Viele Dokumente - nicht anerkannt. Foto: R. Kr.

Auf schmalem Grat

Von Moskau nach München und Berlin: Zwei Geschichten zum Thema «Zuwanderer und jüdische Gemeinden»

 

Mikhail Varchavski spürt schon sein ganzes Leben lang, dass er Jude ist. 1937 in Moskau geboren, war er sich seiner Jüdischkeit bereits in seinem früheren Leben in der Sowjetunion durchaus bewusst. Dieses Bewusstsein hatte dabei meist weniger mit religiösen Erlebnissen, als mit feindlichen Reaktionen der Umwelt zu tun. Varchavskis Vater fand Ende der 40er Jahre immerhin in einem der ersten Artikel der obersten Sowjetpostille «Prawda», in dem gegen den «Kosmopolitismus» gehetzt wurde, namentliche Erwähnung. Lange ist bekannt, dass sich hinter der stalinistischen Kampagne gegen die «Weltbürgerlichkeit» nichts anderes als handfester Antisemitismus verbarg. Dies wirkte sich selbstredend auch auf den Alltag aus: «Natürlich fühlte ich, dass ich Jude bin. Schon in der Schule, sogar im Hinterhof, wo wir als Kinder gespielt haben, bekamen wir das zu spüren. Es war kein Geheimnis, dass wir Juden waren», erinnert sich Varchavski heute daran, dass entgegen offizieller Vorgabe allgemeiner Gleichheit auch in der Sowjetunion bekannt war, wer welcher Nationalität angehört - ganz besonders bei Juden. Auch danach, als er an der Moskauer Universität Physik studierte, war der Name seines Vaters, also auch sein eigener, vielen ein Begriff. Danach war Varchavski als Diplomphysiker tätig; immerhin nahmen im Lauf der Zeit die Anfeindungen allmählich ab.

1996 dann kam Varchavski nach Deutschland. Sofort suchte er den Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft, in Frankfurt wurden damals alle Juden, die gekommen waren, die so genannten «Kontigentflüchtlinge» also, zentral verwaltet. Auch Varchavskis mittlerweile verstorbene Mutter war unter ihnen. Sie wohnte zunächst in Aachen, wo sie auch sofort Mitglied der Gemeinde wurde. Sie habe den Rabbiner leicht von ihrer jüdischen Abstammung überzeugen können, berichtet Varchavski heute. Sie habe einfach eine halbe Stunde mit dem Rabbiner gesprochen - auf Jiddisch. Da hatte der Geistliche keinen Zweifel mehr, dass er es hier mit einer «echten Jüdin» zu tun hat. Doch genau hier liegt das Problem. Denn anders als seine Mutter bemüht sich Mikhail Varchavski bislang vergeblich, in die jüdische Gemeinde aufgenommen zu werden. In seinem Fall wäre dies die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), mit rund 9.000 Mitgliedern die zweitgrößte Gemeinde Deutschlands. Seit Anfang des Jahres 1997 versucht er nun vergeblich, hier Mitglied zu werden. Da der Aachener Rabbiner, der Varchavskis Mutter damals aufgenommen hatte, inzwischen ebenfalls verstorben ist, lässt sich nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen, auf welcher Grundlage er seine Entscheidung getroffen hatte. Also kann auch der heutige Gemeinderabbiner zu seinem Bedauern nicht helfen. Der bloße Nachweis, über die Mitgliedschaft der Mutter in Aachen, reicht der IKG aber als Nachweis nicht aus. Also sammelte Varchavski Dokumente und reichte sie beim Rabbiner der Münchner Gemeinde, Steven E. Langnas, ein. Am 18. Mai 2000 erreichte ihn dann Langnas' Antwort. Darin heißt es, dass ein Sachverständiger der Gemeinde die Unterlagen «ausführlich geprüft» habe und trotzdem nicht bestätigen könne, «dass Sie gemäß der Halacha jüdisch sind». Und da man eine orthodoxe Gemeinde sei, sei die oben verweigerte Bestätigung erforderlich, um in der Gemeinde aufgenommen zu werden. Was nun an Dokumenten aber fehlte, damit Varchavski vielleicht doch aufgenommen werden könnte, das zu schreiben war dann offensichtlich doch zu viel der Mühe. Der Verschmähte scheute keine Anstrengung und durchforstete die Archive seiner ehemaligen Heimat. Kopierte alle möglichen Papiere, Heirats- und Geburtsurkunden, auch eine Bestätigung vom russischen Hauptrabbinat, und reichte diese wiederum bei der IKG ein. Im November 2006, fast zehn Jahre nach seinen ersten Versuchen, in die Gemeinde aufgenommen zu werden und sechs Jahre nach seiner ersten Ablehnung durch das Rabbinat, wandte er sich also erneut an den Rabbiner. Natürlich in der Hoffnung, nun endlich eine positive Nachricht von dort zu erhalten. Doch gegenwärtig wäre Varchavski froh, erhielte er nur irgendein Zeichen von dort: Auch fünf Monate später, steht eine Reaktion schlicht weg aus.

