Eine Stunde orthodoxer Kultur pro Woche

Immer mehr russische Schüler besuchen das «äußerst unerwünschte» Fach

 

Wladimir Putin küsst während des Weihnachtsgottesdienstes in der Kirche der alten Stadt Veliky Ustyug eine Ikone. Foto: dpa

Der August ist in Russland der letzte Ferienmonat. Am 1.September gehen alle russischen Kinder wieder zur Schule. Einige von ihnen werden im Stundenplan ein neues Fach finden: «Grundlagen orthodoxer Kultur». Es soll Kindern helfen, feste ethische und moralische Grundsätze in sich zu etablieren.

Zu den Befürwortern eines solchen religionskundlichen Unterrichts gehört auch der russische Bildungsminister Andrej Fursenko - und damit die offizielle politische Führung des Landes. Die Einführung des neuen Fachs bringt jedoch viele Diskussionen mit sich. Drei der wichtigsten Fragen sind noch immer ungelöst, obwohl das Fach in einigen Regionen Russlands bereits als Pflichtfach eingeführt ist: Was eigentlich muss man unterrichten - Kultur oder Religion? Wer soll das leisten - weltliche Lehrer oder Priester? Und: Wie sollen «die Grundlagen orthodoxer Kultur» überhaupt vermittelt werden? Das Grundproblem liegt in der Auseinandersetzung darüber, ob man es beim Lehrstoff mit «Göttlichen Gesetzen» oder der Geschichte der Weltreligionen zu tun habe solle. Das Moskauer Patriarchat der Russisch- Orthodoxen Kirche bezeichnet das neue Lehrfach als «völlig kulturologisch» und lässt verlautbaren, die russisch-orthodoxe Kultur und Weltsicht kennenzulernen, sei für alle Bewohner Russlands notwendig, um sich in diesem orthodox geprägten Land überhaupt orientieren zu können.

Die meisten Gegner, darunter nicht wenige Vertreter aller anderen wichtigen Religionen Russlands - Moslems, Juden, Buddhisten - meinen hingegen, dass bei der Einführung des Lehrfaches die Russisch-Orthodoxe Kirche noch größeren Einfluss auf die Schulbildung und damit auch auf die Ansichten der jungen Russen nehmen werde, als sie ohnehin schon habe.

Ein kurzer Rückblick dazu: Im Jahre 1999 hatte der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Alexi II., einen offenen Brief an die Gläubigen seiner Kirche verfasst, in dem er offen vorgeschlagen hatte, «wenn Schwierigkeiten mit dem Unterricht der Orthodoxie in Schulen entstehen, den Kurs „Grundlagen orthodoxer Kultur" zu nennen. Das ruft keinen Widerspruch bei Pädagogen und Direktoren der Bildungsanstalten hervor.» Als die Kirche daraufhin begann, ihre Pläne eines solchen neuen Unterrichtsfaches zu verwirklichen, haben diese feine Begriffsunterschiebung sogar die Menschen gefühlt, die von dem Brief des Patriarchen nichts wussten. Es entstand der Gegenpol zum Fach «Orthodoxe Kultur», das Fach «Religionsgeschichte» oder «Geschichte der Weltreligionen«, das zum Ziel hat, über verschiedene Religionen neutral und aus einer nichtreligiösen Draufsicht zu informieren. So haben Mitglieder der jüdischen Gemeinden Russlands vorgeschlagen, «ein Fach an den Schulen einzuführen, in dem Religionswissenschaftler den Schülern Allgemeinprinzipien aller wichtigen Religionen Russlands und deren Geschichte vermitteln».

Viele Experten machen auf die zweite Grundfrage aufmerksam, dass nämlich die Auswahl an Lehrkräften für das neue Fach nicht eindeutig geklärt ist. Der Leiter des Forschungsinstituts «Sowa», Aleksandr Werchowskij, betont dazu: «Bisher gab es diesen Unterricht überhaupt nicht. In so kurzer Zeit kann man keinen guten Lehrplan erarbeiten. Es ist klar, dass man entsprechende Kenntnisse auch schlecht vermitteln kann.» Die russisch-orthodoxe Kirche hingegen meint, dass man die Lehrer ohnehin aus Priestern und Seminaristen, aber gleichermaßen auch aus weltlichen Lehrkräften, rekrutieren und vorbereiten muss. Aber wer wird die weltlichen Pädagogen unter ihnen ausbilden?

Jurij Zavelskij, Rektor des Moskauer Gymnasiums Nr. 1543, erklärte in einem Interview zum Brief des Moskauer Patriarchats, dass nur überzeugte Atheisten das Fach unterrichten dürften, weil nur sie in den Kurs keinerlei religiöse Gefühle einbringen würden. Dem allerdings widerspricht die russischorthodoxe Kirche vehement: Sie befürchtet, das im Fall einer Einsetzung ausschließlich atheistischer Lehrkräfte die Wahrscheinlichkeit bestehe, dass religionskundliche Fächer «mit einem sowjetisch-atheistischen Akzent» unterrichtet und zudem die Gefühle gläubiger Kinder beleidigt werden könnten. Im Rahmen eines Programms der Moskauer geistlichen Akademie werden bis zum Jahre 2010 mehr als zehntausend Lehrer auf den Unterricht vorbereitet.

