Arthur Szyk kommt nach Berlin

Eine Ausstellung, die alte Erinnerungen weckt

 

Szyks Tochter Alexandra Bracie vor Arbeiten ihres Vaters. Foto: T. Axelrod

Die Wohnung von Alexandra Bracie an Floridas Ostküste gleicht einem kleinen Louvre, der allein einem Künstler gewidmet ist: ihrem Vater Arthur Szyk. Jetzt, da sein Werk erstmals in Deutschland ausgestellt wird, kommt auch seine Tochter zum ersten Mal hierher. Dass dies geschehen würde, hat sie sich niemals vorstellen können: «Als wir damals von Polen nach Paris reisten und in Berlin Halt machen mussten, wollte mein Vater nicht aus dem Zug steigen», erinnert sich Bracie, die 1922 in Lódz geboren wurde. «Er kämpfte sein Leben lang gegen die Deutschen.»

Die zierliche Frau mit großen runden Brillengläsern und damenhafter Haltung hat auch selbst einigen Mut bewiesen: 2005 kehrte sie wegen einer Austellung mit Arbeiten ihres Vaters nach 75 Jahren wieder nach Polen zurück. «Ich ging nach Lódz, dem Ort, wo ich mit meiner Großmutter gelebt hatte, und als ich dann später an der Stelle stand, wo sie im Ghetto war, da hatte ich einen Nervenzusammenbruch». Inzwischen ist sie verhalten neugierig, was die jüdische Gemeinschaft in Deutschland betrifft und wie Deutsche ihre Vergangenheit sehen. «Für mich selbst wäre das nie in Betracht gekommen, nach Deutschland zu gehen, um mich um eine Ausstellung zu bemühen.» Für Bracie bringt das Ganze aufwühlende Erinnerungen mit sich: «Als Hitler mit seinem Marsch durch Europa begann und ich seine Stimme hörte und das Ganze mitbekam, da war ich als Teenager starr vor Schreck, was denn da geschieht.» Als ihre Eltern nach Paris zogen, blieb Alexandra zunächst bei der Großmutter in Lódz, bis ihre Mutter sie schließlich nach London holte. Die Familie ging 1940 in die USA, wo Alexandra Joseph Braciejowski heiratete und drei Töchter bekam.

Bracie (der Familienname wurde gekürzt) hat ihren Vater, einen kleinen Mann mit rundem Gesicht und dunkel gerahmter Brille in ihrer Erinnerung als jemanden vor Augen, der ständig auf allem zeichnete, was er in die Hand bekam. «Er brauchte nicht mehr als einen großen Tisch, um zu arbeiten, ganz gleich unter welchen Umständen... So kannte ich ihn: als einen Vater, der am Schreibtisch sitzt und arbeitet.» Szyks Mutter konnte sich, wie der Großteil der Familie nicht mehr vor den Nazis retten. Sie wurde zusammen michen Freundin Josefa nach Majdanek gebracht und ermordet. Arthur Szyk widmete ihnen seine Bibelillustrationen als einen «ewigen Kaddisch». «Als Jugendliche machte dies so einen ungeheuren Eindruck auf mich, das ich Jahrelang gar nicht daran denken mochte», sagt Bracie.

Es ist geradezu ein Paradox in Anbetracht seiner Hingabe für die amerikanischen Werte, dass Szyk schließlich von der McCarthyÄra eingeholt wurde. Im April 1951 befragte ihn das House on Un-American Activities Committee wegen seiner liberalen Ansichten, berichtet Bracie. «So etwas war zu dieser Zeit verdächtig. Man war entweder Kommunist oder Faschist. Der Begriff ‚liberal' existierte damals nicht. Aber das hat ihm wenig ausgemacht. » Ein paar Monate später starb Arthur Szyk nach einem Herzinfarkt. Einige Freunde meinten, er wäre in Folge des Stresses bei den Befragungen gestorben, doch andere sagen, dass Szyk ganz einfach einem bestehenden Herzleiden erlag. Wie auch immer, Szyk schien plötzlich vergessen, bis Rabbiner Irvin Ungar in den 1970er Jahren zufällig auf ein Faksimile von Szyks Haggada stieß. Heute ist Ungar, der im kalifornischen Burlingame lebt, einer der führenden Sammler von Szyks Arbeiten und Kurator der Arthur Szyk Society. Ende August bringt Ungar das Werk des Künstlers nun auch nach Berlin. Seine Tochter wird zur Ausstellungseröffnung im Deutschen Historischen Museum ein Grußwort sprechen.

Toby Axelrod

«Jüdische Zeitung», August 2008