Es wäre Varchavski nach wie vor wichtig, in die Gemeinde aufgenommen zu werden. Obwohl er keine konkrete Bitte oder ein Anliegen an diese hat. «Ich fühle mich als Jude, warum sollte ich nicht in die Gemeinde dürfen?», fragt er leise und inzwischen auch ziemlich ratlos. Besondere Bedeutung hat für den 70-Jährigen, dass er wieder im Jüdischen Männerchor in München mitsingen möchte. Eine Zeit lang war er dort bereits Mitglied, da dessen Mitglieder jedoch überwiegend in der Gemeinde seien, habe er sich dort nie wirklich wohl gefühlt, sei er doch immer wieder darauf angesprochen worden, ob er denn nun Mitglied der Gemeinde sei oder nicht. Darauf habe er geantwortet, dass er Jude sei, aber nicht wisse, warum er nicht in die Gemeinde aufgenommen werde. Das habe sich dann schnell herumgesprochen. Und ein solches Gerede kenne er noch aus seiner Zeit in der Sowjetunion.

Dabei tritt er immer wieder der Befürchtung entgegen, er wolle von der Gemeinde irgendwelche Almosen habe. Obwohl sein Einkommen heute nicht gerade üppig ist, kann der 70-Jährige seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten, auch wenn er inzwischen nur noch einen Teilzeitjob hat. Darüber, zur liberalen Münchner Gemeinde «Beth Schalom» zu gehen, hat er indes noch nicht nachgedacht, einerseits weil er empfindet, dass er das Recht hat, in die IKG aufgenommen zu werden, andererseits sind nun einmal alle seine Bekannten in der orthodoxen Vereinigung.

Der Münchner Gemeinderabbiner Steven E. Langnas bedauert den Umstand, dass er Mikhail Varchavski bislang nicht als Gemeindemitglied aufnehmen konnte außerordentlich, doch die vorgelegten Unterlagen lieferten bislang nun einmal keinen Beweis dafür, dass dieser tatsächlich auch nach der Halacha Jude sei. «Ich verstehe, dass der Herr Varchavski frustriert ist, aber da seine Unterlagen schon so oft abgelehnt wurden, weiß ich nicht, was ich ihm raten kann.»

Auch auf Nachfrage verweist Langnas darauf, dass ein Experte für russische Unterlagen die Dokumente begutachtet habe und nicht mit gutem Gewissen bestätigen können, dass Varchavski in dem Maß jüdisch sei, wie es für eine Aufnahme in die Münchner Gemeinde reiche. Man habe mehrmals versucht, Beweise für die halachische Abstammung zu finden. «Aber so leid es mir tut, es hat leider nicht geklappt. Ich würde ihm gern bestätigen, dass er jüdisch ist, aber wir haben keinen Beweis dafür», so Rabbiner Langnas. Auch dass Varchavskis Mutter Mitglied der Jüdischen Gemeinde Aachen war, ist für Langnas kein Argument: «Verschiedene Gemeinden haben verschiedene Maßstäbe.» In manchen Gemeinden sei der Rabbiner zuständig, in anderen ein Gemeindemitarbeiter oder ein Vorstandsmitglied. Bei der IKG achte der Rabbiner genau darauf, dass die Regeln der Halacha eingehalten würden. «Wenn er einen Nachweis bringt, der akzeptabel ist, nehmen wir ihn selbstverständlich auf.» Den Verdacht, dass man in der IKG keine russischen Mitglieder haben möchte, zerschlägt Langnas mit dem Verweis darauf, dass über die Hälfte der Mitglieder heute aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stammt, die Gemeinde Gebetsbücher in russischer Übersetzung gekauft habe und alles tue, um den Russisch sprechenden Mitgliedern das Gefühl zu geben, dass sie hier zu Hause sind. «In dieser Gemeinde ist jeder Jude akzeptiert, aber man muss beweisen, dass man Jude ist». «Wir tun unser Bestes, um zu helfen», so Langnas, gibt jedoch zu bedenken, dass «der unbestrittene Beweis, dass er mütterlicherseits jüdischer Abstammung ist, fehlt».