 

Jüdische Sicht

Im Juni dieses Jahres hat eine russisch-jüdische Nachrichtenagentur die Vermutung verbreitet, dass der Unterricht des Lehrfachs «Grundlagen orthodoxer Kultur» von Lehrkräften durchgeführt werden könnte, die keinerlei Vorstellungen über religiöse Toleranz haben. Das ruft bis heute ernste Besorgnis bei der Föderation der jüdischen Gemeinden Russlands hervor. Nicht ganz unbegründet: Im April 2008 hat die Doktorin der soziologischen Wissenschaften am Institut für Geisteswissenschaften Tjumen, zugleich Prorektorin der Staatlichen Erdölund Erdgas-Universität, Natalja Schestakowa, einen Kurs für künftige Lehrer der «Grundlagen orthodoxer Kultur» durchgeführt. Dabei sind viele Ausführungen gemacht worden, die nicht nur Juden, sondern auch Moslems und Katholiken beleidigten - und das immerhin an der größten Universität Sibiriens mit 50.000 Studierenden an 16 Instituten. Ein Mitschnitt der Vorlesung, der kürzlich im Slawisch-Juristischen Institut aufgetaucht ist, belegt, dass Schestakowa in ihrem Kurs für die potentiellen Lehrer erklärt hatte, «Mohammed ist ein falscher Prophet, der Islam ist eine falsche Lehre», oder «Katholiken sind Ketzer, die katholische Kirche enthält keinen Segen», und schließlich «jüdische Matze enthält das Blut orthodoxer Menschen, die zu Tode gequält wurden». Vertreter der Föderation der jüdischen Gemeinden Russlands befürchten zu Recht, dass dies kein Einzelfall ist. Sie sind sicher, dass die Einführung der Unterrichtsfaches in Russland zu noch stärkeren Spannung zwischen den verschiedenen Konfessionen führen wird.

 

Kultur oder Antisemitismus

Nicht zuletzt spielt das künftige Lehrbuch eine entscheidende Rolle. Das erste und populärste Schulbuch des neuen Faches war von Alla Borodina geschrieben worden und rief sofort einen Skandal hervor. Obwohl das Buch einen gewissen offiziösen Status beansprucht und den Vermerk trägt, vom Koordinationsrat für die Zusammenarbeit des russischen Bildungsministeriums mit dem Moskauer Patriarchat der russischen Orthodoxen Kirche empfohlen worden zu sein, haben russische Bürgerrechtler dagegen geklagt. Abgesehen von anderen toleranzlosen Aussagen, beschreibt Borodina die Rolle der Juden bei der Verurteilung Jesu wie folgt: «Aber die Juden gaben keine Ruhe und fuhren fort, auf der Bestrafung Christi zu beharren. Sie überredeten das Volk, dass es die Kreuzigung Christi fordern solle. Und dieselben Leute, die einige Tage zuvor zu Christus „Hosanna" gerufen hatten, riefen jetzt: „Kreuzige ihn!" Grund dafür war, dass dieses [das jüdische] Volk an das Irdische dachte: an seine Unabhängigkeit, die Macht über andere Völker und an irdisches Wohlergehen, deshalb war ihm die Idee eines ewigen Lebens durch die Rettung von Sünden, Leiden und Bösem unverständlich.» Auf diese Stelle beziehen sich natürlich die meisten Fragen der Schüler, die das Buch bislang benutzt haben: «Warum kreuzigten die Juden Christus? Was hinderte sie daran, den geistig-geistlichen Sinn der Lehre vom Himmelreich zu verstehen?»

Nach diesem Aufruhr um das Werk das Borodina sind andere Lehr- und Fachbücher für das neue Unterrichtsfach erschienen. Manche von ihnen berücksichtigen Eigenarten der Regionen und stellen einen Kurs der «Religionsheimatkunde» dar. Ein solches Lehrbuch hat kürzlich sogar Boris Jakemenko, der Chefideologe der patriotischen - man sagt häufig sogar nationalistischen - Jugendbewegung «Naschi », zu deutsch «Unsere», erarbeitet. Der Inhaltsübersicht der Vorlesungen über russisch-orthodoxe Kultur ist ein Heft mit Ausgaben und eine CD kirchlicher Hymnen und «orthodox-russischer Rockmusik» beigefügt. Der Autor des neuen Lehrbuchs hat Mitglieder seiner Organisation als Lehrer des neuen Faches vorgeschlagen: «Junge Menschen können mit Schülern eine gemeinsame Sprache sprechen», so Jakemenko. «Naschi» ist bei seinen Aktivitäten für eine besondere Vehemenz und Dreistigkeit in der Vermittlung ihrer Ideen bekannt. Wenn die Organisation ernsthaft vorhat, an der Einführung des umstrittenen Faches Teil zu haben, wird die Zeit für weitere Diskussionen äußerst knapp.

Die Einführung eines neuen Unterrichtsfaches, so auch des geplanten, liegt in Russland in der Kompetenz regionaler Bildungseinrichtungen. Ob das Fach tatsächlich unterrichtet wird oder nicht, beschließen die Direktoren der einzelnen Schule autonom nach der Auswertung von entsprechenden Elternbefragungen.

Zuweilen jedoch greift auch der Staat ein: Bislang ist das Fach in den Regionen Belgorodskaja, Kaluzhskaja, Brjanskaja und im Smolensker Gebiet zum Pflichtfach gemacht worden, in weiteren elf Regionen wird es fakultativ angeboten. So haben im vergangenen Jahr in Moskau etwa 2% aller Schüler die wahlfreie Disziplin besucht. In der russischen Republiken Baschkortostan und Tatarstan, wo traditionell der Islam vorherrscht, werden «Grundlagen der islamischen Kultur» unterrichtet. Die Föderation jüdischer Gemeinden Russlands hat in diesem Jahr entschieden, in jeder Stadt, in der mehr als ein eintausend Juden leben, jüdische allgemeinbildende oder Sonntagsschulen zu gründen.

Walentina Perewedenzewa

«Jüdische Zeitung», August 2008