Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Immer nur Sonne macht eine WüsteDie schwerste Wasserkrise seit 80 Jahren hat unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben der Menschen in Israel und den besetzten Gebieten
Uri Schani, Direktor der israelischen Wasserbehörde, warnt schon lange vor einer Katastrophe. Inzwischen wird das Ausmaß der Not für alle sichtbar. Unter der romantisch verfallenen Kreuzritterburg im Jerusalemer Vorort Zuba blühten im Frühling noch Kirschbäume. Jetzt haben die Bauern die Plantage gerodet. Wo einst Grün war, umgibt heute gelbes Gras braune Baumstümpfe. Wo am See Genezareth vor wenigen Wochen noch fröhlich das Wasser plätscherte, weiten sich Sandstrände aus. Bald, so steht zu befürchten, könnte ein christlicher Pilger es Jesus gleichtun und den biblischen See trockenen Fußes überqueren. Bis Dezember 2008 wird der Pegel des Sees Genezareth die gefürchtete «schwarze Linie» erreichen. An diesem historischen Tiefpunkt von 214,87 Metern unter dem Meeresspiegel kann kein Wasser mehr aus dem wichtigsten Wasserreservoir Israels abgepumpt werden. Immer öfter bedecken schmierige Algenteppiche den See, der als ökologisches System zu kippen droht. Spätestens wenn der See, der allein 30 Prozent des Trinkwasserbedarfs Israels abdeckt, als Lieferant ausfällt, könne «das Wasser aus den Wasserhähnen verschwinden», warnt der ehemalige Direktor der Wasserbehörde, Professor Dan Zaslavsky. Es handle sich um die schwerste Krise seit 80 Jahren, die bereits jetzt irreparable wirtschaftliche und ökologische Schäden verursache.
Wasserdefizit trotz Technologie Die Krise im «heiligen Land» ist nicht nur für Israelis und Palästinenser relevant: in dem kleinen Land am Rande der Wüste wirken sich dieselben globalen Trends und lokalen Entwicklungen aus, die einen Großteil der Menschheit bedrohen. Doch im Gegensatz zu Millionen Menschen in Entwicklungsländern an den Wüstengrenzen Afrikas und Asiens ist Israel eine reiche und technisch hochgerüstete Industrienation: «Unser Wasserhaushalt ist divers genug, um eine Vielfalt an Problemen widerzuspiegeln. Gleichzeitig ist das Land klein genug, um wie ein großes Labor zu funktionieren», erklärt Professor Uri Shamir von der technischen Hochschule Haifas, dem «Technion», den Beispielcharakter des israelischen Wasserhaushalts. Shamir berät neben der israelischen Wasserbehörde auch die Vereinten Nationen in Belangen rund ums Wasser. Die Krise in der Region ist zum Teil Folge des globalen Klimawandels. Die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge ist in den vergangenen 16 Jahren um 11 Prozent gefallen. Hinzu kommen Sandstürme aus der Sahara, die durch die Aufwirbelung von Mikropartikeln Regen verhindert haben. So wird 2008 das vierte Dürrejahr in Folge, selbst im trockenen Nahen Osten ein seltenes Ereignis. Die Regensaison des vergangenen Winters wurde an manchen Wetterstationen im Land als die trockenste seit Beginn der Messungen beschrieben. Bis zum erneuten Beginn der Regenfälle im Dezember dieses Jahres wird deswegen ein kumuliertes Wasserdefizit von rund einer Milliarde Kubikmeter zu beklagen sein, so schätzt die israelische Wasserbehörde. Doch nicht nur Mutter Natur, auch der Mensch hat zur Krise beigetragen. «Wir verbrauchen einfach zu viel», sagt Professor Shamir. Im Prinzip lebt Israel seit den 1960er Jahren über seine Verhältnisse. Jedes Jahr wird aus dem See Genezareth und den beiden unterirdischen Grundwasserreservoirs in der Küstenregion und unter den Bergen Judäas, dem Westjordanland, mehr Wasser abgepumpt als sich durch Regenfälle regeneriert. Der Grundwasserspiegel an der Küste befindet sich bereits heute 30 Zentimeter unter der kritischen schwarzen Linie. Meerwasser sickert deswegen ins Grundwasser ein, ein steigender Chloridgehalt macht immer mehr Brunnen unbenutzbar. An manchen Stellen ist das Meer bereits einen Kilometer weit unterirdisch ins Inland vorgedrungen. Der steigende Lebensstandard in Israel und der Bevölkerungszuwachs in der Region erhöhen zudem den Wasserbedarf um jährlich 4 Prozent, während die Industrialisierung das Grundwasser verschmutzt. An der dicht besiedelten Küstenebene Israels mussten deswegen bereits 170 Brunnen stillgelegt werden. Probleme, mit denen fast alle Entwicklungsländer der Welt zu kämpfen haben.
