Von doppelten Zungen und zweierlei Maß

Der Fall des Faruk Sen. Dokumentation und Kritik der Demission des Leiters des Zentrums für Türkeistudien

 

Moralin gesäuert: Faruk Sen wurde vom nordrhein-westfälischen Intergrationsminister Armin Laschet (im Hintergrund) zu Fall gebracht. Foto: dpa

Am Ende wurden sogar die Türschlösser ausgetauscht. Dass Faruk Sen eines Tages der Eintritt in den schönen Klinkerbau verwehrt würde, damit war nicht zu rechnen. Schließlich war Sen über zwanzig Jahre angesehener Leiter des Zentrums für Türkeistudien (ZfT), das in einer ehemaligen Dreherei der Firma Krupp in Essen beherbergt ist. Mit seinem Weggang endet auch eine deutsch-türkische Bilderbuchkarriere, die nun ausgerechnet an einem Juden- Vergleich scheitert. Das Skandalon liegt indessen woanders.

Faruk Sen hatte am 19. Mai 2008 in der türkischen Wirtschaftszeitung «Referans» die heutige Lage der Auslands-Türken mit der Situation der europäischen Juden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verglichen, worauf in der deutschen Heimat prompt die Alarmglocken schrillten. In Windeseile beschloss der Vorstand des Zentrums unter Fritz Schaumann (FDP) auf einer Sondersitzung, beim Kuratoriumsvorsitzenden Armin Leschat (CDU) seine Abberufung zu beantragen. Sen solle «mit sofortiger Wirkung von der Wahrnehmung seiner Geschäfte entbunden werden». Und so, als ginge Gefahr von Sen aus, erhielt er Hausverbot, bekamen die Institutstüren neue Schlösser eingebaut und wurde Sens dienstliches E-Mail-Konto gesperrt. Das Delikt beschrieb das Kuratorium so: Sen habe mit seinen Äußerungen «dem deutsch-türkischen Verhältnis, der Integrationspolitik und dem Stiftungszweck schwer geschadet».

Der Aktionismus von Direktorium und Vorstand offenbarte aber vor allem, dass man einen unliebsamen, unbequemen und unbeugsamen Direktor endlich loswerden wollte. Denn Sen gilt als schwierig und unberechenbar. Immer wieder setzte sich das SPD-Mitglied zwischen die parteipolitischen Stühle. Mal nannte er den Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine «reine Showveranstaltung», mal unterschrieb er einen Wahlaufruf zugunsten eines CDUKandidaten. Der überzeugte Laizist ist den muslimischen Verbänden ein Dorn im Auge, und die kurdischen Verbände unterstellen ihm, er sei Kemalist. Dabei ist er sehr wohl für einen kurdischen Staat, freilich ohne PKK. Die deutsche Seite rügt ihn immer wieder für seine unentschiedene Haltung zum Genozid an den Armeniern, den Sen zwar als «eine Schande für die türkische Geschichte» bezeichnet, aber nicht als Völkermord.

 

Man wollte den unliebsamen Direktor endlich loswerden

Und nun wurde ihm die Aussage, «die Türken seien die neuen Juden Europas» zum Verhängnis. Da half es auch nichts, dass Sen von jüdischer Seite Rückendeckung erhielt. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, nannte Sen «einen Freund der jüdischen Gemeinschaft», dessen «beabsichtigte Entlassung» er mit «Befremden und Unverständnis» verfolge. Auch Julius H. Schoeps, emeritierter Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam, hält Sens Entlassung für überzogen. Der Historiker Michael Wolffsohn bezeichnete Sens Aussagen zwar als «völlig deplatziert», den Türken in Deutschland stehe kein Holocaust bevor. Andererseits sei die Diskriminierung der Türken «nicht zu bestreiten». Aber warnte Sen überhaupt vor einer anti-türkischen Vernichtungspolitik? Denn nichts anderes würde «Holocaust» ja meinen. Natürlich nein, Sen mag zwar mitunter provozierend sein, völlig übergeschnappt ist er nicht. Und die bittere Ironie des Ganzen ist, dass Sens inkriminierter Beitrag als eine Solidaritätsgeste für den jüdischen Unternehmer Isak Alaton gemeint war. Dieser hatte in einem offenen Brief in türkischen Medien angeprangert, dass es einem israelischen Geschäftsmann nicht gestattet wurde, in der Türkei Investitionen zu tätigen und hatte dabei eine antisemitische Grundstimmung in der Türkei diagnostiziert.

