Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Jetzt auch sieMit Lenka Reinerová verliert Prag die letzte deutschsprachige Schriftstellerin
Ich bin, und das ist keine Neuigkeit, der letzte deutschsprachige Autor in der Tschechischen Republik.» Der Satz, den Lenka Reinerová in ihre Rede für die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 25. Januar dieses Jahres einbaute und dessen Aussage die Journalistin und Schriftstellerin in den vergangenen Jahren so oft wiederholt hatte, klingt gleichsam entschuldigend. Die literarischen Texte Reinerovás geben der Aussage jedoch eine tiefere Dimension. Denn mehr als den Tod ihrer «Urprager Freunde» Egon Erwin Kisch, Franz Werfel und des Kafka-Vertrauten Max Brod stellt er die Verwunderung und die Freude über das eigene Überleben in den Vordergrund. Neben den privaten Überlebenskämpfen zwischen den Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts war es dabei ein privates Ringen, das Reinerovás hohes Alter alles andere als selbstverständlich machte. Bereits Ende der 40er Jahre wurde bei ihr das erste Mal eine Krebserkrankung diagnostiziert. Ab diesem Zeitpunkt war die Krankheit ihr ständiger Gegner in einem Kampf, den, anders als die Auseinandersetzung mit Faschismus und Stalinismus, rund 60 Jahre lang keine Seite endgültig für sich zu entscheiden vermochte. «Tragischer Irrtum und richtige Diagnose» heißt eine 1998 in Deutschland erschienene Erzählung Reinerovás, in der sie in wunderbar klarer Sprache, einem angeblich dem Idiom Franz Kafkas so ähnlichen, in jedem Fall jedoch einnehmend präzisen Deutsch, beschreibt, wie sie die Krankheit und deren Behandlung kennenlernte. Darin schildert sie, wie sie angesichts der Krebsdiagnose «bleischwere Stunden» durchlebte, wieder einmal am Abgrund zu stehen schien. Ihr habe gedroht, aus der alltäglichen Welt ausgestoßen zu werden, einer Welt, deren Schönheit und kleine Wunder sie bis dahin durchs Leben getragen hatten. Am meisten treibt die Autorin die Furcht davor um, aus der Gemeinschaft der Menschen, bei Reinerová vor allem der Prager, ausgestoßen zu sein, dass sich eine Tür zwischen ihr und diesen endgültig schließen könnte. Was ihr in dieser so wie in allen Situationen der Bedrängung geholfen habe, sei die seit der Kindheit gewachsene Gewissheit gewesen, keine Gelegenheit auf Hoffnung fahren zu lassen. An anderer Stelle beschreibt sie, wie sie in Casablanca die Beobachtung machte, dass die jugendlichen Marokkaner stets einen kleinen Zopf auf ihren sonst kahl geschorenen Köpfen stehen ließen: Damit sollte Allah die Möglichkeit gegeben werden, die Jungen am Schopf empor zu ziehen, falls ihnen etwas zustoßen sollte. Eben einen solchen Zopf wünschte sich Lenka Reinerová auch. Allerdings nicht, damit ein göttliches Wesen sie aus unerfreulichen Lebenssituationen ziehen könnte. Sie selbst wollte sich auf diesem Wege befreien. In diesem Sinn ist ihr Begriff von Hoffnung zu verstehen. Als Kind einer jüdischen, deutsch-tschechischen Familie wurde Reinerová am 17. Mai 1916 in Prag geboren, in jener Stadt, die immer die ihre bleiben würde, auch wenn sie diese nach der Besetzung durch deutsche Truppen nach 1939 nicht betreten konnte und im Zuge der antisemitischen Strömungen Anfang der 50er Jahre, diesmal von kommunistischer Seite, erneut verfolgt wurde. Doch hier sammelte sie vor dem Zweiten Weltkrieg auch ihre ersten Erfahrungen als Journalistin, zu einer Zeit, als die deutsche Sprache in der Stadt nach der Machtübernahme Hitlers dank der Emigranten noch einmal eine kurze Blütezeit durchleben konnte. In Ferdinand Carl Weiskopfs aus Berlin emigrierter «Arbeiter- Illustrierte-Zeitung» veröffentlichte sie ab 1936 ihre ersten Artikel. Reinerová selbst hatte beim Einfall der Barbaren in die Goldene Stadt Glück im Unglück gehabt, denn sie besuchte gerade Freunde in Bukarest. Von dort aus konnte sie das französische Exil erreichen, wo sie allerdings umgehend verhaftet wurde. Sechs Monaten Einzelhaft im Pariser Frauengefängnis La Petite Roquette folgte die Internierung im Frauenlager Rieucros in der südfranzösischen Vichy-Zone. Dann gelang es ihr, über Casablanca nach Mexiko entkommen, wo sie das Maler-Ehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera, aber auch andere Exilanten wie Anna Seghers, Steffi Spira oder Ludwig Renn kennen lernte. 