Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Jeder sollte selbst wählen dürfen»Interview mit David B. Ruderman, US-amerikanischer Rabbiner und Professor an der University of Pennsylvania
Herr Ruderman, Israels Ministerpräsident Olmert hat im Juli Besorgnis ausgedrückt, dass jüdische Gemeinden in der Diaspora, vor allem in Russland, im Zuge anhaltender Assimilation innerhalb einer Generation verschwinden könnten. Besonders Mischehen werden in Israel als Gefahr für das Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Kultur und Nationalität gesehen. Viele Juden in Israel sind der Meinung, dass ein wirklich jüdisches Leben nur dort geführt werden kann, während in der Diaspora die Jüdischkeit nur «wie ein Kleidungsstück an und aus gezogen werden» kann, wie es der israelische Schriftsteller A.B. Jehoschua einst ausdrückte. Wie schätzen Sie als amerikanischer Jude, Wissenschaftler und Rabbiner diese Debatte ein? Dieses Konzept, dass wirkliches jüdisches Leben nur in Israel möglich ist, stammt noch aus der Gründungszeit des Staates. Heute ist alles viel komplexer. Dieses Denken ist Teil einer zionistischen Ideologie, mit der ich selbst groß geworden bin, die heute aber nicht mehr funktioniert. Es ist möglich, ein jüdisches Leben in Israel und außerhalb Israels zu leben. Die größte Ironie ist, dass israelische Juden, meist säkulare Studenten, zu mir kommen, die Synagoge betreten, die jüdische Lehrschule besuchen und am Gemeindeleben hier in Amerika teilnehmen. Das haben sie zuvor in Israel nicht getan. Und gerade diese Erfahrung in der Diaspora macht sie noch jüdischer. Es macht sie mehr amerikanischjüdisch, d.h. näher zum Reformjudentum. Die Reformsynagogen in Israel haben bekanntlich sehr zu kämpfen wegen der dortigen Hegemonie des orthodoxen Judentums.
Wo steht Europa heute als Ort jüdischen Lebens? Ich persönlich habe noch kein endgültiges jüdisches Zukunftsbild vor Augen. Das europäische Judentum ist meiner Meinung nach nicht stabil. In Frankreich gibt es viel Antisemitismus und England ist heute auch kein komplett sicherer Ort. Bleibt also die USA? Ich bin mir da aber auch nicht sicher. Unser Campus in Pennsylvania etwa besteht zwar zu einer überragenden Mehrzahl aus Juden, die Universität spiegelt aber nicht den Rest der Welt wider. Bei der ganzen Debatte kommen so grundsätzliche Fragen auf, wie: Wer ist Jude und wer soll Mitglied der Gemeinde sein?
Wie soll denn Ihrer Meinung nach die Zugehörigkeit zum Judentum geregelt werden? Wer ist denn Jude und wer legt das fest? Jeder, der Jude sein möchte, den werden wir lieben und wertschätzen. Ich habe in Berlin einen Kiddusch, einen Segensspruch zum Schabbat (d.R.), an einem Freitagabend geführt, bei dem die Mehrzahl Nichtjuden waren. Die sprechen aber Hebräisch, lieben die jüdische Kultur und Werte und sind Freunde des Judentums. In meinen Augen sind sie bis zu einem gewissen Grad Mitglieder des jüdischen Volkes. Wir Juden dürfen nicht festlegen wer Jude ist und wer nicht. Wir sollten die verschiedensten Wege zum Judentum und in die Gemeinde schätzen. In Deutschland oder der ehemaligen Sowjetunion gab es immer schon jüdisch-christliche Ehen und in den Reformsynagogen in den USA kann ich stark annehmen, dass die Hälfte der Mitglieder einen christlichen Hintergrund mitbringt. Jeder, der sich mit der jüdischen Gemeinschaft verbunden fühlt auf den verschiedensten Ebenen, die jüdischen Werte und die Kultur liebt, ob er nun nach dem jüdischen Gesetz jüdisch ist oder nicht, sollte einen Eingang finden, und dieser ist wunderbar über das Studium der jüdischen Geschichte möglich.
Was sind Ihre Zukunftsprognosen bezüglich der Entwicklung des liberalen und des Reformjudentums in den USA, in Europa und in Israel? Das Reformjudentum ist zu der größten jüdisch- religiösen Bewegung in den USA geworden und wächst täglich. In Deutschland gibt es Reformer, hier sollte man vor allem Rabbiner Walter Homolka nennen, und in ganz Europa und in Israel sind Ansätze zu vermerken. Das liberale Judentum ist offener, spiritueller und bietet auch alternative Lebensweisen bezüglich interreligiöser Ehe, Homosexualität etc. Außerdem zeigt es verschiedene Wege und Möglichkeiten auf, wie man heute Jude sein kann. Die deutschen Juden sollten endlich wissen, dass das liberale Judentum genauso legitim ist wie das traditionelle. Beide sind gleich wertvoll! Ich würde mich freuen, wenn man in München beide als ebenbürtig betrachten würde. Es kann nicht behauptet werden, die einen sind jüdischer als die anderen, denn diese Meinung spiegelt nicht die heutige Realität wider. Die Vorsitzende der Orthodoxen sollte unbedingt die Liberalen besuchen und diese wertschätzen. Wenn nicht, ist dieses Verhalten äußerst unjüdisch.
