«Englischer Harem»

von Anthony McCarten

 

Buchcover

Wenn die Veröffentlichung eines neuen Romans außer positiven Reaktionen auch heftige Leserproteste nach sich zieht, spricht das oftmals eher für die Qualität des betreffenden Buches als jedes noch so breit gestreute unscharf bleibende Lob: beweisen die deutlichen Reaktionen doch unzweifelhaft, dass der Autor offensichtlich ein Thema von überdurchschnittlich hoher gesellschaftlicher Relevanz getroffen hat. Dem neuseeländischen Schriftsteller und Bühnenautor Anthony McCarten, Schöpfer der unvergesslichen englischen Männerstrip-Filmkomödie «Ganz oder gar nicht», ist nach Erscheinen seines überaus gelungenen zweiten Romans «Englischer Harem» von verschiedener Seite der merkwürdige Tatbestand von «Islam-Verherrlichung» vorgeworfen worden. In der Tat taugt der vermeintlich «geile» Moslem in seiner äußerst unterhaltsam dargebrachten Integrationsgeschichte, ähnlich wie der palästinensische Selbstmordattentäter in Assaf Gavrons nahezu zeitgleich erschienenen Satire «Ein schönes Attentat», viel eher als positive Identifikationsfigur als nahezu alle anderen Charaktere des Buches. Und suspekt erscheint Saaman Sahar, Oxford-Absolvent, Mitglied eines anglikanischen Kirchenchors und allseits respektierter Besitzer eines florierenden vegetarischen Restaurants, lediglich seinen engstirnigen künftigen Schwiegereltern aus der unteren Mittelschicht eines armseligen Vororts von London. Die Liebe zwischen Saaman und Tracy indessen ist über jeden Zweifel erhaben - problematisch nur, dass der zärtliche Bräutigam bereits zwei Ehefrauen hat, wobei es zu seiner moralischen Integrität passt, dass er jene dereinst lediglich aus humanitären Gründen geheiratet und mit keiner von beiden jemals eine intime Beziehung unterhalten hat. Und während die beiden Liebenden schon dabei sind, ihr gemeinsames Leben in die Hand zu nehmen und die Bedingungen für die Verwirklichung ihrer Liebe zu definieren, jammert ein Großteil der Gesellschaft noch über den Zusammenbruch der traditionellen Werte, den Einfluss der Immigranten und über die vermeintliche Polygamie des Protagonisten. Anthony McCarten ist ein überaus erfrischender, humorvoller und gleichzeitig vielschichtiger, breit angelegter und hochrelevanter Roman über die Herausforderung der Integration gelungen, wie sie in jedem modernen Einwanderungsland auf der Tagesordnung steht.

 

«Englischer Harem», aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, erschienen bei Diogenes, 582 Seiten, 21,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juli 2008