1945 kehrte sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Arzt Theodor Balk, nach Europa zurück, zunächst nach Belgrad, wo 1946 auch ihre Tochter Anna geboren wurde. Erst 1948 gelangte sie dann zurück nach Prag. Ihrer Familie war dies nicht vergönnt gewesen, von ihren Verwandten war sie die einzige, die den Holocaust überlebt hatte. In ihren Erzählungen, die oft nicht mehr sind als Spaziergänge durch die Gassen und die Geschichte ihrer Heimatstadt, sucht sie einmal auch die Synagoge auf, die sie in der Vorkriegszeit bisweilen an den Hohen Feiertagen gemeinsam mit ihrem Vater aufgesucht hatte. Zu ihrer Verwunderung stellt sie fest, dass sich darin später der Ökumenische Rat der Tschechoslowakei und ein Pfarramt der hussitischen Kirchengemeinde befanden. Auch wenn die Vergangenheit offiziell schöngefärbt wurde: Durch die versöhnliche Haltung Reinerovás gerinnt dies alles zur Gegenwart. Der Kampf gegen die Verbitterung war eines jener Gefechte, die Lenka Reinerová ganz ohne Zweifel für sich entscheiden konnte. Selbst wenn sie beschreibt, wie sie in ihrer Erinnerung Freunde umarmt, die später gehenkt oder geköpft wurden, selbst wenn sie angesichts des Rauchs aus den Schornsteinen Prags daran erinnert wird, dass man ihr die Mutter verbrannt hat, dass sie selbst fast die einzige war, die übrig blieb, ja selbst da halten Trauer und Ratlosigkeit nur kurz an. Auch nach der Rückkehr nach Prag wurde ihr die jüdische Herkunft zum Verhängnis. Das Exil im Westen und ihr aus dem Jugoslawien Titos stammender Ehemann sowie die Freundschaft zu Kisch wurden ihr im Umfeld des Prozesses gegen den (jüdischen) KP-Führer Rudolf Slansky 1952 ebenso zum Vorwurf. Dass sie überzeugte Kommunistin war, nütze ihr in diesem Zusammenhang nichts, wieder wurde Reinerová inhaftiert. Wenn sie sich an die erste Haft, kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, zurückerinnere, sei diese Erinnerung schwarzblau, verdunkelt. In einer Nichtzeit und aus dem Leben ausgestoßen fühlte sie sich, weil das Leben zu einem «Ding in fremden Händen» geworden sei. Auch in der zweiten Haft, nun nicht mehr des Vichy-Regimes, sondern in der Tschechoslowakei, musste sie diese Erfahrung erneut für ganze 15 Monate machen. In der Tauwetterperiode wurde sie dann rehabilitiert. Doch bereits nach der Niederschlagung des «Prager Frühlings» wurde sie aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und mit Publikationsverbot belegt, nun musste sie sich als Dolmetscherin den Lebensunterhalt verdienen. Erst nach dem politischen Umbruch von 1989 konnte sie wieder in ihrer Heimat publizieren, in Deutschland veröffentlichte sie seit 1983 im Aufbau-Verlag. In ihrem Band mit Erzählungen «Zuhause in Prag - manchmal auch anderswo» (2000) berichtet sie ausführlich von dieser Zeit der zweiten Verfolgung, davon, wie sie den Glauben an die gute Sache des Kommunismus verlor, aber auch darüber, dass auch dieses Unrecht irgendwann vorüberging. «Ich bin, und das ist keine Neuigkeit, der letzte deutschsprachige Autor in der Tschechischen Republik.» Den Satz konnte Lenka Reinerová bereits Anfang des Jahres nicht mehr selbst vor dem Deutschen Bundestag vortragen, ihr angeschlagener Gesundheitszustand ließ das nicht zu. Am 27. Juni ist Lenka Reinerová, die sich selbst nie als Schriftstellerin, sondern als Erzählerin begriff, im Alter von 92 Jahren in ihrer Stadt Prag gestorben. Bis zuletzt hat sie sich für die Rettung der kaum noch sichtbaren Spuren der einstmals blühenden deutschsprachigen Kultur dieser Stadt gekämpft. Wenigstens dies könnte ihr die Nachwelt nun abnehmen.
Moritz Reininghaus
Literatur
Grenze geschlossen, Verlag Neues Leben 1958. Ein für allemal. VEB Verlag Neues Leben 1962. Der Ausflug zum Schwanensee. Aufbau- Verlag 1983. Es begann in der Melantrichgasse. Erinnerungen an Weiskopf, Kisch, Uhse und die Seghers. Aufbau-Verlag 1985; Neuausgabe 2006. Die Premiere. Erinnerungen an einen denkwürdigen Theaterabend und andere Begebenheiten. Aufbau-Verlag 1989. Das Traumcafé einer Pragerin. Erzählungen. Aufbau-Taschenbuch Verlag, Berlin 1996. Mandelduft. Erzählungen. Aufbau-Verlag 1998, (auch als CD, gelesen zusammen mit Danuta Görnandt, Der Audio Verlag 2005). Zu Hause in Prag - manchmal auch anderswo. Erzählungen. Aufbau-Verlag 2000. Alle Farben der Sonne und der Nacht. Aufbau-Verlag 2003. Närrisches Prag. Ein Bekenntnis. Aufbau- Verlag 2005. Ich hatte die Vision einer gerechteren Ordnung. In: Martin Doerry (Hg.): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA 2006. Das Geheimnis der nächsten Minuten. Aufbau-Verlag 2007.
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