Und wie schätzen Sie die Zukunftschancen des liberalen Judentums in Deutschland ein? Meiner Meinung nach sollte jeder Mensch seine eigene Identität wählen und leben dürfen. Ich denke man sollte alle Menschen annehmen, wie auch immer jeder einzelne seinen Weg in die jüdische Gemeinde gefunden hat. Reformjudentum liberalisiert auf vielen Ebenen und bedeutet nicht die gleichzeitige Aufgabe des Judentums. Ich denke, es könnte eine Zukunft für das progressive Judentum in Deutschland geben. In den USA ist der Staat von der Kirche getrennt, wir bekommen kein Geld für unsere Gemeinden. In Deutschland ist das anders, und man sollte die Reformbewegung in Deutschland ausbauen. Dieser Diskurs ist politisch sehr heikel, und meine jüdischen Kollegen in Deutschland gehen daher äußerst vorsichtig mit diesem Thema um.
Sie haben bei Ihrem Besuch in München im Juli eine Vorlesung zu Martin Buber und dem «Göttlichen» in menschlichen Beziehungen gehalten. Buber war Philosoph und ein sehr spiritueller Mensch, der, aus Europa kommend, seine letzten Lebensjahre in Israel verbrachte. Wie spirituell ist Ihrer Meinung nach israelisches, US-amerikanisches und europäisches Judentum heute im Vergleich? Die israelischen Juden unterscheiden sich stark von den amerikanischen und innerhalb Europas gibt es ebenfalls sehr große Unterschiede. Bei den amerikanischen Juden gibt es einen starken Bezug und eine Betonung auf Spiritualität. Viele Juden versuchen, gerade diesen Weg zu verfolgen. Andererseits sind die amerikanischen Synagogen kalt, formal, leblos und gewinnen durch Unattraktivität keine Juden für sich hinzu. In Israel haben interessanterweise heute die indischen Religionen viele Anhänger. Viele Israelis reisen nach Indien und gehen zu hinduistischen Gurus oder wenden sich dem Buddhismus zu. Der Weg zur Spiritualität ist sehr individuell. Wir sind alle auf der Suche, und diese Suche stellt sich in den verschiedensten Formen und Farben dar. Bezüglich des Judentums stellt man heute Fragen wie: Was bedeutete das Judentum damals und heute? Wen und was zieht es an? Wie relevant ist es? Und eine Antwort darauf hat Martin Buber. Laut ihm findet man Spiritualität durch Liebe in den menschlichen Beziehungen.
Sie forschen und arbeiten viel zum Thema Toleranz. Gibt es eine moderne jüdische Herangehensweise an dieses Thema? Welche Punkte bezüglich Toleranz sind in der jüdischen Ethik verankert? Und wie begegnet dieses Konzept der Realität? Als Forscher ist mein Spezialgebiet die Frühe Neuzeit, also die Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert. Das Thema Toleranz ist aber in der Geschichte ständig präsent. Wir müssen uns vor allem Fragen über die Toleranz gegenüber den verschiedenen Religionen machen. Festzuhalten ist dabei, dass in der jüdischen Gemeinschaft nicht genug Toleranz vorhanden ist. Es gibt viel Intoleranz: politische Intoleranz und religiöse, besonders in Israel. Das Philosophieren und das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Toleranz ist andererseits ein fester Bestandteil der jüdischen Religion. Aber Juden sind eben, wie alle anderen auch, nur Menschen. Oder nehmen wir das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Christen. Diese Hassliebe zwischen den beiden tritt seit jeher zu Tage. Es gab Christen, die das Judentum sehr schätzten und die hebräische Sprache sowie die Mishna und die Halacha studierten, um ihre eigene Religion besser verstehen zu können. Und meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, auch den Liebespart hervorzuheben.
Im angelsächsischen Raum gibt es das Konzept des «town and gown», des Austausches zwischen der nichtakademischen Stadtbevölkerung und der örtlichen Universität, an dem Sie auch selbst schon jahrelang arbeiten. Welche Austauschmöglichkeiten gibt es denn praktisch zwischen Universitäten und jüdischen Gemeinden? In bestimmter Hinsicht empfinde ich jüdisches Leben in der Gemeinde als langweilig und tot. Aus diesem Grund besuche ich in meiner Funktion als Universitätslehrer die Gemeinden und unterrichte Rabbiner. Ich versuche, ihnen aufregendes und kreatives Unterrichten beizubringen. Jeder Text und jedes Lernen kann, wie Buber es formuliert hat, in etwas Spirituelles verwandelt werden.
Und warum sind dabei universitär gelehrte jüdische Geschichte und Jüdische Studien so sehr von Bedeutung? Jüdische Studien sind die Quelle für jüdisches Leben. Ich erachte das mittlerweile weltweit etablierte Fach Jüdische Studien als einen enormen Fortschritt. Zunz und Steinschneider und ihre «Wissenschaft des Judentums» haben im 19. Jahrhundert in Deutschland von einem eigenen Lehrstuhl an der Universität nur geträumt. |