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Arthur Szyk (1894-1951) gilt als einer der bedeutendsten Schöpfer politischer Karikaturen und Illustrationen des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeiten genießen vor allem in den USA eine hohe Bekanntheit und Wertschätzung, sie sind in Europa jedoch noch weitgehend unbekannt. Zum ersten Mal ist nun eine Ausstellung in Deutschland dem Werk Arthur Szyks gewidmet. Das Deutsche Historische Museum legt den Schwerpunkt dabei auf die Karikaturen, die Szyk während des Zweiten Weltkrieges in seinem Selbstverständnis als «soldier in art» gegen den Nationalsozialismus und die Achsenmächte schuf. Seine Arbeiten erschienen auf den Titeln auflagenstarker Magazine wie Collier's oder TIME oder in Tageszeitungen wie der New York Post. Szyks Zeichnungen in unverkennbarer Handschrift waren in den Kriegsjahren so beliebt und allgegenwärtig, dass zahlreiche Firmen sie für ihre kriegsunterstützende Werbung nutzten. Die Zeichnungen Arthur Szyks zeugen von einer ungewöhnlichen handwerklichen Meisterschaft und künstlerischen Inspiration. Auf den ersten Blick scheinen Kunstwerke zu Themen wie Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord wenig geeignet zu sein, ein breites Publikum zu erreichen, doch Szyk gelang dies. Seine Arbeiten überraschen durch die Präzision ihrer Ausführung, durch Detailreichtum, Esprit und - wo es sich nicht um monochrome Zeichnungen handelt - eine außergewöhnliche Farbgebung. Szyk, der am 16. Juni 1894 als Sohn des Fabrikdirektors Solomon Szyk und seiner Frau Eugenia in Łódź geboren wurde, bekannte sich zu seinem Judentum. 1914 nahm er an einer von der jüdischen Kulturvereinigung «Hazamir » organisierten Studienreise durch Palästina und den Nahen Osten teil. Er war nationalbewusster Pole und ein von der gesellschaftlichen Wirksamkeit seiner Arbeit überzeugter Künstler mit kosmopolitischer Einstellung. Als im Deutschen Reich Anfang 1933 die NSDAP an die Macht kam, lebte Szyk mit seiner Familie in Paris. Aus diesem Jahr stammen seine frühesten Karikaturen Adolf Hitlers. Ausgedehnte Ausstellungsreisen führten ihn in den nächsten Jahren nach Großbritannien, Polen und in die USA. Immer öfter thematisierte er die politische Entwicklung im Deutschen Reich und die zunehmende Diskriminierung der deutschen, nach dem «Anschluss» Österreichs im März 1938 ebenso der österreichischen Juden. Der mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 beginnende Zweite Weltkrieg und die bald darauf auch dort einsetzende Judenverfolgung erschütterten Szyk zutiefst. Er hielt es nun für noch dringlicher als zuvor, mit seiner Kunst eine politische Wirkung zu erreichen. Von London aus verließ er 1940 im Auftrag der polnischen Exilregierung Europa und ließ sich Ende desselben Jahres mit Frau und Tochter in New York nieder. Schon früh hatte der Künstler in den Vereinigten Staaten von Amerika sein Ideal eines politischen Gemeinwesens gesehen, das den Werten von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verpflichtet war. Gegen eine starke isolationistische Stimmung versuchte er jetzt die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Kampf gegen die Achsenmächte als den Feinden dieser Werte so notwendig wie unvermeidlich war. Nachdem die USA in der Folge des japanischen Überfalls auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in den Krieg eingetreten waren, wurde der als Miniaturmaler bekanntgewordene Szyk für einige Jahre zu einem der wichtigsten Karikaturisten und politischen Zeichner des Landes. Neben Szyk kommentierten auch andere Zeichner wie Jerry Doyle, Theodor Seuss Geisel oder David Low mit spitzer Karikaturistenfeder die Kriegsereignisse. Es wäre sicher eine eigene Ausstellung wert, Szyks Zeichnungen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges in den größeren Kontext anti-nationalsozialistischer Karikaturen zu stellen und gemeinsam mit Arbeiten weiterer Künstler aus Großbritannien und den USA zu zeigen. Karikaturen sind eine immer