Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Bitterer Nachgeschmack
Der Gefangenen- oder Überresteaustausch zwischen Israel und der Hisbollah Mitte Juli hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Auf der libanesischen Seite jubelnde Menschen; von der Hisbollah orchestrierte Triumphfeiern. Auf der israelischen Seite betretenes Schweigen; eine staatliche Beerdigung und weinende Angehörige. Die Angehörigen taten einem Leid. Aber nur auf der israelischen Seite. Denn von den Angehörigen der zweihundert arabischen Leichnahme, die ausgetauscht wurden, erfuhr im Westen niemand etwas. Dafür erfuhr man viel über den Top-Terroristen Samir Kuntar, der vor 29 Jahren einem vierjährigen israelischen Mädchen mit dem Gewehrkolben den Kopf eingeschlagen haben soll. Der ging in die Freiheit. Ein Kindermörder. Abscheulich. Das Schlimmste war, dass der Kindermörder auf der anderen Seite auch noch wie ein Held empfangen wurde. Die dunklen Augen schauten blass aus dem aufgedunsenen, weißlichen Gesicht heraus. Hisbollah-Propagandisten hatten ihn und seine drei freigelassenen Kameraden noch schnell in Uniformen gesteckt, damit die erschöpften Gesichter etwas mehr nach Widerstand aussahen. Der ganze Trubel wirkte so wie man sich im Westen extremistische Araber im Nahen Osten, auf karikaturhaft verzerrte Weise, vorstellt. Nur mit dem Unterschied, dass das Bild der Realität entsprach, zumindest der von der Hisbollah inszenierten Realität eines «triumphalen Sieges». Israel dagegen, eine Nation ganz in Schwarz, gedachte seiner Toten. Hier gibt es keine Kindermörder. Es ist eine Staatspflicht, die fest in der ungeschriebenen Konstitution verankert ist, jeden Toten nach Hause zu holen, um jeden Preis. Der Preis dieses Austausches war ein politischer Gesichtsverlust gegenüber dem Feind und dem Rest der Welt, sonst hätte man einen Kindermörder nicht gegen zwei Särge ausgetauscht! Oder vielleicht auch nicht. Denn die libanesische Reaktion auf die Rückkehr des bestialischen Mörders und die stille Trauer der Israelis sollte doch der Welt die Augen öffnen. Der Gefangenenaustausch ist ein paradigmatisches Beispiel für verklemmte Nahost-Machtspiele und zeigt, dass weder Israel noch seine Gegner ohne Hilfe von außen jemals den Konflikt beilegen werden können. Im Libanon werden nach wie vor ungefähr 17.000 Menschen vermisst, weil christliche Schergen unter israelischer Obhut, schiitische Freischärler unter syrischer Obhut und andere Fraktionen verschiedenster Couleur sie im Bürgerkrieg kidnappten, ermordeten und in unzugänglichen Gegenden verscharrten. Ihre Familien werden noch lange, wenn nicht gar für immer, auf die Rückkehr ihrer Gebeine warten. Zwar sehnen sie sich danach, ihre Nächsten mit Gewissheit im Herzen zu beerdigen. Doch machen sie daraus keine Staatspolitik. Folglich haben die Araber weniger Respekt für ihre Toten als die Israelis? Denn der Sinn des letzten israelisch-libanesischen Austausches bleibt dem Beobachter solange unklar, bis er sich der dogmatisch befolgten Regel erinnert, dass jeder Gefallene nach Hause geholt wird. Der Folgeschluss ist, dass Israelis nicht nur ihre Lebenden mehr achten als die Araber, sondern auch ihre Toten. Anders argumentiert könnte man natürlich auch behaupten, dass, aus rein kolonialistischer Sicht, das Leben eines Israelis mehr wert ist als das eines Arabers. Und dazu noch: Wenn es um den Austausch von Toten geht, wird mit «Terroristen» plötzlich wieder verhandelt. Wenn es jedoch um durchsetzbare Friedenslösungen geht, schweigt man aneinander vorbei. Das gilt für beide Seiten, denn jede hält die andere für «terroristisch». Der Austausch ermuntert die Hisbollah und andere palästinensische Fraktionen dazu, weitere israelische Gefangene zu nehmen, um sie dann einzutauschen. Der Knackpunkt ist nur, dass die Israelis dabei nicht einmal mehr leben müssen. So kritisierte Majorgeneral Jakov Amidror a.D.: «Der Austausch war ein Fehler! Israel sollte keine Überreste gegen lebende Terroristen eintauschen. In der Zukunft wird die Gegenseite kein klares Interesse mehr daran haben, unsere Soldaten am Leben zu halten.» In diesem Licht erscheint der Gefangenenaustausch vom Juli also nicht nur als emotionales Desaster, sondern auch als unglücklicher strategischer Schachzug. Nicht so für Samir Kuntar. Der wird sich irgendwo im Libanon sonnen. |