Die Last der Vergangenheit

Fürstenberg und das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück

 

Die Wörter sind das Problem. Sie sind nicht neutral. Vielmehr werden mit ihnen Geschichten aus einer bestimmten Perspektive erzählt. Für den einen mutet es seltsam an, wenn geschichtliche Begriffe, die aus einem anderen, entgegengesetzten Zusammenhang stammen, sich in einer Erzählung zu eigen gemacht werden. Für die anderen, die aus dieser Perspektive erzählen, ist es ein ganz normaler Vorgang. Denn es ist ihre Geschichte, die mit diesen Wörtern erzählt wird. Und für diese können auch Begriffe wie «Todesmarsch » oder «Opfer» verwendet werden. Doch sind es nicht ehemalige KZ-Überlebende, die hier sprechen. Es sind Einwohner einer kleinen Stadt im heutigen Brandenburg, die sich mit diesen Begriffen an das Kriegsende und die Befreiung des in unmittelbarer Nähe gelegenen Konzentrationslagers erinnern. Das Wort «Befreiung » kommt in den Erinnerungen allerdings kaum vor, denn für die meisten Einwohner war das Kriegsende keine Befreiung, sondern oftmals der Beginn ihrer Leidensgeschichte.

Im Metropol-Verlag ist im vergangenen Jahr ein Buch erschienen, das einen anderen Blick auf die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, das ehemalige Frauenkonzentrationslager wirft. Ein Blick aus der Sicht der «Nachbarn» - der Fürstenbergerinnen und Fürstenberger, die bis heute ein zwiespältiges Verhältnis zu dem geschichtsträchtigen Ort haben. Die Historikerin Annette Leo hat mit Jens Schley in den Jahren 1999 und 2000 35 Fürstenberger der Jahrgänge 1913 bis 1933 interviewt. Aus diesen Interviews ist das Buch «Das ist so'n zweischneidiges Schwert hier unser KZ ...» hervorgegangen, welches die Autorin jüngst in der Reihe «Lebenszeugnisse» des Literaturforums im Brecht-Haus vorgestellt hat. Im angeregten Gespräch mit dem Moderator Wolfgang Benz erzählte Leo von der Entstehung des Buches. Anfangs gestalteten sich die Begegnungen mit den Fürstenbergern nicht einfach. Zu einem ersten Treffen kamen gerade mal sechs Interessierte, von denen gleich einer klar stellte, dass es ein «verfehltes Vorhaben» wäre, was die beiden Historiker hier im Blick hätten. Denn Fürstenberg und Ravensbrück «hätten nichts miteinander zu tun». Dass die beiden Orte sehr viel mehr miteinander zu tun hatten und haben, trat in den Interviews jedoch offensichtlich zu Tage. Den Türöffner bildeten die Frauen, wie Annette Leo im Gespräch betont. Sie machten die Erfahrung, dass die beiden Interviewer ihrer Geschichte zuhörten, und empfahlen sie an andere Sprechbereite weiter. Die Entscheidung der Historiker, lebensgeschichtliche Interviews zu führen, d.h. keine Frage vorzugeben, sondern die Fürstenberger biografisch erzählen zu lassen, kann dabei als Glücksgriff gewertet werden. Dadurch, dass sich die Gesprächspartner als ganze Person ernst genommen fühlten und den Raum bekamen, über ihr Leben zu erzählen, ergab sich der Übergang zum eigentlichen Thema - dem «Lager» - von selbst. In die Erzählungen der Befragten flossen Geschichten um das «Lager» immer wieder mit ein. Und es wird deutlich, wie sehr es in den Jahren zwischen 1939 und 1945 zum Alltag gehörte. Sei es durch die Wachleute der SS, die junge Mädchen zum Tanz ausführten. Oder das vertraute Klackern der Holzpantinen, wenn die Häftlingsfrauen durch den Ort zum Arbeiten gingen. Dazu gehörten aber auch die Lieferungen für das KZ von Fürstenberger Firmen. Eine Fleischerei belieferte die SS-Kantine, eine Baufirma baute die Aufseherinnen-Häuser mit auf, eine Tischlerei fertigte die Holzgestelle für die Häftlingsbetten. Einigen jungen Frauen war das KZ ganz normaler Arbeitsort - sie arbeiteten als Telefonistinnen, manche als Aufseherinnen. Auch im Rückblick scheint die Verbindung zum Lager normal. Kritisiert wird das Verhalten in den Interviews nicht, wie Leo erklärte. Die jungen Mädchen, die Aufseherinnen wurden, sind dort «einfach so reingerutscht». Und einige Zulieferer werden posthum zu Helden gemacht, die Häftlingen mit Lebensmitteln versorgt hätten. Auch die Vorstellung vom Lager als Ort von «Zucht und Ordnung» lebt fort. Auf die Frage aus dem Publikum, wie die Einwohner die Häftlinge denn wahrgenommen hätten, erklärte Leo, dass vor allem die Bilder von «Arbeitsscheuen» und «leichten Mädchen» weiter existierten, die schon «etwas gemacht haben werden», wenn sie dort waren. Als Zuhörer ist man an dieser Stelle überrascht über die Kontinuität von Denkmustern. Hilfreich ist der Kommentar der Autorin nicht nur in der Diskussion, sondern auch beim Lesen des Buches. Er hebt eindringlich hervor, wie Stereotypen und Propaganda in der Erinnerung weiterexistieren. Leo betonte in der Diskussion zudem, dass sich in den Erzählungen verschiedene Erinnerungen überlappen, die mit dem Jahr 1945 eine neue Richtung nehmen. Bedeutete das Ende des Krieges für die Häftlinge die Befreiung, ist es für die meisten der interviewten Fürstenberger der Beginn ihrer Leidensgeschichte. In ihren Erzählungen dominiert das Bild, Opfer von Willkür und Gewalt der russischen Armee zu sein. Manchmal scheint die Geschichte sich hier fast zu verdrehen. Etwa, wenn die ehemalige Besitzerin der Fleischerei erzählt, dass auf einem Marsch von verhafteten Deutschen die russischen Soldaten die Männer erschossen hätten, die nicht mehr weiterlaufen konnten. Es werden Bezeichnungen, die für die Todesmärsche der KZ-Häftlinge verwendet stehen, und in den Kontext der eigenen Geschichte gebracht. Damit findet ein Bruch mit historischen Normen statt. Und eben die Darstellung dieses Bruches macht den Band so wertvoll. Er offenbart Erinnerungen, die man im offiziellen, politisch korrekten Gedächtnis gern aussparen möchte, die aber in breiten Teilen der Bevölkerung existieren und auch ausgesprochen werden. Das Buch leistet insofern auch ein Stück Aufklärungsarbeit über «Brüche und Kontinuitäten in der Erinnerungslandschaft», wie die Autorin in ihrem Schlusswort schreibt. Für das Buch wurde Annette Leo am 21. Juni in Neustrelitz der Annalise-Wager-Preis verliehen.

 

Annette Leo: «Das ist so'n zweischneidiges Schwert hier unser KZ ...». Fürstenberger Alltag und das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Metropol Verlag, 2007. 185 Seiten, 16 Euro.

Ulrike Schneider

«Jüdische Zeitung», Juli 2008