noch zu wenig beachtete Quellengattung, die erst allmählich als Bestandteil des historischen und kunsthistorischen Kanons Anerkennung findet. Dabei werden Karikaturen wegen ihrer schnellen Erfassbarkeit, ihres tagesaktuellen Bezugs und ihrer nicht selten millionenfachen Verbreitung von weit mehr Menschen rezipiert als die meisten der Kunstwerke, die traditionell museale wie wissenschaftliche Aufmerksamkeit fanden und finden. Nach einem Besuch bei der Arthur Szyk Society im kalifornischen Burlingame und der Sichtung der dortigen Bestände entschieden wir uns jedoch dafür, die Ausstellung exemplarisch auf das Werk Szyks zu konzentrieren und im Gegenzug über die Gattung Karikatur hinauszugehen. Denn es würde bei weitem zu kurz greifen, in dem politischen Künstler Szyk ausschließlich einen Schöpfer von Karikaturen zu sehen. So haben etwa die Arbeiten, mit denen er auf den Völkermord an den europäischen Juden aufmerksam machte, mit der Gattung Karikatur nichts gemein. Hier führte Szyk seine an der Holzschnitt-Kunst der Renaissance geschulte Zeichentechnik zu einer Meisterschaft, die diejenige seiner früheren Arbeiten noch übertraf. Der Künstler hatte vor dem Krieg als Miniaturmaler und Buchillustrator Bekanntheit erlangt, seine Werke thematisierten schon zu dieser Zeit immer wieder die gesellschaftliche Situation der europäischen Juden und betonten die Werte von Demokratie und Freiheit. Diese Arbeiten waren meist im Rahmen aufwendiger Buchprojekte entstanden, die lange Zeit in Anspruch nahmen und als bibliophile Veröffentlichungen auf eine langfristige Wirkung angelegt waren. Seit seiner Übersiedlung in die USA und dem Kriegseintritt seiner Wahlheimat schuf Szyk in schneller Folge Zeichnung um Zeichnung. Er konnte diese in einflussreichen Magazinen und Tageszeitungen veröffentlichen, mit denen er eine Plattform von großer öffentlicher Wirkung fand. Im Zentrum seiner künstlerischen Aufmerksamkeit stand Adolf Hitler, der meist zusammen mit seinen NS-Paladinen Goebbels, Göring und Himmler sowie den Achsenpartnern aus Italien und Japan Darstellung fand. Vielfach zitierten die Arbeiten auch mythologische Bezüge etwa der germanischen Götterund Sagenwelt oder der aus ihnen schöpfenden Monumentalopern Richard Wagners. Daneben nutzte Szyk wiederholt Bildmotive aus der deutschen und vor allem preußischen Geschichte, um das nationalsozialistische Deutschland in eine historische Kontinuitätslinie zu stellen. So lag für ihn der Ursprung der NS-Besatzungspolitik in der mittelalterlichen Expansionspolitik des Deutschen Ordens gegen das damalige Polen, während er den aggressiven Militarismus des NS-Regimes auf die preußische Tradition zurückführte.
Interessant und besonders ist Szyk auch deshalb, weil seine künstlerische Arbeit in ein Netzwerk öffentlichkeitswirksamer Kampagnen eingebunden war. Je bekannter er wurde, desto besser konnte er seinen Namen und seinen Ruf zugunsten politischer und wohltätiger Zwecke nutzen. Während seine Arbeiten auf den Titelblättern wichtiger Magazine und auf den Meinungsseiten großer Tageszeitungen erschienen, stellte er immer wieder einzelne seiner in unverkennbarer Handschrift gezeichneten Blätter Projekten zur Verfügung, die Opfern des vom Deutschen Reich begonnenen Krieges halfen. Um Geld zu sammeln, wurden diese Blätter versteigert, und die Bekanntheit des Künstlers garantierte gute Erlöse zugunsten der Hilfsbedürftigen. Dabei unterstützte Szyk mit besonders großem Engagement Gruppen und Organisationen, die sich für die Rettung der europäischen Juden einsetzten. Daneben stellte er seine Motive bereitwillig für Werbeanzeigen der US-Kriegswirtschaft und für Veröffentlichungen staatlicher Stellen zur Verfügung. Insgesamt mehr als eine Million amerikanische Soldaten sahen seine Zeichnungen zudem in speziellen Ausstellungen der Streitkräfte. Am 22. Mai 1948 erhielt Szyk die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im selben Jahr entsteht seine Illumination der Gründungserklärung des Staates Israel. Der Künstler