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Der Streit währt schon lange, seit 60 Jahren nun in verschärfter Form: Wo ist jüdisches Leben «jüdischer» - in Israel oder in der Diaspora? In den USA vielleicht? Hat jüdisches Leben im Europa nach der Schoa überhaupt eine Zukunft? Bei solchen Fragen bleibt Grundsätzliches zu klären: Ist ein Jude Teil der «jüdischen Nation», die sich im Staat Israel zu verfestigen sucht, oder Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft, die kein politisches Zentrum, sondern spirituelle Gemeinsamkeiten kennt? Oder ist er einfach Mitglied einer «transnationalen Schicksalsgemeinschaft»¸ der bestimmte gemeinsame kulturelle und geschichtliche Erfahrungen zugrunde liegen? Und welche Rolle spielt im Rangeln um Legimitation und Führungsanspruch in der jüdischen Welt eigentlich das Konzept der «Zerstreuung des jüdischen Volkes» vor 2.000 Jahren, die «Galut», die zur Bildung der Diaspora geführt haben soll? Für Israels Ministerpräsidenten Ehud Olmert ist die Sache klar. Juden gehören «nach Hause», sprich nach Israel. Nur dort können sie einem mehr oder weniger kontinuierlichen Prozess der Assimilierung entgehen. Die Jüdische Agentur «Sochnut» versucht nun vor allem in Russland, wo heute über 900.000 Juden leben, potentielle Einwanderer für Israel anzuwerben. Für den Tel Aviver Soziologieprofessor Natan Sznaider gibt es indes zwei Optionen zur Fortführung jüdischen Lebens: Israel oder die USA. «Jüdisches Leben in Europa existiert nicht mehr», lautet die These Sznaiders. Dem widerspricht der deutsch-jüdische Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik. Brumlik schaut hoffnungsvoll in die Zukunft des europäischen Judentums und spricht stattdessen mit Blick auf Israel vom «Ende des Zionismus» (siehe «Diaspora»). David B. Ruderman, Professor für jüdische Geschichte im US-amerikanischen Philadelphia und Reformrabbiner, hält die ganze Diskussion für problematisch. «Jeder Mensch sollte seine Identität frei wählen dürfen», meint der Intellektuelle, und sieht gerade im Reformjudentum den Wegweiser in die jüdische Zukunft. Ruderman will das Judentum durchlässiger machen und verweist auf die mangelnde politische und religiöse Toleranz in der israelischen Gesellschaft (siehe «Thema»). Einen der Grundpfeiler des Selbstverständnisses Israels, den Anspruch, die historische Heimstätte aller Juden weltweit zu sein, erschüttert nun der kritische israelische Historiker Schlomo Sand. Das Ergebnis seiner derzeit in Israel heiß diskutierten Studie «Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden? Was ist ein Volk und wann wird es zur Nation?»: Es gab keine physische Zerstreuung der Juden vor 2.000 Jahren - die «Galut» war lediglich Zeichen der Verbreitung einer Religion.
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