«L’chajim und bis 120!»

 

Artur und Maria Brauner mit Tochter Alice und Sohn Sammy 2007 in Berlin. Foto: AEDT.de/Krempl

«Möglichst objektive Worte über den eigenen Vater zu finden, ohne sich dabei in unreflektierte Lobhudeleien zu verstricken, das ist schwer...Alle kennen Artur Brauner nur als harten und unnachgiebigen Geschäftsmann. Keiner weiß doch eigentlich, was für ein großartiger Ehemann er ist, was für ein verlässlicher Vater und vorbildlicher Großvater. Auch wenn man ihn mal hier oder da mit einer Blondine oder einer Brünetten im Arm sieht: Mein Vater schätzt meine Mutter über alles und gibt ihr das jeden Tag zu verstehen. Mit kleinen und mit großen Gesten. Er legt ihr noch heute Liebesbriefe ans Bett und kauft ihr regelmäßig rote Rosen als Ausdruck seiner unendlichen Liebe zu ihr. Wir Kinder wissen, dass wir uns in jedweder Notsituation immer auf ihn verlassen können. Er stärkt uns den Rücken und lässt nicht zu, dass seiner Familie auch nur ein Haar gekrümmt wird. Dafür kämpft er wie ein Löwe. Ich danke dem lieben Gott jeden Tag für meinen Vater und für meine Mutter, die mich Demut, Aufrichtigkeit, Mut, Respekt und Dankbarkeit gelehrt haben. Bessere Eltern kann man nicht haben. Ich wünsche uns allen noch viele gemeinsame Jahre.»

Alice Brauner, Berlin

«Ich habe Artur Brauner vieles zu verdanken. Ich habe meine Lehrjahre bei ihm in seinem CCC-Studio verbracht. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, vieles zu lernen, schnell zu lernen. Sein Enthusiasmus war immer ansteckend - und ist es noch. Oft kam er aus seinem Büro zu uns in Atelier. Ein Stuhl wurde für ihn zurechtgeschoben. Aber niemals nahm er darauf Platz. Er stand immer: wie eine gespannte Feder. Energie und Nervosität hielten sich die Waage. Nie habe ich ihn müde gesehen, nie habe ich ihn mürrisch oder schlecht gelaunt erlebt. Er schuf die Stimmung in den CCC- Studios. Artur Brauner hat sich als Produzent immer weiter entwickelt. Weg von der gängigen Kinoware zu den Geschichten, die erzählt werden müssen. Geschichten, die uns helfen sollen, die Vergangenheit zu verstehen und sie nicht zu vergessen. Sein Mut, seine Hartnäckigkeit, mit der er in den letzten 20 Jahren und mehr Filme realisiert hat, die für ihn, aber mehr noch für die ganze Gesellschaft wichtig sind, sie sind bewundernswert. Ich achte ihn hoch dafür. Lassen Sie uns alle Artur Brauner hochleben!»

Senta Berger, Schauspielerin, Grünwald

«Berlin ohne unseren Atze Brauner, das wäre nicht das, was es ist.». Das sagte zu Recht der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dem Jubilar vor fünf Jahren zu seinem 85. Geburtstag. Und er sah die Einzigartigkeit von Artur Brauner darin, dass er mit Filmen wie «Der 20. Juli», «Von Hölle zu Hölle», «Hitlerjunge Salomon» und «Babij Jar» «nicht nur als Mahner, sondern als Aufklärer» gewirkt habe. Daran hat sich bis heute, wo er seinen neunzigsten Geburtstag feiern kann, nichts geändert. «Unser Atze» war und ist eine stadtbekannte und von vielen Berlinern auf gut Berlinische Art ins Herz geschlossene Persönlichkeit. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist sein hartnäckiger Kampf gegen das Vergessen, sein unbeugsamer Wille, an die Verbrechen der Nazizeit zu erinnern und die Kraft, trotz seiner vielen Kino-Erfolge immer wieder Filme entstehen zu lassen, die dem Mainstream etwas entgegensetzen.

* * *

Wir haben bei unserem Jewish Film Festival erleben können, wie Artur Brauner das Herz überging beim Erinnern an solche Filme. Höhepunkte unseres Programms waren zwei Abende mit Artur-Brauner-Filmen in Anwesenheit ihres Produzenten. Einmal mit dem von Frans Weisz gedrehten Film «Charlotte», der Lebensgeschichte der in Auschwitz ermordeten Malerin Charlotte Salomon; zum anderen mit «Morituri», in dessen Drehbuch er 1948 eigene Erlebnisse verarbeitete. Brauner wollte damit gegen alle Verdrängungen der Nachkriegszeit ankämpfen und «an das Gewissen der Welt appellieren». Diese Entschlossenheit hat er bis heute bewahrt. Doch wie heißt es so schön: an der Seite großer Männer stehen meistens starke Frauen. Deshalb möchte ich den neunzigsten Geburtstag von Artur Brauner auch zum Anlass nehmen, seine Frau Maria hochleben zu lassen. Als langjährige Sozialdezernentin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat sie wohl jedermann nicht nur durch ihre Tatkraft sondern auch durch ihre große Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit beeindruckt. Im besten jüdischen Geist, den sie verkörpern, sind Artur und Maria Brauner Persönlichkeiten, auf die unsere Gemeinde stolz sein kann. Dem Jubilar wollen wir daher auf diesem Wege den alten jüdischen Gruß zurufen: Bis 120!"

