Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die biografische Spur verliert sich im DunklenIn der Berlinischen Galerie sind betörende Aufnahmen der Fotografin Frieda Riess zu sehen
Die Fotografin Frieda Riess führte im Berlin der 1920er Jahre ein Porträt-Atelier mit erster Adresse am Kurfürstendamm, der seit der Jahrhundertwende als Experimentierfeld der Moderne galt. Theaterleute, Künstler und Schriftsteller, Tänzerinnen und Varieté-Stars, aber auch internationaler Adel und Vertreter der neuen Diplomatie der Weimarer Republik zählten zu ihren Kunden, darunter Max Liebermann, Gerhart Hauptmann, Gottfried Benn und Ivan und Claire Goll. «Die Riess» - wie sie von den Zeitgenossen genannt wurde - war in der Presse zu ihrer Zeit bekannt und hochgelobt. Die Internationalität ihrer Klientel machte ihre legendären «Einladungen zum Tee» ins Fotoatelier am Kurfürstendamm weit über Berlin hinaus bekannt. An dieser Wertschätzung der Fotografin hat die Einzelausstellung 1925 bei Alfred Flechtheim mit 177 Porträts entscheidenden Anteil. Flechtheim war einer der tonangebenden Kunstsammler und Kunsthändler Moderner Kunst in den 1920er Jahren. Zur damaligen Ausstellung erschien ein Katalog mit wenigen Abbildungen, einer Reihe literarischer Zeugnisse und den aufgelisteten Porträts, der einen wegweisenden Zugang zu Leben und Werk der nahezu völlig in Vergessenheit geratenen Fotografin eröffnet. Ähnlich begeistert wie Flechtheim waren auch Wilhelm von Bode und Georg Kaiser von den Porträts der Riess, und der Kritiker des «8-Uhr-Abendblatts» Kurt Pinthus kam geradezu ins Schwelgen. Gottfried Benn nahm ihre Bildniskunst ironisierend aufs Korn, die französische Malerin Marie Laurencin schwärmte in Paris und die Schriftstellerin Vita Sackville- West schrieb begeistert nach London über die Gesellschaft beim Tee im Atelier der Riess. Die Aktaufnahmen, vor allem die Männerakte von Boxern, spiegeln die erotisch aufgeladene Atmosphäre im Atelier, das bei Ausstellungseröffnungen zum exklusiven Treffpunkt wurde. Zwischen 1926 und 1930 stellte Riess hier regelmäßig ihre eigenen Fotoarbeiten aus. Frieda Riess, 1890 geboren, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die im westpreußischen Czarnikau (heute: Carnkov), in der Provinz Posen, ansässig war und in den 1890er Jahren nach Berlin umzog. Dort besuchte sie die Fotographische Lehranstalt des Lette-Vereins und führte nach dem Ersten Weltkrieg von 1918 bis 1932 ein repräsentatives Atelier am Kurfürstendamm. Anfang der 1920er Jahre mit dem Juristen und Lektor, Pazifisten und Schriftsteller Rudolf Leonhard verheiratet, entstanden die für ihre Porträtarbeit so fruchtbaren Kontakte zu Freunden und Bekannten unter den Theaterleuten, Schauspielerinnen und Schriftstellern, darunter Walter Hasenclever, Tilla Durieux, Ivan und Claire Goll oder Max Herrmann-Neiße. Der Kreis erweiterte sich auf Tänzer und Varieté-Stars sowie bildende Künstler und Künstlerinnen: Anna Pawlowa, Margo Lion, die Mistinguett, Emil Jannings, Lil Dagover, Gerhart Hauptmann, Renée Sintenis, Max Liebermann und Xenia Boguslawskaja. Weiterhin verkehrten in dem illustren Kreis Boxsportler und vor allem die Vertreter der alten Aristokratie, Diplomaten, Politiker und Bankiers. Die Riess reiste nach Paris, London und Rom und bewegte sich hier in denselben literarischen und aristokratischen Kreisen. Besonders bemerkenswert sind die Aufnahmen zweier Menschen, die ein ganz ähnliches Schicksal erlitten wie Frieda Riess. Die Ausstellung zeigt weitgehend unbekannte Fotografien des Cellisten Franceso von Mendelssohn, der zweitweise zum kulturellen Mittelpunkt Berlins zählte, später jedoch in Vergessenheit geriet. Ähnliches wiederfuhr seiner Schwester Eleonore. Auch sie wurde von der Riess porträtiert. Die Riess beherrschte die hohe Schule der fotografischen Porträtkunst wie ihre Berufskollegen Hugo Erfurth, Madame D´Ora, Lotte Jacobi und Edward Steichen. Als Sie 1932 nach Paris ging, brach ihre kreative fotografische Tätigkeit anscheinend ab. Arbeiten aus dieser Zeit wurden bisher nicht gefunden und ihre biografische Spur verliert sich fast völlig im Dunkeln. Von 1940 bis 1945 überlebte sie die Besatzungszeit der Nationalsozialisten in Paris, wo sie Mitte der 1950er Jahre starb. So weit der Ruf der Riess in den 1920er Jahren auch reichte, in den vergangenen knapp achtzig Jahren sind nahezu alle Spuren von Leben und Werk dieser Gesellschaftsfotografin verlorengegangen. Einige hundert Fotografien sind erhaltengeblieben und mit Hilfe nur weniger aufgefundener Schriftstücke ist es nun gelungen, ihren Lebensweg bruchstückhaft zu rekonstruieren und zum ersten Mal seit der legendären Ausstellung bei Flechtheim eine Retrospektive zu zeigen. Gleichzeitig erscheint ein umfassender Katalog, der nicht nur wiedergefundene Fotografien und Dokumente präsentiert, sondern in Aufsätzen namhafter Forscher interessante Aspekte und neue Erkenntnisse zu Leben und Werk der Riess liefert. JZ
Bis 20. Oktober täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr im Verborgenen Museum in der Berlinischen Galerie Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128 in Berlin. www.berlinischegalerie.de |