Die Russen kommen nicht mehr

Israel wirbt um russische Juden als potentielle Einwanderer/ Die Realität spricht Bände

 

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert äußerte kürzlich große Besorgnis darüber, dass der Strom der Zuwanderung nach Israel in den letzten Jahren nahezu versiegt. Durchschnittswerte von 50.000 und mehr jüdischen Einwanderern, wie noch in den späten 1990er Jahren, sind heute unerreichbar. Im Jahr 2007 sank die Zahl jüdischer Einwanderer um 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf total 19.700. Das ist die niedrigste Zuwanderungszahl nach Israel seit 1989, dem Beginn der Masseneinwanderung aus der damaligen Sowjetunion. Immer noch bilden Juden und deren Angehörige aus den GUS-Staaten mit 6.445 den größten Anteil an Zuwanderern, gefolgt von 3.607 Äthiopiern, 2.957 Nordamerikanern und 2.659 Franzosen. Im Kalenderjahr 2008 zeichnet sich eine ähnlich geringe Zuwanderung nach Israel ab.

In einer öffentlichen Erklärung vom 8. Juli sprach Olmert die russischsprachigen Juden in den UdSSR-Nachfolgestaaten an und forderte diese zur Immigration nach Israel auf. Angaben der Jüdischen Agentur, «Sochnut», zufolge, haben in den Staaten der GUS zwischen 900.000 und 1,5 Millionen Menschen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft das Recht auf Einreise und sofortigen Erhalt der israelischen Staatsbürgerschaft bei vollen Rechten. Laut Berichten von israelischen Massenmedien zeigen sich diese jedoch wenig einreisewillig. «Die GUS-Länder, besonders Russland, entwickeln sich heute mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Dort gibt es oft mehr Möglichkeiten und mehr Geld. In Israel dagegen wurden in den letzten Jahren die Beihilfen für neue Repatrianten und unvollständige Familien gekürzt, was die Absorption, das heißt die Adaption im Land, praktisch unmöglich gemacht hat», reagierte die israelische Parlamentsabgeordnete Marina Solodkina, selbst eine Einwanderin aus Moskau, in einem Gespräch mit der russischen Zeitung «Wremja Nowostej» auf Olmerts Aufruf.

Jüdisches Leben in Russland gedeiht. Vertreter jüdischer Jugendgemeinschaften in der ehemaligen Sowjetunion äußern sich optimistisch über die Entwicklung ihrer Gemeinden. Ganz anders schätzt Israels Ministerpräsident die Lage ein, der vor einem anhaltenden Assimilationsprozess warnt. Grund dafür seien laut Olmert vor allem die Mischehen. «Es gibt den ernsthaften Grund zur Besorgnis, dass die jüdischen Gemeinden im Laufe einer Generation in diesen Ländern verschwinden werden», so Olmert. «In Mischehen verringert sich das Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Kultur und Nationalität. Es geht somit ein Aussterben einer Nation vor sich», sagte dazu der israelische Pressesprecher für Immigrationsfragen der «Sochnut», Alex Selski.

Die Lage in Israel zeigt ein komplexeres Bild. Eine Mitte Juli durch das amerikanischjüdische Joint Distribution Committee (JDC) veröffentlichte Studie fand heraus, dass sich die meisten Immigranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion auch nach Jahren von der Aufnahmegesellschaft nicht als «Israelis», sondern als «Russen» wahrgenommen fühlen. Jeder siebente Israeli ist heute ein russischsprachiger Jude. Trotz des in der Studie bescheinigten großen Willens seitens der Immigranten, sich als «Israelis» zu sehen, geben nur 18 Prozent der Befragten an, auch als solche wahrgenommen zu werden. Befragt wurden in der Studie 1.025 Menschen, die zwischen 1990 und 2005 nach Israel kamen. 40 Prozent unter den Eltern in dieser Befragtengruppe beschwerte sich über eine diskriminierende Behandlung ihrer Kinder in israelischen Schulen. 31 Prozent sagten, ihre Kinder litten unter Gewalt durch Schulkinder, die nicht aus Immigrantenfamilien stammten.

Das Forschungs- und Informationszentrum des israelischen Parlaments fand in einer am 24. Juli veröffentlichten Studie heraus, dass gerade Immigranten neben Ultraorthodoxen, palästinensischen Israelis und Behinderten zu den am meisten diskriminierten Gruppen im Land gehören. So seien in einer Stadt wie Aschdod, in der 35 Prozent Neuzuwanderer aus der ehemaligen UdSSR leben, nur 5 Prozent dieser Migrantengruppe in städtischen Einrichtungen beschäftigt.

Nicht überraschend kommen so die Zahlen des Zentralbüros für Statistik, wonach fast jeder zweite der aus Israel ausreisenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion stammt. Die Gesamtzahl der Expatrianten aus Israel betrug in den vergangenen Jahren konstant über 20.000. In den letzten Jahren sind laut Angaben der israelischen Regierung 38.000 Bürger Israels in die Länder der Ex-Sowjetunion zurückgekehrt. Insgesamt verließen in der Zeit von 1948 bis 2007 schätzungsweise 650.000 jüdische Israelis das Land. Die israelische Regierung beabsichtigt nun die Gründung einer zwischenbehördlichen Kommission, um die aktuellen Immigrationsfragen zu erörtern.

Anne Harnadt

«Jüdische Zeitung», August 2008