Faruk Sens Replik ist aus erstaunlich schlichten Argumenten zusammengestrickt, die eher zur Emotionalisierung denn zur Aufklärung taugen. Der türkisch-jüdische Historiker Rifat N. Bali unterstellte Faruk Sen in der «Tageszeitung» Populismus, wenn er die Türkei dafür lobte, Juden während des Nationalsozialismus aufgenommen zu haben. Tatsächlich aber habe die Türkei zwischen 1933 und 1945 nur deutsch-jüdische Wissenschaftler einreisen lassen, von denen man sich erhoffte, sie könnten beim Aufbau eines modernen Universitätswesens hilfreich sein. Viele seien es nicht gewesen.

Faruk Sens ungenügende Wissenschaftlichkeit - ein Vorwurf mit dem er sich generell konfrontiert sieht - mag ein Problem sein. Doch hat er in der Sache Recht? In der «Tageszeitung» meinte der Jurist und Publizist Sergey Lagodinsky (siehe auch Seite 1), dass die Ressentiments gegen Juden und Türken sehr wohl vergleichbar seien - wenn man die Ausgrenzungsgeschichten nicht reflexartig auf die «mörderische Zuspitzung», den Holocaust, fokussiert, sondern auf ähnliche Diskriminierungsmuster. Unlängst wurde in Tel Aviv gar eine Konferenz veranstaltet, die nach Parallelen zwischen Vorbehalten gegenüber Juden im 19. Jahrhundert und den türkischstämmigen Einwanderern im heutigen Europa fragte. Wie Diskriminierungsmuster bisweilen übertragen werden, lässt sich nun ausgerechnet am Beispiel Faruk Sens beobachten, wenn ihm vorgeworfen wird «listenreich » zu sein und «mit doppelter Zunge zu reden» - Stereotypen, die ins antisemitische Repertoire gehören. Insbesondere in den Leser-Kommentaren der Online-Ausgabe der rechtskonservativen «Die Welt» wird höhnisch bis aggressiv gegen Faruk Sen und gegen Deutsch-Türken mobil gemacht. Jene Xenophoben lasten Faruk Sen an, er würde ein finsteres Deutschlandbild verbreiten, und man möchte ausrufen: Kein Wunder!

Unermüdlich trat Faruk Sen als Fürsprecher der Migranten auf und tat der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht den Gefallen, devot und dankbar zu sein. Ohnehin ist das ZfT kein deutsches Integrationsprojekt, sondern zuerst eine Willensleistung des Bundesverdienstkreuzträgers Faruk Sens, der 1948 in Ankara geboren wurde, 1981 in Münster promovierte, 1990 zum Professor ernannt wurde und 1996 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Anfang der 1980er Jahre überzeugt er auf einer Konferenz im türkischen Bursa deutsche Tagungsteilnehmer von der Dringlichkeit eines wissenschaftlichen Instituts zur Migrationsforschung. Es war die Zeit, als das Bild der Türken in Deutschland von Günter Wallraffs Studie «Ganz unten» geprägt war, und als Deutschland noch weit davon entfernt war, sich als Einwanderungsland zu verstehen. Aber über alle Hindernisse hinweg konnte Sen den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gewinnen, außerdem die Freudenberg-Stiftung, die die ersten 10.000 Mark für die Entwicklung eines Konzepts spendete. 1985 konnte das Zentrum seine Arbeit aufnehmen. Heute hat das ZfT einen Jahresetat von 1,8 Millionen Euro und 20 Mitarbeiter. Im Rahmen eines dreijährigen ZfT-Projekts konnten im Ruhrgebiet fast fünfhundert Lehrstellen geschaffen werden.

Sen begnügte sich nicht damit, nur den forschenden Professor zu geben, sondern setzte sich zum Beispiel für einen EU-Beitritt der Türkei ein oder rief dazu auf, «Ehrenmorde » zu ächten. Und immer wieder erinnerte er die deutsche Mehrheitsgesellschaft an ihre Beiträge zur Integration.

Die Ungleichheit, die Sen kritisierte, zeigt sich aber nicht nur in alltäglicher Diskriminierung, sondern auch im politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Zum Beispiel in der Frage, wer welche Vergleiche ziehen darf. Joschka Fischer jedenfalls blieb Außenminister, als er 1999 den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr mit einem Auschwitz-Vergleich rechtfertigen wollte.