setzt sich weiterhin mit politischen Themen wie der Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung auseinander; 1950 präsentiert er seine Illumination der amerikanischen Declaration of Independence. Ein Jahr später stellt das House on Un-American Activities Committee des US-Kongresses Untersuchungen zu Szyk an, der den Vorwürfen widerspricht, Mitglied kommunistischer Organisationen zu sein. Am 13. September 1951 stirbt Arthur Szyk an einem Herzanfall. Unsere Ausstellung widmet sich auch ausführlich der Wirkung, die Szyks Werke in der Öffentlichkeit erreichten. Neben den Originalkunstwerken werden deswegen eine Vielzahl weiterer Objekte gezeigt, für die Szyks Bildmotive (Wieder-) Verwendung fanden. Dies sind zum einen Titelseiten von Magazinen sowie Zeichnungen, die in Zeitungen und Zeitschriften publiziert wurden. Zum anderen handelt es sich etwa um politische Broschüren und Plakate, Postkarten und Wohltätigkeitsbriefmarken. Dass das kleine Format der gezeigten Arbeiten nicht auf ihre geringe Bedeutung schließen lässt, wird schon in der Ausstellungsgestaltung augenfällig. Sie macht diese öffentliche Wirkung Szyks mit einem Blick erfassbar, indem sie etwa die von ihm gestalteten Zeitschriftentitel als großflächige Reproduktionen nebeneinander präsentiert. Szyk war sich seiner exponierten Geltung und Stellung sehr bewusst. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass wir die Ausstellung um eine weitere Erzählebene bereichern konnten. Der Künstler ließ durch Presseausschnitt- Dienste Beiträge aus Zeitungen und Zeitschriften sammeln, die sich mit ihm als Person, mit seiner Kunst oder mit seinen politischen Aktivitäten beschäftigten. Auf festes Papier geklebt und in großen Ordnern aufbewahrt, sind diese Artikel und zahlreiche an ihn gerichtete Briefe erhalten geblieben. Sie befinden sich heute im Arthur-Szyk-Archiv in Burlingame. Eine kleine Auswahl dieser Seiten gibt in der Ausstellung Auskunft über Szyk als öffentliche Person sowie über die Anerkennung und Wertschätzung, die ihm von vielen Seiten entgegengebracht wurde. Ausstellung und Katalog sind das Ergebnis einer außerordentlich angenehmen, diskussionsfreudigen, intensiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen uns beiden deutschen Kuratoren und dem amerikanischen Gastkurator Irvin Ungar. Als leidenschaftlicher Szyk-Sammler und unser Ansprechpartner bei der Arthur Szyk Society hat er uns wertvolle Hinweise gegeben, mannigfache Kontakte in den USA geknüpft und unsere ungezählten Fragen stets mit großer Geduld beantwortet. Aufgrund der Initiative Irvin Ungars sowie der großzügigen Leihgaben aus zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen kann das Deutsche Historische Museum das vielfältige Werk Arthur Szyks zum ersten Mal in Deutschland präsentieren - in dem Land, das Szyk, bedingt durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, wie kein anderes zum Thema seiner Arbeiten machte.
Katja Widmann und Johannes Zechner sind die deutschen Kuratoren der Ausstellung «Arthur Szyk - Bilder gegen Nationalsozialismus und Terror», die vom 29. August 2008 bis zum 04. Januar 2009 im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist (Ausstellungshalle Hinter dem Zeughaus, täglich von 10-18 Uhr). Anschließend wird die Ausstellung vom 18. Januar bis zum 13. April 2009 im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover gezeigt. Der von Widmann und Zechner herausgegebene Ausstellungskatalog (etwa 350 Seiten, ca. 200 Abbildungen), der diesen Monat im Deutschen Kunstverlag erscheint, stellt Szyks Oeuvre und insbesondere die einfalls- wie detailreichen politischen Zeichnungen anhand eines repräsentativen Querschnitts vor.
Arthur Szyk: Soldier in Art Vortrag von Irvin Ungar, Kurator der Arthur Szyk Society (Burlingame, USA). Mittwoch, 27. August, 18.00 Uhr, im Zeughauskino (Zeughausgebäude, Eingang Spreeseite) des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden 2 in 10117 Berlin- Mitte (Vortrag auf Englisch, Eintritt frei |