Eine Amerikanerin in Berlin

Edith Andersons «Liebe im Exil» erzählt auch die Geschichte des Aufbau-Verlags

 

Edith Anderson in jungen Jahren. Foto: Basisdruck

Angesichts der drohenden Abwicklung wird im Feuilleton immer wieder auf die Bedeutung des Berliner Aufbau- Verlages hingewiesen, auf die historische und auf die kulturelle. Einerseits war er einer der größten ostdeutschen Buchverlage überhaupt, 1945 von Johannes R. Becher initiiert, über die Wende gerettet von einem 68er, der jetzt vor den juristischen und wirtschaftlichen Anforderungen, die im Detail kaum mehr zu durchschauen sind, kapituliert und nun nur noch sein Kapital retten will. Idealist, wer da anderes erwartet. Andererseits war Aufbau das Synonym einer Kultur und damit Spiegelbild der Gesellschaft, für die der Verlag produzierte. Mit seinen drei Säulen: Klassikerausgaben, Gegenwartsliteratur und Werke von Emigranten verlegte Aufbau Bücher, die den Deutschen im Nachkriegsdeutschland und später in der DDR Orientierung, Vergewisserung und Aufklärung bieten sollten. Und insbesondere mit seinen Zeitschriften - «Aufbau » (bis 1958) und «Sinn und Form» (ab 1949) - auch für Pluralisierung von Formen und Meinungen, die in der DDR so heute kaum mehr für möglich gehalten wird.

Diese engagierte Streitkultur hatte ihren Preis, den einige ihrer Protagonisten zahlten. Walter Janka, seit 1953 Leiter des Aufbau-Verlages, wurde 1956 vom Schreibtisch weg verhaftet und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Peter Huchel, Chefredakteur von Sinn und Form, musste 1962 von seinem Posten zurücktreten. Anderen zerstörte es die Gesundheit.

Zu ihnen gehört Max Schroeder, der 1958 mit nur 57 Jahren starb. Er hatte den Verlag mit aufgebaut, seit 1947 war er Cheflektor. Mit der Gewissheit, ein neues Deutschland aufzubauen, kehrte er 1946 aus dem amerikanischen Exil in seine Heimat zurück. Ein Jahr zuvor hatte er in New York Edith Anderson geheiratet, eine 16 Jahre jüngere Jüdin, die er als Redakteurin des kommunistischen Daily Worker kennengelernt hatte. Sie ging das Abenteuer ihres Lebens ein und folgte einem Mann, den sie um 41 Jahre überleben sollte. Mitte der 80er Jahre begann sie ihre Erinnerungen an die Gründerjahre der DDR aufzuschreiben.

Der Titel «Liebe im Exil» weist in zwei Richtungen: als sie sich lieben lernten, lebte Max im Exil, mit ihm verheiratet zu sein, bedeutete für Edith ein Leben am anderen Ende der Welt. Aber auch die Liebe selbst ging ins Exil angesichts des aufreibenden Alltags zwischen Kulturpolitik und Existenzsicherung in einer Stadt, die in Trümmern lag, und einer wachsenden Sprachlosigkeit zwischen den Eheleuten. Deutschland, das Max Schroeder trotz allem die Heimat war, mit der er sich identifizierte, blieb Edith Anderson zeitlebens fremd, obwohl sie auch nach dem Tod ihres Mannes hier leben blieb. Erst die schwere Krankheit Schroeders, das Herausfallen aus dem Alltag und das Entsetzen über die gleichzeitig stattfindenden Repressionen gegen Weggefährten wie Janka, lässt die Liebe zurückkehren - zu spät, um sie zu leben, jedoch rechtzeitig genug, um die Achtung füreinander wiederzufinden.

Edith Andersons Buch beschreibt diese Liebe in Zeiten des Kalten Krieges detailliert und in höchst subjektivem Ton, der auch von Selbstgerechtigkeit gefärbt ist, denn die Distanz zu ihrer Lebensumwelt, das wird sehr deutlich, ist immer auch eine selbst gewählte. So scheint ihr gar nicht bewusst zu sein, was für ein Privileg ein Hausmädchen in der DDR war. Sie, die als Feministin und Kommunistin über soziale Ungerechtigkeiten, die es auch in der DDR gab, Wutanfälle bekommt, bleibt blind für die eigene Position in der Gesellschaft. Zurückgezogen auf den Posten der Außenseiterin beobachtet sie und sieht - mitunter - nichts. So bemerkt sie nicht die Schwangerschaft eines ihrer Kindermädchen, als das Baby dann stolz präsentiert wird, fällt ihr nur auf, wie absolut hässlich es sei.