Ein Hauptvorwurf an Faruk Sen und das Zentrum für Türkeistudien ist, sie würden auf Staatskosten nicht etwa Forschung, sondern Politik betreiben. Viel zu oft habe sich Faruk Sen mit unmissverständlichen politischen Botschaften zu Wort gemeldet und seine Ansichten als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung verkauft. Der ehemalige Leiter des Hamburger Orient- Instituts, Udo Steinbach, bescheinigt dem ZfT «keine zentrale wissenschaftliche Bedeutung». Das ist nicht nur ein überheblicher Standpunkt des renommierten Akademikers, sondern verkennt vor allem die Aufgaben und Ziele des ZfT. Und die liegen eben nicht in akademischer Brillanz. Das ZfT hat als Nichtregierungsorganisation eine Beratungsfunktion für die Landesregierung und andere Institutionen. Ganz explizit bekennt sich das ZfT zu seinem politischen wie zivilgesellschaftlichen Engagement. Die Forschung beschränkt sich dabei auf wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Expertisen, die hauptsächlich Migrationsund Integrationsfragen umfassen. Das ist immer hochpolitisch. Das liegt in der Natur der Sache. Wäre es nicht so, würde das Zentrum also still und unbemerkt vor sich hin forschen, es würde ihm garantiert vorgeworfen, dem deutschen Steuerzahler seine Erkenntnisse vorzuenthalten. Und warum sollte für 2,4 Millionen deutsch-türkische Bürger keine Politik via Forschung gemacht werden dürfen? Subalterne Gruppen brauchen Sprachrohre, um nicht gänzlich von der Mehrheit bevormundet zu werden.

 

Die moralische Empörung ist das eigentlich empörende

Seine Gegner legten dem ZfT unter Faruk Sens Leitung zur Last, es hätte stets zu stark politisiert, dabei trieben sie nun umgekehrt mit ihm politisches Schindluder. Die Gründung des Zentrums 1985 fiel in die lange Periode der SPD-geführten Landesregierung Nordrhein-Westfalens. Mit der Regierungsübernahme von Jürgen Rüttgers und der CDU im Jahr 2005 änderte sich auch für SPD-Mitglied Sen das politische Klima. Schließlich ist das Zentrum eine Landesstiftung, dem der FDP-Politiker Fritz Schaumann vorsteht. Der 62-jährige Ex-Staatssekretär, einst Vertrauter Jürgen W. Möllemanns, glaubte in Sens Juden-Türken-Vergleich endlich den finalen Fauxpas zu sehen, um ihn nicht nur fristlos zu kündigen, sondern auch noch öffentlich zu demontieren. Schaumann und mit ihm Integrationsminister Armin Laschet (CDU) setzten ganz auf die moralische Empörung, und das ist das eigentlich Empörende. Der Vergleich sollte krampfhaft zum Tabu hochstilisiert werden. Allein aus parteipolitischen Gründen wurde hier ein sensibles Thema missbraucht, und man hätte sich von jüdischer Seite eine eindeutigere Stellungnahme gewünscht. Zwar gab es Beschwichtigungen, und selbstverständlich ist die Äußerung, die «Türken seien die neuen Juden Europas», bedenklich. Aber politische Heuchelei gerade auf Kosten von (auch) moralischen Fragen und zum Schaden einer Person ist noch zweifelhafter. Das hätte der Auftakt zu überfälligen Debatten sein können: Wie verhalten sich Juden anderen Minderheiten gegenüber? Gibt es eine wechselseitige Solidarität? Und verstellt das Ausmaß der Schoa nach wie vor den Blick auf alltäglichere Diskriminierungen?

Sen bekräftige in einem Interview mit der «Tageszeitung», dass er keinesfalls die Judenverfolgung verharmlosen wollte. Das Missverständnis resultiere daraus, dass der Begriff «neue Juden» in der Türkei nicht so vorbelastet sei. Außerdem sei seine Pflicht als deutscher Staatsbürger, sich gegen die Diskriminierung von Juden einzusetzen. Dass er dafür jetzt in Deutschland bestraft werden soll, sei nicht richtig.

