«Memoiren eines Moralisten/ Das Exil im Exil»

von Hans Sahl

 

Buchcover

«Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ denk ich an Heine,/ Novalis,/ Bach./ Ich denke nicht mehr an Buchenwald./ Ein Mann wird müde,/ ein Mann wird alt.» Die Wiederentdeckung des deutsch-jüdischen Schriftstellers Hans Sahl (1902-1993), eines der wichtigsten Protagonisten der deutschen Exilliteratur, kam für ihn selbst nicht zu spät: Seit Anfang der 1980er Jahre wurde die öffentliche Aufmerksamkeit um seine Person in der Bundesrepublik immerhin so groß, dass er 1989 einen zweiten, diesmal erfolgreichen Versuch unternehmen konnte, sein beinahe lebenslanges New Yorker Exil zu verlassen und wieder in Deutschland Fuß zu fassen. Der Luchterhand-Verlag hat nun mit dem Erscheinen von Hans Sahls beiden bedeutungsvollen Erinnerungsbänden eine auf vier Bände angelegte Neuedition seines Gesamtwerkes in Angriff genommen, das außer diversen Theaterstücken und Libretti im wesentlichen aus Erzählungen, Lyrik sowie einem Roman besteht. Kaum ein anderer deutscher Autor hat die Stationen seines politischen Exils, das in seinem speziellen Fall über Prag und Zürich zunächst nach Paris führte und ihn dann über Marseille und Portugal schließlich nach New York brachte, mit so klarem, kritischem Verstand und so ausgesprochen wachem Realitätssinn begleitet wie Hans Sahl, der im tatsächlichen Exil ein zweites, metaphorisches Exil aufsuchen musste, da er sich als Mitbegründer des antistalinistischen Schriftsteller-Verbandes «Freie Presse und Literatur» von linientreuen ehemaligen Mitstreitern endgültig isoliert hatte. Der während der Zeit der Weimarer Republik zu einem berühmten Filmkritiker und Kulturjournalisten aufgestiegene Hans Sahl, der Ernst Toller und Iwan Goll zu seinen Freunden zählen durfte, ist dennoch Zeit seines Lebens immer eine überaus fortschrittlich gesinnte linke Geistesgröße geblieben. Was seine Memoiren aus heutiger Sicht immer noch so überaus lesenswert erscheinen lassen, ist die Tatsache, dass er am gesellschaftlichen Leben stets aktiven Anteil genommen hat und als einer von wenigen noch überzeugend davon zu berichten vermochte, «wie Brecht gespuckt und Thomas Mann sich geräuspert hat». Es ist eine große literarische Freude, der heiter-nachdenklichen Gedankenwelt dieses großen vergessenen Schriftstellers wieder begegnen zu dürfen.

 

«Memoiren eines Moralisten/Das Exil im Exil», erschienen bei Luchterhand, 512 Seiten, 21,95 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juli 2008