Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ein Zug aus Eis und Feuer»von Ramon Chao
Auf dem gleichgeschalteten, stetig schrumpfenden Markt der Popmusik, der immer mehr von den wirtschaftlichen Interessen großer Konzerne und großspurigen Dilettanten ohne musikalischen Sachverstand dominiert wird, hat es im Verlauf der letzten zehn Jahre kaum eine erfreulichere Überraschung gegeben als den beispiellosen Erfolg des eigensinnigen musikalischen Tausendsassas Manu Chao, dessen eklektizistisches erstes Soloalbum «Clandestino» sich auf Anhieb fast ebenso häufig verkaufte wie alle sechs Alben seiner zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelösten Band Mano Negra zusammen. Dass Chao politisch der globalisierungskritischen Organisation Attac sowie den revolutionären Zapatisten Mexikos nahe steht, ist dabei nur eine interessante Fußnote. Wie der jenseits der Bühne erstaunlich zurückhaltende Musiker zu dem Menschen wurde, der er heute ist, beschreibt sein Vater, der spanische Romancier und Journalist Ramon Chao, sehr anschaulich in seinem faszinierenden Reisebereicht «Ein Zug aus Eis und Feuer», einem literarisch wie inhaltlich äußerst erhellenden Resümee einer beispiellosen Konzertreise mit Mano Negra durch Kolumbien im Jahr 1993. Bereits damals war es gefährlich dorthin zu reisen: Kolumbien galt mit jährlich 800 politischen Morden und 25.000 Gewalttaten mit Todesfolge als gefährlichstes Land der Welt, und das französische Außenministerium war gar nicht begeistert, dass die Band Mano Negra, gemeinsam mit der Punkband French Lovers und einer Gruppe befreundeter Artisten und Aktionskünstler, die französische Kultur ausgerechnet in die abgelegenen Provinzen der von bewaffneten Konflikten zwischen Armee, Drogenmafia und Guerilleros gezeichneten ländlichen Provinz fragen wollte. Die Umstände dieser Gratistournee waren höchst ungewöhnlich, denn der Tross reiste mit einem extra zu diesem Zweck restaurierten Zug auf baufälligen Strecken, die aus politischen Gründen bereits seit über fünfzehn Jahren stillgelegt waren. Ramon Chao gelingt in seinem ungewöhnlichen Roadbook das Kunststück, ein vom Bürgerkrieg und politischen Interessen zerrissenen Land in seinem ganzen Elend und seinem ganzen menschlichen Reichtum und utopistischen Potential zu porträtieren. «Ein Zug aus Eis und Feuer» ist ein Buch, das die Weltsicht des Lesers ebenso nachhaltig zu verändern vermag, wie die derjenigen, die diese Reise tatsächlich auf sich genommen haben.
«Ein Zug aus Eis und Feuer», aus dem Französischen von Andrea Scheunert, erschienen bei Edition Nautilus, 220 Seiten, 14,90 Euro |