Hinter der Oberfläche

Die Ausstellung «Access to Israel I» im Jüdischen Museum Frankfurt

 

Mehrdimensionalität in Zeit und Raum: Barry Frydlenders "Bialik Cafe". Foto: Barry Freydlender

Nein, sagt Eva Atlan, Kuratorin von «Access to Israel» im Jüdischen Museum Frankfurt, repräsentativ für neuere moderne Kunst aus Israel sei die Ausstellung nicht. Dies angesichts zwölf ausgewählter Künstler zu behaupten, sei nicht möglich. Was man aber dagegen schon sagen könne, so Atlan weiter, ist, dass viele der ausgewählten Künstler exemplarisch für eine gewisse Tendenz in der internationalen Kunst stehen: Der Umgang mit medial und digital verbreitetem Bildmaterial, im spezifisch israelischen Fall insbesondere der Umgang mit journalistisch-politischem Bildmaterial. Dahinter steht der Wunsch, die Augenblicksbezogenheit des Bildes, ja den schnellen, Objektivität suggerierenden Fluss der Bilderflut überhaupt zu stoppen, zu hinterfragen; dem Bild wieder Tiefe und Mehrdimensionalität, kurzum Bedeutung zu verleihen.

Typisch dafür ist der international bekannte israelische Künstler Barry Frydlender, der als Fotojournalist begann, dann aber, im Verlauf der ersten Intifada an seiner Arbeit zu zweifeln begann. Er hatte, wie viele andere Fotografen auch, den Eindruck, nie mehr als nur den Augenblick festhalten, nie auch nur annähernd den tatsächlichen Umfang und die Komplexität des Geschehens wiedergeben zu können. Sie machten sich damit unabsichtlich zu Mitarbeitern der palästinensischen Steinewerfer, deren Bilder um die Welt gingen. Frydlender verlor das Vertrauen in sein Medium und arbeitete über fünf Jahre nicht mehr als Fotograf. Dann kam die digitale Revolution, die für so viele Künstler in der Auseinandersetzung mit der medialen Realität so wichtig werden sollte, und Frydlender begann wieder zu arbeiten. Betrachtet man heute eines seiner großen Panoramabilder, so kommen sie einem zunächst nicht außergewöhnlich vor, bis man bemerkt, dass es keine Unschärfen gibt, egal wo im langgestreckten Bild. Das liegt daran, dass es aus vielen unmerklich zusammenmontierten Einzelaufnahmen zu verschiedenen Zeitpunkten besteht. Auf der einen Seite ist nichts darin inszeniert, auf der anderen ist es wie eine Zusammenfassung, eine Komposition verschiedenster Eindrücke vom selben Ort. Das Bild erhält so eine Art dreidimensionale Tiefe in der Zeit und im Raum. Dass dies auch politisch sein kann, ja mitunter sogar sein muss, wird in den ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden Werken «Bialik Cafe» und «Bialik Cafe, After» sichtbar, ein bekanntes Cafe in Tel Aviv vor und nach einem Selbstmordanschlag.

«Die Inhalte werden immer sehr speziell israelisch bleiben, zumindest für Künstler, die sich mit sozialen und politischen Fragen auseinandersetzen wollen.» Die Aussage von Eva Atlan dürfte genauso richtig sein, wie ihre Einschätzung, dass es zwar durchaus auch andere Inhalte gibt, diese aber in der internationalen Wahrnehmung lange nicht soviel Beachtung finden, wie die Werke, die sich genau mit dem in den Medien transportierten Israel-Bild auseinandersetzen. Deshalb ist es der Ansatz der Ausstellung, eben mit den Mitteln der Künstler eine differenziertere Innenansicht des Staates zu geben, den man ansonsten nur von den ewig gleichen Nachrichten-Bildern her kennt.

So in den Fotografien von Adi Nes, der sorgfältig inszenierte Szenen aus dem Alltag scheinbarer israelischer Soldaten zeigt. Die Soldaten sind in Wirklichkeit über eine Agentur engagierte gutaussehende Modelle Ausschnitt, Set und Beleuchtung sind genau festgelegt und spiegeln das, in der Öffentlichkeit noch immer nachwirkende, ehemals positive Bild der Armee wieder. Die homosexuell aufgeladene Ikonisierung israelischer Soldaten wird so auf die Spitze getrieben und gebrochen. Auf einem seiner Bilder sieht man eine Gruppe auf dem Boden sitzender Uniformierter, die direkt in die Kamera blicken und in die Hände klatschen, als würden sie gerade einer Vorführung beiwohnen. Schöne, junge Männer mit ernsthaften Gesichtern, aber einem von ihnen fehlt ein Arm. Ein genau kalkulierter Bruch, der tiefe Einblicke gibt in die Brüche innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Direkt und unverändert mit der Realität arbeiten dagegen Miki Kratsmann und Boaz Arad, die in ihrer 45-minütigen Videoinstallation mit unbeweglicher Kamera den Strom palästinensischer Arbeiter, die am Grenzübergang Erez in den Gaza-Streifen zurückkehren, dokumentieren. Eine Menschenmenge die sich nur in eine Richtung bewegen kann, aus der nur mittels der Schärfenverlagerung einzelne Gesichter ein Stück weit herausgehoben werden.

