Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ein Junge aus Amsterdam»von Heere Heeresma
Während Anne Frank isoliert im Versteck des Amsterdamer Hinterhauses ihre erstaunlich reifen Gedanken und Beobachtungen in das wohl berühmteste und traurigste Tagebuch der Welt niederschrieb, gab es in derselben Stadt einen nahezu gleichaltrigen Jungen, der diese furchtbare und unerbittliche Zeit zwar aus der privilegierten Sicht eines christlichen Niederländers, aber mit ebenso wacher Beobachtungsgabe in sich aufzunehmen vermochte wie sie. In seinem Fall dauerte es allerdings sechzig Jahre und brauchte es offensichtlich die jahrzehntelange Erfahrung sowie den Erfolg als Schriftsteller und Drehbuchautor, bis er sein Kindheits-Ich der Öffentlichkeit schließlich offenbaren mochte und seine Kriegserlebnisse zu Papier bringen konnte. Diese lange Wartezeit ist der literarischen Qualität seiner Erinnerungen ganz ohne Zweifel gut bekommen: «Ein Junge aus Amsterdam», der erste Teil dieser Memoiren, der im niederländischen Original 2005 erstmals erschienen ist, liegt nun in deutscher Übersetzung vor, und das Ergebnis ist ein wahres Kleinod der Erinnerungskunst, das Inhalt und Form auf wunderbare Art und Weise in Übereinstimmung bringt. Auf sehr warmherzige und, wie es scheint, nachhaltig dankbare Art und Weise beschreibt Heeresma die weltoffene Atmosphäre, in der er aufgewachsen ist und die ihn trotz seiner jungenhaften Begeisterung für Uniformen und Waffen für die dahinter steckende Ideologie vollkommen unanfällig gemacht hat. Diese Tatsache scheint vor allem dem Einfluss seines Vaters zu verdanken zu sein, einem evangelischen Theologen, der ein großes Interesse für die jüdische Religion aufbringt und seinem Sohn von Anfang an ein Gefühl für Toleranz und Mitmenschlichkeit vermittelt. Jüdische Freunde gehen auch nach Implementierung der deutschen Besetzung wie selbstverständlich bei seinen Eltern aus und ein. Umso eindringlicher und bewusster ist Heeresmas Schilderung der ständig zunehmenden Entvölkerung der einstmals weltoffenen Stadt Amsterdam, die drohende Gefahr für den jüdischen Freund oder jenen Studenten, den seine Familie im eigenen Haus versteckt. Was dem sprachmächtigen Autor mit seinem schmalen Bändchen gelingt, ist absolut sinnliche Erinnerungsprosa, die uns unmittelbar in den innerlichen Aufruhr eines heranwachsenden Jungen in bewegten Zeiten hineinversetzt, der auf schmerzvolle Art und Weise langsam zu vollem Bewusstsein heranreift.
«Ein Junge aus Amsterdam», aus dem Niederländischen von Marianne Holberg, erschienen bei Ammann, 153 Seiten, 19,90 Euro |