Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein unerschütterlicher EuropäerPolen hat mit Bronislaw Geremek einen wichtigen Vordenker verloren
Als Bronislaw Geremek im Juli bei einem Autounfall in seiner polnischen Heimat ums Leben kam, verlor Polen einen charismatischen Politiker und Europa einen seiner unermüdlichsten Verfechter und Vordenker. Verfolgung und Widerstand waren dabei im Leben des Bronislaw Geremek immer wieder die bestimmenden Elemente. Die turbulente Geschichte Polens erlebte er nicht nur als Beobachter, oft wurde er selbst zum Akteur. In Deutschland schätzte man ihn besonders wegen seiner Verdienste um die deutsch-polnische Freundschaft. Zuletzt war er aufgrund seiner liberalen Haltung ins Fadenkreuz der Kaczynski-Regierung geraten. Dieser Konflikt war absehbar. In einer Zeit, in der alle europäischen Mitgliedsstaaten mit den Bestimmungen aus Brüssel und der Ratifizierung einer EU-Verfassung haderten, buhlten die Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski erfolgreich mit populistischen Anti-Europa-Parolen um die Wählergunst. Im polnischen Volk war die Euphorie über die EU-Mitgliedschaft bald einer tiefen Frustration gewichen. Wirtschaftliche Stagnation und die Angst, von den großen Nachbarn dominiert zu werden, bahnten Parteien der extremen Rechten und Linken den Weg ins Zentrum der Macht. Aus der Parlamentswahl 2005 ging die von Lech Kaczynski gegründete Partei «Recht und Gerechtigkeit» als stärkste Kraft hervor, Bronislaw Geremeks «Freiheitsunion» dagegen war bereits 2001 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Was folgte war eine Periode der gezielten Provokation gegenüber Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen. Geremek, seit 2004 Abgeordneter des Europaparlaments, übte scharfe Kritik an der Regierung in Warschau und warf ihr vor, Polen in die Isolation zu führen. Lediglich ein paar alte Mitstreiter aus dem intellektuellen Milieu schlossen sich ihm an. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem sogenannten «Durchleuchtungsgesetz » wurde eine regelrechte Hexenjagd auf Regierungskritiker eröffnet. Angeblich sollte das Gesetz dabei helfen, den polnischen Staatsapparat von ehemaligen Mitgliedern des kommunistischen Regimes zu säubern. Tatsächlich wollte man jedoch einer intellektuellen Oppositionsbewegung zuvorkommen. Gerade pro-europäische Störenfriede vom Schlage Geremeks wurden zur Zielscheibe. Wäre es nach den Kaczynskis gegangen, hätten etwa 700.000 Menschen ihre Stellung verloren. Glücklicherweise scheiterte das Vorhaben im Frühjahr 2007 am Obersten Gericht, das das Gesetz für verfassungswidrig erklärte. Politische Willkür, die dem liberalen Politiker und überzeugten Europäer Geremek durchaus bekannt war. Als Sohn eines Rabbiners 1932 in Warschau geboren, stellte die Verfolgung durch die Nazis in seinem Leben eine tiefe Zäsur dar. Geremeks Vater wurde in Auschwitz ermordet. Er und seine Mutter entgingen der Deportation in die Vernichtungslager nur knapp, indem ein Bekannter sie aus dem Warschauer Ghetto schmuggelte. Nach seinem Abitur begann er das Studium der Geschichtswissenschaften in Warschau. Als junger Student trat er 1950 der sozialistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) bei. Nachdem 1968 im Umfeld des Prager Frühlings Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei einmarschiert waren, verließ Geremek die Partei und schloss sich der Opposition an. Und als 1980 die Arbeiter der Lenin-Werft in Danzig den Aufstand probten, reiste er zusammen mit seinem Weggefährten Adam Michnik, heute Chefredakteur der liberalen Zeitung «Gazeta Wyborcza», nach Danzig, um die Streikkomitees zu beraten. Dass aus diesem Streik mit der Solidarnosc die erste unabhängige Gewerkschaft des Ostblocks hervorging, ist somit auch das Verdienst Geremeks. Als Reaktion auf die Ereignisse wurde 1981 in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Zahlreiche Mitglieder der Streikbewegung um Lech Walesa wurden verhaftet, unter ihnen auch Geremek. Die Aktivitäten um die Danziger Werft hatten gravierende berufliche Konsequenzen für die Beteiligten. Geremek als Professor für Mittelalterliche Geschichte war zwar formal weiterhin Mitglied in wissenschaftlichen Gremien, doch seine Professur und Lehraufträge wurden auf Eis gelegt. Das hielt ihn nicht davon ab, weiter den Kontakt zu Walesa zu suchen und mit diesem die demokratischen Reformen in Polen vorzubereiten. Was zart an der Lenin-Werft entstand, brach sich 1989 mit der großen Wende endgültig seine Bahn. Auch Geremek saß in jenem Jahr am Runden Tisch und diskutierte den Neuanfang seines Landes. Walesa wurde erster Staatspräsident eines demokratischen Polens, Geremek war von 1989 bis 2001 Mitglied im Sejm, dem polnischen Parlament. Von 1997 bis 2000 war er Außenminister Polens. Wegen seiner Zurückhaltung und Vorsicht bei politischen Entscheidungen wurde ihm von Gegnern oft Feigheit unterstellt. Doch seine Ansichten waren auch im neuen Polen oft derart unpopulär, dass Feigheit wohl das letzte ist, was man Geremek vorwerfen kann. Weder bei Aspekten der deutsch-polnische Aussöhnung, für die sich Geremek wie kaum ein zweiter stark gemacht hatte, noch bei seinen Forderungen nach einem großen, zusammenhängenden Europa, vertrat er die Mehrheitsmeinung. Keine politische Einheit, aber auch keine reine Wirtschaftsunion diente ihm dabei als Modell für Europa. Geremek träumte von einer europäischen Wertegemeinschaft und wollte seine Heimat Polen in diesen Prozess einbinden. Als Lech Kaczynski Anfang Juli den Vertrag von Lissabon für gescheitert erklärte, musste er nicht lange auf die schroffe Rüge Bronislaw Geremeks warten. Geremek hatte nie aufgehört, an die wunderbar vermessene Idee eines großen und friedlichen Europas zu glauben. Was bleibt ist Trauer und Bewunderung für einen unerschütterlichen Europäer oder wie sein Freund und Mitstreiter Adam Michnik es in einem Nachruf formulierte: «Auf Wiedersehen, geliebter Bronek. Gut, dass es dich gab.» |