Landwirtschaft als Wasserschleuder? Dabei haben Israels Industrie und Landwirtschaft, bis in die 1990er Jahre die größten Wasserverbraucher, erhebliche Fortschritte gemacht. Dank modernster Technologien konnten israelische Bauern ihre Erträge seit 1950 um das Zwanzigfache steigern, ihr Wasserverbrauch stieg dabei nur um das Vierfache. Mehr als die Hälfte des Wassers beziehen die Landwirte inzwischen aus Kläranlagen. Damit sind die Israelis in der Wiederverwertung von Gebrauchtwasser Weltspitze. Die israelischen Medien sehen in den Landwirten, die in der Vergangenheit Wasser zu verbilligten Tarifen erhielten, gern die Verursacher der Wasserkrise. Es wäre ein unerschwinglicher Luxus, dass ein trockenes Land wie Israel Wasser in Form von Blumen, Gemüse und Obst exportiere, ist einer der Hauptkritikpunkte. Die Regierung hat im vergangen Jahr den Bauern erneut die Wasserzuteilung auf nunmehr 427 Millionen Kubikmeter gekürzt. Das ist ein Viertel weniger als die Menge, die sie selbst noch vor wenigen Monaten als «absolutes Minimum» bezeichnet hatte. «Mehr können die Bauern aber nicht sparen», sagt dazu Uri Shamir. Bei steigenden Wasserpreisen und sinkenden Wasserquoten gehen immer mehr Landwirte dazu über, wie im Jerusalemer Vorort Zuba, Plantagen zu roden und ihre Felder brachliegen zu lassen. Das könnte langfristig negative Folgen haben: «Landwirtschaft schützt das unbesiedelte Gebiet vor Urbanisierung und verhindert die Desertifikation (d.i.: Verwüstung)», sagt Shamir. Ferner beeinflussen Grünflächen das Mikroklima und tragen zur Luftqualität bei. Zudem wird im Gegensatz zur Volksmeinung das meiste Trinkwasser längst in den Städten verbraucht: «Hier könnten wir bei richtiger Nutzung 10 Prozent einsparen », sagt Shamir. Tal Kremer, Einwohner Tel Avivs, kann die Expertenmeinungen zum nachlässigen Umgang mit Trinkwasser bestätigen: «Das Leben geht normal weiter. Auch wenn alle von der Wasserknappheit reden, werden weiter die Grünflächen in der Innenstadt gewässert».
Nur drei Tage fließend Wasser
Wenn abends in Sussia im Westjordanland die Sprenkelanlagen aufzischen und die grünen Vorgärten der jüdischen Siedler bewässern, klingt es den Bewohnern von Samoa wie Hohn in den Ohren. Die Einwohner der palästinensischen Kleinstadt leben knapp einen Kilometer von der blühenden Siedlung entfernt, aus ihren Wasserhähnen sprudelt aber nur an zehn Tagen im Jahr fließend Wasser. In diesem Sommer steht selbst diese dürftige Zuteilung in Frage. Die Bewohner Samoas sind nicht davon beeindruckt, dass die Wasserbehörde im benachbarten Israel vor wenigen Tagen den Notstand ausrief. Jenseits der grünen Linie sollen jetzt die Parks nicht mehr bewässert werden. Hier, auf den kargen Hügeln des besetzten Westjordanlands, ist der Notstand schon seit Jahren die Norm. Die Wasserversorgung der Siedlerstadt Sussia nährt sich aus einer Quelle: «Schon in guten Jahren reichten die 54 Kubikmeter in der Stunde aus der Assimiyah-Quelle nicht aus, um alle Bewohner zu versorgen, jetzt fließen dort nur noch 44 Kubikmeter pro Stunde», erklärt Ingenieur Aid Salamin, Direktor der Wasserabteilung bei der Stadtverwaltung Samoas. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt 100 Liter Wasser pro Person und Tag als untere Grenze für den Wasserverbrauch fest. Damit reicht das Wasser der Assimiyah-Quelle gerade Mal für 13.000 Menschen. Doch neben den 22.000 Einwohnern Samoas muss Salamin noch 30.000 andere Menschen in der Umgebung mit Wasser versorgen: «Deswegen haben wir die Region in 50 Abschnitte unterteilt. Jeder erhält drei Tage lang Wasser und liegt dann trocken, bis er nach vier Monaten wieder dran ist», sagt Salamin.