Nicola Galliner, Leiterin des Jewish Film Festival, Berlin

«Dieser liebenswürdige junge alte Herr hat in den Fünfziger Jahren viele Musikfilme gemacht, auch einen mit der von ihm unter väterliche Fittiche genommenen frühen Senta Berger. Meine Frau spielt darin mit brauner Schminke angemalt eine südländische ‚Ramona', und zwar deshalb, weil der clevere Produzent den gleichnamigen Schlager gekauft hatte... So war das damals. Es gibt viele solche Fälle, das waren eben die Fünfziger Jahre. Und Artur Brauner hat auch immer schon politisch gemeinte Filme produziert. Viele hatten mit seinem eigenen Schicksal und dem seiner jüdischen Mitmenschen zu tun. Er hat sich lange vor mir um eine Verfilmung der ‚Weißen Rose' bemüht, aber die betroffenen Familien wollten ihre Geschwister und Kinder nicht von Schauspielern dargestellt sehen. Als Artur Brauner erfuhr, dass ich diese Hürde überwunden hatte und diesen Stoff vorbereitete, ließ es ihm keine Ruhe mehr. Und er mir auch nicht: Er belagerte mich Monate lang, bis ich einverstanden war, dass er als Co-Produzent dazukommt. Wie doch die Klischees stimmen! Den Vertrag hat er auf der Serviette des Hotels Hilton in München-Tivoli formuliert. Und er hat auch sonst dem Klischee seiner Vertragsakrobatik genügt. Später hab ich ihn dann gebeten, mir die Rechte an den Ausschnitten und den nicht verwendeten Szenen zur alleinigen Wahrnehmung zu überlassen, was unser Vertrag eigentlich ausschloss. Er hat mir diese Rechte gegeben, auch wieder schnell hingeschrieben. Artur Brauner ist eben auch ein ganz anderer, der seinem Klischee nicht im Geringsten entspricht. Er ist großzügig und hat einen starken Gerechtigkeitssinn. Deshalb hat er eben auch viele ganz wichtige und gute Filme gemacht, die über sein Leben hinaus bleiben werden. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt gilt es, dem Jubilar weiter und weiter das Glück des Tüchtigen zu wünschen, das er ja hat, und zwar so viel, dass er immer wieder mit dem Neid Anderer konfrontiert war, ja ist. Und es gilt ihm zu wünschen, dass seine Kreativität nicht nachlässt und er weiterhin in seinem Beruf und in seiner Familie dieses große Massel tov hat. Sein Hauptgewinn ist sowieso seine Frau Maria. Happy Birthday, Artur!»

Michael Verhoeven, Regisseur und Produzent, Grünwald

«Aller guten Dinge sind drei: Wer Film sagt und wer Berlin sagt, muss auch Arthur Brauner sagen. Und das schon ziemlich lange. Wenn man, wie das bei mir der Fall ist, auch schon ein paar Jahre als Film- und Fernsehproduzentin dabei ist und sich an eigene Anfänge erinnert, dann stellt man fest: als ich angefangen habe, war er längst schon da. Und ist da geblieben. In einem Land, das man heute kühl und oft ohne nähere Kenntnisse «Nachkriegsdeutschland» nennt, hat Arthur Brauner sich als Produzent engagiert und Maßstäbe gesetzt. Und für uns in Berlin ist er bis heute einer von denen, bei denen der Respekt vor einer Lebensleistung alles andere überwölbt. Der Respekt vor jemandem, der auch nach weniger schönen Tagen immer wieder aufsteht und sich zeigt. Wenn ich ihn sehe, zuletzt weniger, diesen Familienmenschen, neulich übrigens bei einem eigenen Jubiläum, dann freue ich mich, dass er immer noch dabei sein kann.»

Regina Ziegler, Film- und Fernsehproduzentin, Berlin

«Vor einigen Jahren war ich mit meinem Onkel Artur in Lido di Jesolo, unserem Lieblings- Ferienort in Italien, in einem Restaurant. Zwei Mädchen kamen an unserem Tisch und boten Zigaretten als Werbegeschenk an. Mein Onkel schaute die beiden hübschen Promoterinnen an und erwiderte auf ihr Angebot: ‚Thank you very much - but I‘m a lover, not a smoker.' Mein Onkel ist für uns aber vor allem ein Familienmensch. Ein Beispiel: Meine Großmutter Brana kochte freitags immer Gänsegrieben, die sie gerecht an ihre Kinder verteilte. Jedes Kind bekam immer 5 Grieben. Mein Vater war Wolf sehr verfressen und verputzte seine Grieben unverzüglich. Mein Onkel teilte sich seine Grieben ein und versteckte sie so gut es ging vor seinen jüngeren Geschwistern. Als er in der Schule war, begab sich mein Vater auf Beutetour, fand die Grieben seines großen Bruders und verschlang sie sofort. Mein Onkel bemerkte das natürlich. Fortan waren die Grieben noch viel besser versteckt. Mein Vater bekam natürlich großen Ärger. Er war damals ungefähr 5 Jahre alt, mein Onkel entsprechend fünf Jahre älter. Das schlechte Gewissen plagt meinen Vater Wolf bis heute: Er kocht seinem Bruder unermüdlich jeden Monat Gänsegrieben und das wird hoffentlich ewig so weitergehen...»

Jessica Brauner, Berlin

Zusammengestellt von Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», August 2008