Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Abgang eines allseits präsenten SchauspielersZum Tode von Pinkas Braun (1923–2008)
Wenn die zur Platitüde verkommene Redensart von den Brettern, die die Welt bedeuten, in unserer Zeit und in dieser Gesellschaft noch eine mit Sinn erfüllte Bedeutung hätte und als ernsthafter künstlerischer Anspruch verstanden würde, dann müsste man ohne zu zögern konstatieren, dass es in unserem neuen, dem klassischen Theater unendlich fernen Jahrhundert wohl kaum noch eine exemplarische Schauspielerpersönlichkeit gegeben hat, die diese für den Laien so schwer nachzuvollziehende Lebensauffassung so selbstverständlich verkörperte und bis zuletzt mit Leben erfüllte wie der am 24. Juni nach längerer schwerer Krankheit verstorbene große Schweizer Charakterdarsteller, Regisseur und Übersetzer Pinkas Braun, an dessen beruflichem Werdegang sich symptomatisch verfolgen lässt, wie sich im Verlaufe von gut fünfzig Jahren das Berufsbild sowie der Arbeitsplatz des Schauspielers so radikal veränderte wie kaum jemals zuvor in dreitausend Jahren Theaterleben. Pinkas Braun, geboren 1923 in Zürich als Sohn jüdischer Immigranten, sollte nach dem Willen seiner Eltern etwas «Ordentliches » lernen, brach aber die begonnene Kaufmannslehre im Alter von sechzehn Jahren unter dem Eindruck eines Opernbesuchs und einer ersten Komparsenrolle in Georg Büchners Drama «Dantons Tod» ab. Nach Arbeitsdienst und Besuch der zionistischen Landwirtschaftsschule fand er auf zahlreichen Um- und Irrwegen schließlich die ersehnte Aufnahme in das Bühnenstudio des renommierten Schauspielhauses von Zürich, wo er eine fundierte Ausbildung erhielt und von 1948 bis 1956 als festes Ensemblemitglied in vielen bedeutenden Uraufführungen insbesondere von Bertolt Brecht, Wolfgang Borchert, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt maßgeblich mitwirkte. Hier erlernte er auch anlässlich von Brechts eigenhändiger Inszenierung seines Stückes «Herr Puntila und sein Knecht Matti» (1948) das Regiehandwerk. Der Beginn des Film- und Fernsehzeitalters brachte für den Beruf des Schauspielers neue Herausforderungen mit sich: während sich das Fernsehen zunächst noch als fortschrittlicher Kulturträger mit künstlerischem Anspruch verstand und einem Charaktermimen wie Pinkas Braun in zahlreichen Kammerspielen und von der Bühne übernommenen klassischen Inszenierungen eine Fülle von interessanten Rollen bot, war der deutschsprachige Film besonders Deutschlands und Österreichs in jenen Jahren vor allem darauf bedacht, das Publikum die gerade erst überstandene Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit vorwiegend unterhaltenden Filmen vergessen zu lassen. Obwohl zu Brauns Rollen auch viele anspruchsvolle Charaktere zählten, gehörte er noch zu jener Art von Vollblutschauspielern, die es als ausgesprochene künstlerische Herausforderung verstanden, selbst eher eindimensionalen Rollen ein unverkennbares Profil zu verleihen. So verwundert es nicht, dass er in Deutschland ausgerechnet mit diversen Verkörperungen eleganter Schurken in den bekannten Edgar-Wallace-Filmen der 1960er Jahre seine größte Popularität erreichte. Zu dieser Zeit hatte Pinkas Braun auf allen seinen Betätigungsfeldern seine höchste Produktivität erreicht, er war Mitglied oder Gast vieler bedeutender Ensembles im deutschen Sprachraum, aber auch kleinerer Theater in Israel, denn seine Beziehung zum Judentum war stets eine äußerst bewusste und engagierte. So bedeutete die Rolle des Shylock in Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig», die ihm stets die liebste war, immer wieder eine ganz besondere Herausforderung für ihn. Seit 1958 war Pinkas Braun außerdem der Exklusiv-Übersetzer des amerikanischen Dramatikers Edward Albee, dem er etwa durch die Übersetzung von «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» im deutschen Sprachraum zum Durchbruch verhalf. Es bedeutete für ihn eine große persönliche Enttäuschung, als ihm diese Aufgabe nach zwei Jahrzehnten entzogen wurde. Seit Ende der 1960er Jahre gewann das neue Medium Fernsehen allmählich größere Bedeutung als der Film, doch auch hier blieb Braun vor allem in Krimis ein bis ins hohe Alter gerne verpflichteter Garant für hohe Schauspielkunst. Durch seine markante Stimme war der nimmermüde, lernbegierige und allseits präsente Schauspieler auch eine Idealbesetzung für Hörspielproduktionen. Am Ende seiner beruflichen Karriere steht die beeindruckende Zahl von über 120 Rollen in Fernsehspielen und -serien, von seinen zahlreichen Engagements am Theater und in Kinofilmen gar nicht zu reden. Über sein Privatleben hingegen ist wenig mehr bekannt, als dass er zweimal verheiratet war und aus diesen beiden Ehen jeweils ein Kind hervorging. Die langjährige Beziehung zu seiner Kollegin Ingrid Resch dauerte bis zu seinem Tod an. Zuletzt scheint Pinkas Braun allerdings dennoch das Bedürfnis gehabt zu haben, seinem Publikum etwas aus seinem eigenen Leben zu berichten und vollendete rechtzeitig zu seinem 85. Geburtstag im Januar seine wunderbar leichtfüßigen Erinnerungen «Vorspiel: Eine Jugend - ein Bühnenleben» (erschienen bei Nagel & Kimche, 408 Seiten, 24,90 Euro), mit deren Hilfe er sich wohl auch selbst eine willkommene Möglichkeit verschaffte, sich seinen Wurzeln sowie seiner aus seinem künstlerischen und menschlichen Werdegang erwachsenen Weltanschauung erzählerisch erneut anzuverwandeln. Am Ende sind also die Bretter, die für Pinkas Braun mit Sicherheit die Welt bedeuteten, rund geworden - ein absurdes Kunststück, das ohne Zweifel nur einem Vollblutschauspieler wie ihm glücken konnte. |