Israel – Russland: Eintritt frei

Der touristische Reiseverkehr zwischen Israel und Russland wird visafrei

 

Julija mit ihrem Freund Denis in Jerusalem. Ab 20. September können sie einander öfter treffen. Foto: privat

Die ab 20. September dieses Jahres gültige Visafreiheit lässt den Staat Israel das gewaltige Touristenpotential aus Russland nutzen. Laut dem israelischen Minister für Tourismus, Itzhak Aronowitsch, besuchen sein Land gegenwärtig etwa 70.000 - 80.000 Russen pro Jahr. Mit der Einführung des visafreien Reiseverkehrs könnte diese Zahl auf 300.000 bis 400.000 Besucher ansteigen, so Aronowitsch. Die Bewertung von russischer Seite sieht sogar noch optimistischer aus: das Internetportal travel.ru erwartet, dass die Zahl der russischen Touristen ins Heilige Land auf mehr als 1 Million Menschen pro Jahr ansteigen könne. Das schaffe automatisch etwa 10.000 neue Arbeitsplätze und bringe Israel mehr als 180 Millionen US-Dollar jährlich, schätzt hoffnungsfroh ein Vertreter des israelischen Verbandes der Hotelbesitzer ein.

Um gegenwärtig als russischer Staatsbürger ein israelisches Touristenvisum zu bekommen, ist außer einem gültigen Reisepass, Fotos und dem ausgefüllten Antragsformular noch die Geburtsurkunde, eine persönliche Einladung eines Israeli oder die Bestätigung der Hotelbuchung einzureichen, zudem eine Bescheinigung über die Festanstellung seitens eines russischen Arbeitgebers und die Kopien der Flugtickets einschließlich des Rückfluges.

Für Israelis ist die Liste der einzureichenden Unterlagen indes wesentlich kürzer. Die israelische Staatsbürgerin Julija Bulkina, die im Juni dieses Jahres die russische Stadt Kazan besucht hat, erzählte mir: «Ich bin für 10 Tage zu meinem Freund gefahren. Im Reisebüro in Jerusalem hat man mir geholfen, ein touristisches Visum für Russland zu beantragen, ich brauchte nur meine Geburtsurkunde und die Pässe meiner Eltern vorzulegen, in denen ihre bisherige [russische] Staatsbürgerschaft angegeben ist. An Schwierigkeiten kann ich mich nicht erinnern.»

Als aber Julijas Freund Denis sich in Russland um ein israelisches Visum bemüht hatte, ist er auf eine Vielzahl an Problemen gestoßen. «Man muss mindestens zweimal nach Moskau fahren - zuerst um die Unterlagen einzureichen, dann um ein Gespräch zu absolvieren und die Unterlagen wieder abzuholen. » Im israelischen Konsulat befragte man ihn, was für ein Reiseziel er habe, wie viele Jahre Julija und er einander kennen würden, wie lange er vorhabe, in Israel zu bleiben. «Aber das Schlimmste sind die langen Schlangen vor der israelischen Botschaft, ohne Dach, ohne normale Bedingungen. Man hat sogar Angst, einfach auf die Toilette zu gehen, um nicht den Aufruf aus seiner Reihe zu verpassen», so Denis. Auf die Visafreiheit freut sich Julija sehr. Nach dem 20. September wird sie nun öfter nach Kazan fliegen und auch Denis kann seine israelische Freundin ohne große Schwierigkeiten besuchen. Der russische Student Ronen Jakubow ist derselben Hoffnung: «Mein Vater muss jedes Jahr einmal eine Reise nach Israel machen. Früher dauerten alle Formalitäten etwa einen Monat. Jetzt kann er mehr Zeit der Familie widmen, statt den Unterlagen».

Der israelische Student Sergej Malew allerdings teilt die Freude seiner russischen Kommilitonen nicht: «Als einfacher Bürger bin ich gegen die Visafreiheit, weil ich nicht möchte, dass Israel sich in Ägypten oder die Türkei verwandelt. Denn uns reichen schon die russischen Neonazis.»

Ein ganz praktisches Problem der neuen Freiheit müssen die Israelis in den kommenden Wochen mit Vorrang lösen, denn der erste gewaltige Besucherstrom aus Russland wird für die Hohen Feiertage erwartet: Laut der israelischen Zeitung «Jediot Achronot» ist das Land rein technisch bislang gar nicht in der Lage, den allseits prognostizierten Touristenstrom aus Russland zu empfangen. Die Situation am Tel Aviver Flughafen Ben Gurion sei furchterregend: Im Juli sammelte sich beispielsweise eine unübersehbare Menschenmenge vor der Passabfertigung, Ursache ist der Mangel an Kontrollbeamten. Wenn Israel das Problem der Kontrollkräfte nicht löst und die Zahl russischer Touristen tatsächlich in der Größenordnung zunimmt, wie das alle Tourismusexperten vorhersehen, kann die Situation entstehen, das Unmengen an Gästen aus Russland vor den Einreiseschaltern des Airports wortwörtlich übernachten müssen. Das befürchtet Julija aber nicht: «Auf jedem Fall braucht die Kontrolle am Flughafen durch den Wegfall des Visums sehr viel weniger Zeit.»

Die israelische Botschafterin in Russland, Anna Asari, erklärte kürzlich zur Einführung der Visafreiheit, das diese ausschließlich für Touristen oder Gäste zu Verwandtenbesuchen gelte. Für diejenigen, die in Israel arbeiten oder studieren möchten, blieben die Visa-, Einreise-, Aufenthalts- und Arbeitsbestimmungen zwischen Russland und Israel unverändert. Die strengen israelischen Sicherheitskontrollen bei der Einreise am Flughafen blieben natürlich auch für russische Touristen erhalten. In allen verdächtigen Fällen könne ein Tourist nach wie vor bei der Einreise ein Einreiseverbot ausgesprochen bekommen, so Asari.

Swetlana Gorlina

«Jüdische Zeitung», August 2008