«Die Brüder Rajk»

von Duncan Shiels

 

Buchover

Der Konflikt zwischen den beiden großen ideologischen Irrtümern des Zwanzigsten Jahrhunderts - Faschismus und Kommunismus, mit denen man unter hohem Blutzoll den Herausforderungen der Zeit zu begegnen versuchte - ist selten in einem so engen familiären Rahmen und gleichzeitig auf einem so hohen politischen Niveau eskaliert wie im Falle der ungarischen Familie Rajk in den 1930er und 1940er Jahren. Diese dem siebenbürgisch- ungarischen Kleinbürgertum entstammende Handwerkerfamilie gehörte zu den zahlreichen Verlierern des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise, doch die charismatischen Brüder László und Endre zogen aus der zunehmenden Verarmung und der wachsenden Verzweiflung der Eltern höchst unterschiedliche, wenn auch gleichermaßen radikale Konsequenzen. Während der zehn Jahre ältere Endre die faschistischen Pfeilkreuzler unterstützte und ihnen zuletzt als Staatssekretär diente, schloss sich László den Kommunisten an, kämpfte als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg und bekleidete nach dem Krieg verschiedene Ministerposten, bis er - als kommender Parteisekretär geltend - in einem stalinistischen Schauprozess als angeblicher Spion zum Tode verurteilt und schließlich hingerichtet wurde. Unterschiedlicher können die Lebenswege zweier Brüder kaum verlaufen, dennoch retteten sie sich, Familienbande über die Ideologie stellend, in zwei entscheidenden Momenten jeweils gegenseitig das Leben. Was dieses «europäische Familiendrama» (wie es im Untertitel heißt) für den Leser aber so außerordentlich attraktiv und lehrreich macht, ist die außergewöhnliche Tatsache, dass László und Endre ihre politischen Differenzen nicht in der Bedeutungslosigkeit ihres Privatlebens auszutragen hatten, sondern diese auch an durch ihre hohen staatlichen Ämter exponierter Stelle entsprechend vertreten mussten. Die vom langjährigen Leiter des Budapester Korrespondentenbüros der Nachrichtenagentur Reuters, Ducan Shiels, sorgfältig recherchierte und liebevoll aufgezeichnete Geschichte der beiden ungleichen Brüder endet aber dennoch nicht mit ihrem Tod: László Rajk, jr. gehörte 1989 zu den treibenden Kräften der Opposition, trug also in gewissem Sinne zum Sturz jenes Regimes bei, das sein Vater 40 Jahre zuvor entscheidend mit aufgebaut hatte.

 

«Die Brüder Rajk», aus dem Englischen von Klaus Binder, erschienen bei Zsolnay, 351 Seiten, 24,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juli 2008