Keine Genehmigung für neue Brunnen Nicht nur die Quellen leiden unter der anhaltenden Dürre, auch die Zisternen, in denen im Winter Regenwasser für den trockenen Sommer gespeichert wird, sind bereits leer. Hydrologen der palästinensischen Autonomiebehörde schätzen, dass ihnen dieses Jahr mindestens 42 Millionen Kubikmeter Wasser fehlen werden. Das liegt auch an der maroden Infrastruktur und dem Chaos in der Behörde: rund 40 Prozent des Wassers sickert aus den Leitungen zurück ins Grundwasser. Palästinensische Bauern zapfen unkontrolliert Leitungen an, um ihre Felder zu bewässern. So erhalten die Bewohner in der Umgebung Hebrons nur 54 Liter am Tag, gut die Hälfte des von der WHO empfohlenen Minimums. Dabei gehören diejenigen, die wenigstens sporadisch fließend Wasser haben, zu den wenigen Glücklichen. Etwa 10 Prozent der Bewohner des Westjordanlands, rund 215.000 Menschen in 220 Dörfern und Städten, sind bisher noch gar nicht ans Wassernetz angeschlossen. Sie sind auf Tankwagen angewiesen, die das Wasser anliefern. Dann kostet der Liter drei bis sechs Mal so viel wie im benachbarten, reichen Israel. In einem Gebiet, wo fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, ist dies eine erhebliche Ausgabe. «In manchen Fällen machen die Wasserkäufe 10 Prozent des Familienhaushalts aus», berichtet die israelische Menschenrechtsorganisation «Betselem». Nicht nur Natur und Innenpolitik, sondern auch die israelische Besatzung ist maßgeblich für die Wasserknappheit verantwortlich. Eigentlich leben die rund zwei Millionen Palästinenser auf zwei großen unterirdischen Wasserreservoirs, die sie mit den benachbarten Israelis teilen. Doch die Nutzung des kostbaren Nass wird von der israelischen Besatzungsmacht verhindert. «Um einen Brunnen bohren zu dürfen, benötigen die Palästinenser eine Genehmigung der Armee. Die wird aber nie erteilt», erklärt Eyal Hareuveni, ein Forscher bei «Betselem». Laut einem zwischenzeitlichen Abkommen erhält die palästinensische Autonomiebehörde nur 20 Prozent des Wassers aus dem besetzten Westjordanland, der Rest geht nach Israel. Während die israelischen Nachbarn im Schnitt 280 Liter am Tag verbrauchen, müssen sich die Palästinenser mit nur knapp einem Viertel dieser Menge begnügen.
Lösung kommt nicht von oben Die israelischen Regierungen haben bisher noch kein übergreifendes Konzept verabschiedet, um der Wasserknappheit im eigenen Land beizukommen, sondern begnügten sich mit kurzfristigen Notlösungen. Bei der letzten Wasserkrise im Jahr 2002 riet ein Minister den Bürgern, künftig nur in Paaren zu duschen, um Wasser zu sparen. Diesmal bat der Direktor der Wasserbehörde, Uri Schani, seine Mitbürger darum, für Regen zu beten. Die Lösung wird aber kaum aus der Synagoge kommen, kommentierte dies der Hydrologe Avner Adin von der Hebräischen Universität. Die Not hat Israels Regierung jetzt zum verspäteten Handeln gezwungen. Der Wasserpreis wurde verdoppelt, öffentliche Parks sollen nicht mehr bewässert werden. In den nächsten fünf Jahren will Israel zwei Milliarden Euro für die Wasserinfrastruktur ausgeben. Rund 200 Millionen Euro sollen in Kläranlagen, 20 Millionen in Aufklärungskampagnen zum Wassersparen investiert werden. Das meiste Geld wird in Wasserentsalzungsanlagen investiert. Bereits heute liefern zwei solche Anlagen, die modernsten der Welt, 138 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Bis 2013 wird Israel 600 Millionen Kubikmeter Meerwasser, rund 20 Prozent seines Bedarfs, entsalzen. Bis 2020 sollen es 750 Millionen Kubikmeter sein. Dabei hätte das Problem bereits vor Jahren gelindert werden können. «Im Jahr 2002 hatte die Regierung bereits einmal beschlossen, Entsalzungsanlagen zu bauen, doch ein besonders regenreicher Winter brachte sie wieder davon ab», sagt Wasserexperte Shamir. Damit rechnen Meteorologen dieses Jahr leider nicht. |