Andere Einblicke sind subtiler, aber deswegen nicht weniger tiefgehend, wie die Fotografien von Gilad Ophir, die Reste von Behausungen aus Schrott und Müll in der Negev-Wüste zeigen. Die Negev ist einerseits eng mit dem zionistischen Gründungsethos Israels verknüpft, dem Bild der zum erblühen gebrachten Wüste, damit allein schon sind die trostlos wirkenden Aufnahmen eine Art Kommentar zur Situation. Andererseits sind diese Reste reale und immer wieder von neuem benutzte Behausungen für die dort lebende Minderheit der Beduinen. Deren nomadisierende Lebensweise, ihr Anspruch auf das Land und damit ihre Siedlungen außerhalb der Städte werden nicht anerkannt, festere Behausungen aus anderen Materialien würden abgetragen. Bezeichnenderweise handelt es sich bei diesem Material oft um vorgefundene Überreste von Militärlagern der Armee.

Seit den 90er Jahren, den Ausreiseerleichterungen und den neuen Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet sind die internationalen Verbindungen israelischer Kunst vielfältiger geworden, sagt Eva Atlan, und weist damit auf jene Künstler hin, die ins Ausland gegangen sind. Gerade dort scheint für viele die Auseinandersetzung mit ihrer Heimat und Herkunft wichtiger geworden zu sein. In «Elia - The Story of an Ostrich Chick» zeigt der Video-Künstler Guy Ben-Ner in der Art der alten Disney-Tierfilme, mit einem Sprecher und rührseliger Musik unterlegt, die Suche einer Straußenfamilie nach besseren Futterplätzen. Die Vögel werden von ihm selbst und seiner Familie in selbstgebastelten Kostümen dargestellt, die Wildnis ist der Riverside-Park in New York. Guy Ben-Ner, der sich in einem Interview zum Film selbst als den «ewig wandernden Juden» bezeichnete, sah sich durch die Übersiedlung nach New York erstmals gezwungen, in einem Park zu drehen, weil die eigene Wohnung einfach zu klein war. Eine ewige Suche nach den Futterplätzen.

Ganz anders dagegen die großformatigen Tuschebilder von Yehudit Sasportas, die seit vier Jahren in Berlin lebt, aber weiterhin an der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem lehrt, so dass sie zwischen den unterschiedlichen Welten pendelt. Es scheint sich auf den ersten Blick um Naturdarstellungen zu handeln, die es so aber gar nicht geben kann, die manchmal harmonisch, oft auch bedrohlich und Angst einflößend wirken. Sie selbst sieht ihre Arbeiten beeinflusst vom fernöstlichen Konzept einer Zeit ohne Anfang und Ende, in der Erinnerungen, Träume und Eindrücke sich überlappen und verschmelzen. Bilder, die nicht auf eindeutige Aussagen festzulegen und doch aufgeladen sind mit den Gefühlen und Erinnerungen ihres Lebens zwischen Deutschland und Israel. In ihrer eindrücklichen Wirkung am ehesten noch vergleichbar mit Werken Caspar David Friedrichs, der die Natur als Spiegel menschlicher Empfindungen betrachtete.

Während die laufende Ausstellung sich insgesamt auf das nach außen hin transportierte Bild Israels und dessen Hinterfragung konzentriert, wird der darauffolgende Teil «Access to Israel II» sich mehr mit den inneren Gegebenheiten des Landes auseinandersetzen. Das Ziel, flankiert von Lesungen, Künstlergesprächen und Filmvorführungen, ein differenzierteres, persönlicheres Bild von Israel zu ermöglichen, wird auf jeden Fall erreicht. Man darf auf den zweiten Teil gespannt sein, der ab 12. September zu sehen sein wird. Ganz nebenbei, erhält man zwar keinen Überblick über die israelische Kunstszene. Einen noch tieferen Einblick erhält man jedoch in Tendenzen und Gegebenheiten einer kulturellen Entwicklung zwischen zwingenden regionalen Bezügen und einer zunehmenden Internationalisierung.

 

Access to Israel I: 16. Mai bis 31. August 2008 Access to Israel II: 12.September bis 16. November 2008

Jüdisches Museum Frankfurt, Untermainkai 14/15, Frankfurt am Main

Georg Klein

«Jüdische Zeitung», Juli 2008