Trotzdem ist ihre Sicht auf die kommunistischen Intellektuellenkreise, ihre Krisen, Eitelkeiten, Querelen und Leistungen überaus wertvoll. So kompakt und detailliert und den Kalten Krieg wirklich als Krieg wahrnehmend, ist selten über diese Jahre geschrieben worden. Das macht das Buch zu einer wertvollen Quelle, selbst wenn es einige Fragen offenlässt. Nicht nur vermeidet Edith Anderson in ihrer Ehe offensichtlich das Gespräch über die Inhalte der Arbeit ihres Mannes, sie lässt die Leser auch nicht wissen, dass noch 1957 unter dem Titel «Von hier und heute aus» eine Sammlung seiner Rezensionen, Essays und Theaterkritiken erschien und unmittelbar nach seinem Tod ein Sammelband ihm zu Gedenken.

So schmerzlich diese Lücke ist, die darauf verweist, wie wichtig Lektoren sind, wie schnell sie vergessen werden - und wie dringend nötig auch für die heutige Sicht auf den Kulturbetrieb der frühen DDR eine Biografie von Max Schroeder wäre - sie wäre in der Autobiografie der Ehefrau verzeihlich. Nur verzichtet Edith Anderson leider auch beinah gänzlich darauf, ihren Anteil an der Verlagsarbeit zu beschreiben oder gar auf ihre eigene literarische Produktion hinzuweisen.

Für die hat Max Schroeder seine Frau besonders geliebt, selbst in den Zeiten größter Entfremdung, «hörte er nie auf, sich für meine schriftstellerische Arbeiten einzusetzen, und das mindeste, was ich seiner Meinung nach tun konnte, war, sie zu produzieren.» Wie recht Schroeder hatte, zeigen die wenigen belletristischen Arbeiten von Anderson. Bereits 1949 erschien in der Zeitschrift «Ost und West» die von Schroeder übersetzte Erzählung «Loretta» über latenten Antisemitismus in New York, die 1966 in dem Band «Leckerbissen für Dr. Faustus» wieder gedruckt wurde. In den dort versammelten elf Geschichten weist sich Anderson als eine sensible Erzählerin aus, mit einem ausgeprägten Sinn für die oft auch unausgesprochenen Zwischentöne in Beziehungen. Hier kippt die leise Ironie nie in sarkastischen Zynismus.

Auch ein Roman erschien in der DDR. In «Gelbes Licht» (1958) verarbeitete sie ihre Erfahrungen als Eisenbahnschaffnerin, ein Beruf, aus dem Frauen in den USA nach dem Krieg ebenso schnell verdrängt, wie sie zuvor dringend dafür gebraucht wurden und den die gelernte Lehrerin Anderson von 1943 bis 1947 ausübte. Anna Seghers, die sich in persönlichen Begegnungen ihr gegenüber eher kühl verhielt, lobte den Roman und setzte sich für dessen Veröffentlichung ein.

Noch stärker autobiografisch ist ihr Reisetagebuch «Ein Beobachter sieht nichts» (1972), das von einer zwischenzeitlichen Rückkehr in die Heimatstadt New York erzählt. So wie sie weder dort noch in Berlin leben wollte, zeichnet sich ihr ganzes Leben durch die Ambivalenz von Engagement und Distanziertheit aus. Mit der Anthologie «Blitz aus heiterem Himmel» (1975), die sie herausgab, wurden vor allem Leserinnen auf sie aufmerksam. Tatsächlich hat sie weit mehr geschrieben: Kinderbücher, Hörspiele, Rezensionen. Sie hat Werke aus dem Englischen übersetzt und von 1960 bis 1977 als Berlinkorrespondentin für den «New York National Guardian» berichtet.

Als sie im April 1999 in Berlin, kurz nach Veröffentlichung der englischen Originalausgabe von «Love in Exile» starb, erschien in der New York Times ein Nachruf auf die «amerikanische Autorin». Erst mit der deutschsprachigen Publikation ihrer Autobiografie, die 1960 endet, wird jetzt auch in der neuen Bundesrepublik eine größere Leserschaft auf Edith Anderson aufmerksam. Wünschenswert wäre, wenn eine Wiederentdeckung der Literatin Edith Anderson folgen würde. Auch auf eine umfassende Biografie dieses facettenreichen, widersprüchlichen Lebens bleibt zu hoffen.

Der Sorgfalt des Verlages ist es zu verdanken, dass «Liebe im Exil» nicht nur mit einem - lakonischen - Nachwort, sondern auch mit hilfreichen Kurzbiografien des Ehepaares und einem kommentierten Personenregister sowie korrigierenden Anmerkungen versehen ist. Soviel Umsicht ist selten. Erst sie aber gibt auch Unbeteiligten die Möglichkeit, sich durch das Buch einen umfassenden und spannenden Einblick in die frühe DDR-Kultur zu verschaffen.

Dass dieses Buch nicht im Aufbau-Verlag erschienen ist, mag als Omen für das geringe Bewusstsein der eigenen Geschichte gelten, das ihn nun ereilt.

 

Edith Anderson, Liebe im Exil. Basisdruck 2007. 547 Seiten, 22 Euro.

Lene Zade

«Jüdische Zeitung», Juli 2008