandiert wurde. Als der DFB 1992 einen Bundesliga-Spieltag dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass widmete, erhielt auch die Jüdische Gemeinde 150 Freikarten zum Spiel Eintracht Frankfurt gegen den HSV. Bald erhielt er einen Anruf von der Präsidentensekretärin, die sich bei Bubis darüber beklagte, dass «seine Landsleute» die Tickets noch nicht abgeholt hätten. Darauf Bubis: «Das kann nicht sein. Ich habe gerade in der Zeitung gelesen, dass 30.000 Karten von meinen Landsleuten schon im Vorverkauf erworben wurden».

Der DFB hat lange Zeit seine Rolle im Nationalsozialismus ignoriert oder beschönigt. Täter und Mitläufer hat er geschützt, die Opfer hingegen dem Vergessen preisgegeben. Einer dieser Opfer war der erwähnte Julius «Juller» Hirsch, Torjäger des Karlsruher FV und der deutschen Nationalmannschaft. An ihn wollte sich der DFB lange, allzu lange, nicht erinnern. Erst im Jahre 2005 lobte der DFB, «stellvertretend für viele bedeutende jüdische Spieler, die den deutschen Fußball maßgeblich geprägt» haben, den «Julius-Hirsch-Preis» für «Einsatz im Kampf gegen Rassismus» aus. Das Schicksal des Julius Hirsch dürfe nicht in Vergessenheit geraten, so DFB-Präsident Theo Zwanziger für diese Initiative. Eine späte Rehabilitation, immerhin. Erster Preisträger im Übrigen war der FC Bayern München für das «Match of Peace» seiner U-17 gegen die israelisch-palästinensische Auswahl des «Peres Center for Peace».

Das Personal, mit dem der DFB nach 1945 antrat, bewies Kontinuität: DFB-Präsident wurde Peco Bauwens, der sich in den NS-Jahren darum bemüht hatte, die FIFA im Sinne deutscher Großmachtpolitik umzugestalten und der im Nachkriegsdeutschland damit zu tun hatte, seine Biographie zu entschlacken und zu schönen. Bauwens machte aus seinem unverändert gestörten Verhältnis zur Demokratie nie ein Hehl. Die Weltmeister von Bern wurden von ihm im Juli 1954 mit einer «Sieg-Heil-Rede» «Süddeutsche Zeitung» in München empfangen. Als der DFB 1975 eine Festschrift vorlegte, gehörte zu den Autoren ein gewisser Ernst Werner, der sich bereits vor 1933 mit antisemitischen und rassistischen Äußerungen hervorgetan hatte.

Inzwischen hat auch beim DFB ein Umdenken eingesetzt. Er gab vor einigen Jahren endlich eine Studie in Auftrag, die auch die NS-Zeit und die Verstrickungen des DFB nicht ausblendete. Verbandspräsident Zwanziger machte deutlich, keinen Schlussstrich ziehen zu wollen und plädierte für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Zwanzigers Klarstellung war für die Herausgeber eine Herausforderung, das Thema breiter und tiefer zu bearbeiten. Was der Nationalsozialismus konkret für den Fußball bedeutete, wird anhand von Beiträgen zu einigen Vereinen beschrieben, darunter damalige Spitzenclubs wie 1. FC Nürnberg, Bayern München und Schalke 04. Der deutsche FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker steht stellvertretend dafür, dass es unter deutschen Fußballfunktionären auch anständige Menschen gab, wenngleich diese eher eine Ausnahme von der Regel darstellten.

 

Lorenz Peiffer/Dietrich Sulze-Marmeling (Hrsg.): Hakenkreuz und rundes Leder. Fußball im Nationalsozialismus. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2008. 606 Seiten, 39,90 Euro.

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», Juli 2008