Unterhalten und Erinnern

Artur Brauner zum 90. Geburtstag

 

Artur Brauner. Foto: Moritz Reininghaus

Filmproduzenten haben es hierzulande nicht leicht. Misslingt ein Film, dann hat der Produzent versagt, wird er bejubelt, dann stehen Regisseure und Schauspieler im Rampenlicht. Artur Brauner ist da eine ganz markante Ausnahme. Von Beginn an begriff er sich nicht allein als Macher im Hintergrund, sondern auch als Repräsentant seiner Firma, der ganz selbstverständlich die Öffentlichkeit suchte. Heute ist Brauner Deutschlands dienstältester Produzent, zugleich ein wichtiger Teil der Geschichte und der lebendigen Gegenwart des deutschen Films. Seit der Gründung seiner Central Cinema Company (CCC-Film) im zertrümmerten Berlin des Jahres 1946 hat er unzählige Spielfilme produziert und wesentlichen Anteil daran gehabt, dass sich diese Stadt zu einem zentralen Standort der westdeutschen Filmindustrie entwickelte. Voraussetzungen dafür waren Brauners Mut und seine Hartnäckigkeit, sein Ideenreichtum, sein Geschäftssinn und persönlicher Charme im Umgang mit oft schwierigen Künstlern.

Die größten Erfolge feiert Brauner in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in einer Zeit, deren Filme Kritiker heute gern in Bausch und Bogen als weltfern, einfallslos und rein kommerziell verurteilen. Doch es lohnt sich, einen neuen Blick zu wagen und auf Entdeckungsreise zu gehen. Was dabei zum Vorschein kommt, ist ein anderes Bild der Gründungsphase der Bundesrepublik, ein Bild, das Vertrautes und Überraschendes, Vergessenes und Unbekanntes zeigt. Um Artur Brauners Schaffen zu verstehen, ist es allerdings notwendig, über seinen zweiten Film zu sprechen, «Morituri» von 1948. Auf Brauners eigenen Erlebnissen aufbauend, schildert der Film die Flucht mehrerer Häftlinge aus einem deutschen KZ in Polen. Mit verfolgten Juden verstecken sie sich in einem Wald und harren aus in ständiger Furcht vor deutschen Patrouillen. «Morituri» kam zur falschen Zeit in die Kinos: ein Film wider das Vergessen, ein fordernder, bedrückender Film. Beinahe wäre es Artur Brauners letzter Films gewesen, denn sein finanzieller Misserfolg belastete den Produzenten über Jahre. Ganz unvorbereitet traf ihn dieser Misserfolg aber nicht. In seiner unbedingt lesenswerten Autobiografie schreibt er 1976 über «Morituri»: „Es gibt im Leben Situationen, in denen man weiß: das musst du tun, obwohl es absolut wider jede Vernunft ist, aber wenn du es nicht tust, wirst du es dein Leben lang bereuen. Unvernünftig, absolut idiotisch war mein Plan schon deshalb, weil ich dunkel ahnte, dass ich mit diesem Film kaum Geld verdienen würde. Ich habe es trotzdem nie bereut, diesen Film gemacht zu haben. Gelernt habe ich allerdings - leider, leider -, dass ein Kino in erster Linie eine Stätte der Unterhaltung sein sollte und keine Stätte der Vergangenheitsbewältigung.»

 

«Ich wünsche ihm alles Gute bis 120.

Vielleicht nur eins: Schade, dass er

der Einzige seiner Sorte nach dem Krieg

in Deutschland war, aber das war ja auch

genau das, was die Nazis wollten. Der Solitär

Brauner ist also ein Beweis dafür, dass Hitler

den Krieg gewonnen hat.»

Maxim Biller

 

Diese Einsicht ist ein Schlüssel zu Artur Brauners Werk. Denn nach dem Misserfolg von «Morituri » geht er anders mit brisanten Stoffen um und verzichtet auf filmästhetische Experimente. Das hindert Brauner nicht, neben zahlreichen Musikfilmen mit Caterina Valente und Peter Alexander, neben Krimis, Karl-May-Filmen und seichten Liebesgeschichten auch künstlerisch ambitionierte und finanziell riskante Projekte mit ungewöhnlichem Inhalt anzustoßen. Immer wieder dreht er Filme, die das deutsche Publikum mit seiner unangenehmen jüngsten Vergangenheit konfrontieren. Dabei beansprucht Brauner nie, eine Strukturanalyse des Nationalsozialismus zu leisten. Vielmehr konzentriert er sich auf den individuellen Fall und präsentiert ihn in einer Form, die das Publikum nicht vor den Kopf stößt. Selbst seine kritischen Filme bleiben den Sehgewohnheiten des populären Kinos verhaftet. Sie zielen auf ein großes Publikum, das sie nicht belehren, sondern rühren, erinnern und unterhalten wollen. Verdienste erwirbt sich Brauner durch seine nimmermüden Anstrengungen, den deutschen Film auf internationales Niveau zu bringen. Früh setzt er deshalb auf Koproduktionen mit westeuropäischen Nachbarländern. Zugleich sucht er die Zusammenarbeit mit osteuropäischen Partnern, was im langen Kalten Krieg nicht selbstverständlich ist. Herausragende Resultate sind hier etwa der deutsch-polnische Film «Der achte Wochentag» (1958) und der deutsch-jugoslawische Film «Zeugin aus der Hölle» (1967). Außerdem bemüht sich Brauner darum, von den Nationalsozialisten vertriebene Regisseure aus Amerika zurück nach Deutschland zu holen und mit ihnen ein Stück jenes liberalen, weltoffenen Klimas, das die Jahre vor 1933 prägte. Unter den Remigranten sind Robert Siodmak und Fritz Lang, die mit «Die Ratten» (1955) und «Die 1000 Augen des Dr. Mabuse» (1960) künstlerisch beachtliche Spätwerke liefern. Auch den in Berlin geborenen Gerd Oswald bewegt Brauner zur Rückkehr aus Hollywood. Oswald dreht hier den harten, atmosphärisch dichten Halbstarkenfilm «Am Tag als der Regen kam» (1959) in der Tradition des Film Noir.

Die Kinokrise der sechziger und siebziger Jahre geht an Artur Brauner nicht spurlos vorbei, und die Zahl seiner Produktionen sinkt stark ab. Umso bemerkenswerter ist, dass sich Brauner in der Zeit der Krise auf seine Anfänge besinnt und an das Thema seines humanistischen Frühwerks «Morituri» anknüpft. Mit beispielloser Energie und durchaus missionarischem Eifer widmet er sich seither der Produktion von Filmen über Opfer und Überlebende des Holocausts und der nationalsozialistischen Diktatur. Es sind mittlerweile 21 Filme über den Holocaust, die Brauner produziert hat. Einige davon hatten eine enttäuschend geringe Resonanz, andere dagegen - wie «Hitlerjunge Salomon» (1990) - liefen mit internationalem Erfolg. Brauner, jüdischer Verfolgter der Nationalsozialisten, Filmproduzent und Berliner, Unterhaltungskünstler und Erinnerungsarbeiter steht darüber. Er hat geliebte und gescholtene, schnell vergessene und bis heute verehrte Filme gedreht für die Millionen und genauso für die Wenigen, ein Lebenswerk mit Ecken und Kanten. Am 1. August wird Artur Brauner, der 1918 in Lódz als Abraham geboren wurde und den wir Berliner nur liebevoll «Atze» nennen, 90 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Philipp Stiasny

«Jüdische Zeitung», August 2008