Seine Kontrahenten hätten wissen können, dass man sich mit Faruk Sen nicht anlegt, ohne selbst Blessuren davonzutragen. Inzwischen wurde der ZfT-Vorstandschef Fritz Schaumann wegen seines «schäbigen Vorgehens» vom stellvertretenden SPD-Landesvorsitzenden Jochen Ott zum Rücktritt aufgefordert. Seine Demission konnte Sen zwar nicht mehr verhindern, aber eine triumphale Niederlage konnten ihm seine Kritiker auch nicht bereiten. Inzwischen einigten sich Armin Laschet und Fritz Schaumann mit Faruk Sen doch noch auf eine außerjuristische Variante. «Im gegenseitigen Einvernehmen wird das Anstellungsverhältnis Sens mit dem ZfT zum 31. Dezember 2008 gelöst», heißt es in einer Erklärung des NRW-Integrationsministeriums. Bis zu diesem Termin werde der Wissenschaftler «freigestellt, um die Aufbauarbeit für die geplante deutsch-türkische Universität in Izmir zu leisten». Mit den Worten, wonach man «froh sei, dass Faruk Sen seine jahrzehntelangen Erfahrungen in Deutschland und der Türkei in diese neue Universität einbringt», lobten ihn Laschet und Schaumann hinaus aus dem Institut, das die Lebensleistung Faruks Sens ist. Auf der Webseite des ZfT bleibt das Feld zur Kontaktaufnahme mit Faruk Sen frei. Der E-Mail-Link geht ins Leere.

 

 

Dokument

Faruk Sens «Die neuen Juden Europas»

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, Jude zu sein. Es genügt nicht, die bitteren Geschichten der in vielen Ländern - allen voran Nazideutschland - Völkermorden ausgesetzten und vom Rest der Bevölkerung ausgeschlossenen Juden und die zu dieser Zeitspanne gehörende Geschichte der Menschheit zu erzählen.

In der vom Exil geprägten Geschichte der Juden sehen wir, dass die spanischen Juden, die ‹Sefarden›, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden, vom Osmanischen Reich aufgenommen wurden. Ungefähr viereinhalb Jahrhunderte später war es die junge Türkische Republik, die in den Jahren 1933-1945 den Intellektuellen, denen es gelungen war, den Massakern in Deutschland zu entkommen, ihre Türen öffnete. Die Geschichte dieses Exils findet sich in dem dieser Tage vom Günizi Verlag herausgegebenen Buch mit dem Titel ‹Exil unter dem roten Halbmond›.

Nach dem großen Massaker, bei dem Europa sich von seinen Juden zu säubern versuchte, gibt es 5.200.000 Türken, die jetzt die neuen Juden sind. Obwohl sich unter diesen unseren Menschen, die sich seit 47 Jahren in der Mitte und im Westen des alternden Kontinents niederlassen, 125.000 Unternehmer befinden, die einen Umsatz von 45 Milliarden Euro machen, sehen sie sich einer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, der schon die Juden, wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung, ausgesetzt waren.

Als Mitglied der europäischen Türken, die nicht enden wollenden Angriffen ausgesetzt sind, begehre ich auch auf gegen den Druck und gegen die Ungerechtigkeiten, denen die armenischstämmigen und griechischstämmigen Brüder in der Türkei ausgesetzt sind. Leider sind die, die trotz des Verdienstes an ihrem Land ausgeschlossen werden, auch die, die ‹draußen gelassen› werden. In dem Interview des bekannten Zeitungs- und Fernsehjournalisten Nagehan Alci mit Ishak Alaton, dem angesehenen Geschäftsmann und Gründer der Alarko-Holding, der in der Türkei einen guten Ruf für seine Ehrenhaftigkeit hat, hatte ich die Gelegenheit, über den staatlich gelenkten Antisemitismus zu lesen. Wie sind wir in der heutigen Türkei, die den 1933 geflohenen, unterdrückten Juden die Tore geöffnet hat und sie trotz starken Drucks und unmoralische Angebote geschützt hat, in solch eine Lage geraten? Es hat mich traurig gemacht zu sehen, dass ein Mensch wie Ishak Alaton, der, würde man eine Liste aufstellen für ‹echte Menschen›, wohl an der Spitze stehen würde, derartige Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Der Angriffssturm, dem er nach Erscheinen dieses Interviews ausgesetzt war, machte mich noch trauriger, da ich mich daran erinnerte, was wir als in Deutschland lebende Türken zu verschiedenen Zeiten miterleben mussten.

Herr Alaton, wir, die europäischen Türken, wissen, wie bedeutend sie für dieses Land sind. Als neue Juden Europas sind wir es, die 5.200.000 Schicksalsgenossen, die in Europa leben, die Sie am besten verstehen. Die antisemitische Einstellung bestimmter Kreise in der Türkei sollte Sie nicht betrüben, das türkische Volk und wir, als die neuen Juden Europas, stehen hinter Ihnen.»

 

Anja Lenja Mueller

«Jüdische Zeitung», August 2008