Der Rabbiner hat auch seine Gründe, genau darauf zu achten, wer in die Gemeinde aufgenommen wird und wer nicht. Sonst könne es dazu kommen, dass diese Leute aufgenommen und als Gemeindemitglieder betrachtet würden und ihre Beiträge bezahlten. Stehe dann aber irgendwann eine religiösen Handlung wie eine Trauung oder Bar Mizwa an, sei der zuständige Rabbiner unter Umständen gezwungen zu sagen: «Wir können nichts machen, Sie sind nicht jüdisch». So mancher habe deshalb seine religiöse Hochzeit absagen müssen, was dann zu großer Verzweiflung führe. «Wir versuchen hier ehrlich zu bleiben», begründet Langnas die Münchner Aufnahmepraxis.

Viele Fälle wie der von Mikhail Varchavski kämen bei der IKG, so der Gemeindegeistliche, nicht vor. Da bekannt sei, dass «„Gemeindemitgliedschaft" bei uns bedeutet, jüdisch zu sein.», meldeten sich Leute, die wissen, dass sie nicht jüdisch sind, erst gar nicht. Außerdem kämen viele Mitglieder aus der Ukraine, wo sich auch unter kommunistischer Herrschaft viel mehr Tradition als in den Großstädten erhalten habe. «Bei vielen ist es nicht nur beweisbar, sie haben oft noch jüdische Namen, sogar jüdische Vornamen», weshalb er die meisten von ihnen zu seiner persönlichen Freude ohne Bedenken in die Gemeinde aufnehmen könne.

Mikhail Varchavski kann Langnas nur den Rat geben, offiziell zum Judentum überzutreten. «Das wäre möglich, wenn er bereit wäre, einen jüdischen Lebensstil zu führen.» Nur Varchavski allein könne beantworten, ob er bereit sei, diesen «großen Schritt» zu wagen. Dass er dies auch schaffe, bezweifelt der Rabbiner allerdings: «Wahrscheinlich ist die Antwort: Nein.» Natürlich könne Varchavski auch noch versuchen, einen Gutachter zu überzeugen, auch wenn Langnas keinen Grund sieht, den Befund des eigenen Experten anzuzweifeln. Die Chancen hierfür schätzt er allerdings gering ein.

Von einem ganz anderen Fall weiß Arkadi Schneiderman, stellvertretender Vorsitzender der Berliner Gemeinde und zugleich deren Personaldezernent, zu berichten. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde geriet zwischen die Fronten der anhaltenden Querelen in der Gemeinschaft und im Zuge dessen waren schwere Zweifel an ihrer jüdischen Abstammung aufgekommen. Der Fall sei allerdings mittlerweile gelöst, so Schneiderman, die betroffene Dame Ende letzten Jahres von der Gemeinde dazu aufgefordert worden binnen eines Monats, sich dem Gijur, dem Übertritt zum Judentum, zu unterziehen. Besonders prekär war der Fall allerdings, da die Betroffene seit fast 20 Jahre lang Angestellte der Gemeinde ist, zeitweise sogar Sekretärin des Gemeindevorsitzenden war. Die Frau, so Schneiderman, arbeite auch weiterhin bei der Gemeinde. Denn dass eine Nichtjüdin angestellt worden sei, ist für Schneiderman hierbei nicht das Problem, schließlich sei rund die Hälfte der Beschäftigten nichtjüdisch. Da ihre Einstellung jedoch zeitlich mit ihrem Eintritt in die Gemeinde zusammenfalle, liege der Verdacht nahe, dass die Frau sich damals nicht nur als «Kontingentflüchtling» die Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland, sondern auch den Arbeitsplatz in der Gemeinde erschlichen habe. Sogar ihr zukünftiger Mann habe auf dem Weg Arbeit in der Gemeinde gefunden. Und ihre Mutter wiederum habe die so genannte PrVG-Rente, die Unterstützung für die Verfolgten des Nazi-Regimes, somit ebenfalls unrechtmäßig bezogen.

Wie sich die Frau damals Zugang zur Gemeinde verschaffen habe können, ist Schneiderman bis heute schleierhaft. Da sie angegeben habe, keine Papiere mehr zu besitzen, sei ihre «Jüdischkeit» aufgrund zweier eidesstattlicher Zeugenaussagen «bewiesen» worden, erzählt der Gemeinde-Vize kopfschüttelnd. Eine der «Zeuginnen» habe sich selbst ebenfalls lediglich in die Gemeinde eingeschlichen, deren Mutter wiederum sei sogar auf dem russisch-orthodoxen Friedhof in Berlin begraben worden - mit einem Kreuz auf dem Grabstein. Unglaubliche Zustände» nennt Schneiderman diese Vorgänge.

Da die Frau, um die es eigentlich geht, jedoch inzwischen über einen deutschen Pass verfüge, habe sie zumindest bei den deutschen Behörden irgendwelche Papiere vorlegen müssen. «Die Sache beruhte nur auf Lügen», vermutet Schneiderman.

Wie viele solcher Fälle in der größten Gemeinde Deutschlands vorkommen, darüber mag er lieber keine Prognose abgeben, es gebe aber Schätzungen, die von rund 40 solcher Fälle ausgingen. Es habe deshalb einen Beschluss der Repräsentantenversammlung gegeben, die Sache grundsätzlich zu klären, letztendlich werde aber weiter kräftig unter den Teppich gekehrt. «Wahrscheinlich war die Sache einfach zu brenzlig», vermutet Schneiderman. In der laufenden Legislaturperiode seien deshalb nur drei Fälle zu klären gewesen. Darunter der der besagten Frau und ihrer Mutter. Dennoch sieht er im Fall der Frau kein generelles Problem, höchstens eine Ansammlung von Einzelfällen, der im Allgemeinen allerdings lieber aus dem Weg gegangen werde.

Persönlich nimmt Schneiderman die ganze Sache um den Gemeindebeitritt nicht allzu eng. «Warum kann man nicht darüber reden, ob jemand, der einen jüdischen Vater hat, ebenfalls zur Gemeinde gehören darf?» stellt er in den Raum. In der Sowjetunion stand auch dann «Jude» im Pass, wenn nur der Vater jüdisch war. «Die Leute litten damals darunter, dass sie Juden waren, dann kommen sie hierher und plötzlich sollen sie keine Juden mehr sein?», die gängige Aufnahmepraxis ist für Schneiderman nicht nachzuvollziehen und nicht mehr zeitgemäß. Er kenne sogar Beispiele, dass jemand zwar die israelische Staatsbürgerschaft bekommen habe, in Deutschland jedoch nicht in die Gemeinde aufgenommen worden sei. Dabei meint Schneiderman aber auch einen deutlichen Unterschied zwischen alteingesessenen Gemeindemitgliedern und Zugewanderten ausmachen zu können. In diesem Zusammenhang erinnert er an den Fall einer in der Berliner Gemeinde ebenso aktiven wie angesehenen Familie, deren Sprössling in einer jüdisch-amerikanischen Einrichtung studieren wollte und von dieser abgelehnt wurde, da seine Großmutter in den Augen des zuständigen Geistlichen nicht ordnungsgemäß übergetreten war. Der Bet Din hatte dann tatsächlich den Übertritt der Großmutter für ungültig erklärt. «Wenn es sich also um eine angesehene Familie handelt, drückt man beide Augen zu. Wenn aber ein armer Tropf aus Russland kommt, dann schaut man doppelt und dreifach hin. Wir haben es hier mit einer jüdischen Zweiklassengesellschaft zu tun.» Also plädiert Schneiderman lieber für einen liberaleren Umgang mit den Religionsgesetzen, statt willkürlich hochnotpeinliche Untersuchungen durchzuführen: «Wenn wir nicht alle gleich behandeln, sollten wir die Giftschränke mit den Unterlagen besser nicht anrühren.»

Die Berliner Praxis verlangt normalerweise die Vorlage einer Geburtsurkunde, die vor 1990 ausgestellt worden ist, da es danach leicht war, gefälschte Papiere zu bekommen. Der besagten Frau, die sich öffentlich lieber nicht äußern möchte, rät auch Schneidermann, zum Rabbiner zu gehen und sich nun doch noch der Übertritts-Prozedur zu unterwerfen. Da sie dies, auch rund ein halbes Jahr nach der Aufforderung noch nicht getan habe, gehe er jedoch davon aus, dass sie kein Interesse daran habe, auf ordentlichem Weg in die Gemeinde zu gelangen.

«Oy weh!», ruft Steven E. Langnas auf den Berliner Vorfall angesprochen aus. «Deshalb versuchen wir im Voraus, solche Fälle zu vermeiden», sieht sich der Rabbiner in der rigorosen Haltung seiner Gemeinde in der Frage der Aufnahme bestätigt. Mikhail Varchavski bleibt unterdessen nur, darauf zu warten, ob nicht doch irgendwann noch Post von der Gemeinde im Briefkasten steckt. Und - das darf durchaus als Ironie der Geschichte gesehen werden - der Blick nach Osten. In den Dokumenten seines Sohnes stehe inzwischen unwiderruflich, dass sein Vater, also er, Jude sei. Auch seien sein Sohn und die Enkelkinder, so erzählt Varchavski nicht ohne Stolz, Mitglieder der Jüdischen Gemeinde - in Moskau. Auf dem dortigen jüdischen Friedhof seien übrigens, so berichtet Varchavski, auch die Eltern seiner Mutter bestattet.

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», April 2007