Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wenn Heimweh die Familie untergräbtSeelische Konfliktberatung: Ein Projekt der Synagogengemeinde Köln
Im Zentrum des sozialen Dienstes der Synagogengemeinde Köln steht das «Vertrauenstelefon» mit seinem Nachwuchs: die «Psychologische Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund ». Das kostenlose Angebot hat im September 2007 im Begegnungszentrum Köln-Porz seine Türen geöffnet. Finanziert mit Hilfe des Europäischen Flüchtlingsfonds ist die professionelle Beratung bereits jetzt unverzichtbarer Bestandteil der Gemeindearbeit. Vor sieben Jahren wurde das Vertrauens- Telefon gegründet, das sich aus kleinen Anfängen zur jüdischen Hotline mit 18 sorgfältig geschulten ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aller Altersstufen entwickelt hat. Je größer die Akzeptanz, desto deutlicher zeigten sich allerdings die Grenzen anonymer telefonischer Gesprächsführung. Wenn hinter scheinbar banalen Fragen tiefgreifende seelische Probleme oder Familienzerwürfnisse zutage traten, halfen die Telefonate nicht weiter. Ein Beispiel: Eine Anruferin klagte ständig über immer neue körperliche Beschwerden. Beim Team-Austausch wurde den Beteiligten klar: Hier ergingen Hilferufe aus einer Vereinsamung, die Körper und Seele alle Widerstandskräfte entzog. Es gelang, der Klientin telefonisch Mut zu machen zum persönlichen Gespräch in der Beratungsstelle. So kam Vera S. (Klientennamen von der Redaktion geändert) zu Alexander Apel (48), Psychiater und Psychotherapeut, der bis vor sechs Jahren Chefarzt einer großen Klinik in Karaganda in Kasachstan war. Er übernahm die Einzelberatung, denn wegen fehlender Anerkennung seiner Facharztausbildung darf er hier nicht ärztlich tätig sein. «Vera hat nur einen Freund: das russische Fernsehen», sagt Apel. Zwar wohnt die 76-Jährige in unmittelbarer Nähe ihrer Tochter, die mit ihrem Mann und zwei Söhnen zusammenwohnt, aber die ließen sich immer seltener blicken. Veras Gejammer und ihre vorwurfsvolle Miene waren ihnen zuwider. Dazu kam bei den Jungen Unmut über die Dauer-Nostalgie ihrer Großmutter, die nach zehn Jahren immer noch an der russischen Sprachheimat haftet. Vera wiederum fühlte sich zu Unrecht ihres Ehrenplatzes als ältestes Familienmitglied beraubt. Einmal wöchentlich hat sie nun einen Gesprächstermin, aber mittlerweile muss sie sich «ihren» Doktor Apel mit vielen Ratsuchenden teilen. «Anfangs stießen wir auf eine Mauer», berichtet die Psychologin Stella Shcherbatova, die das Vertrauenstelefon aufgebaut hat und in der Beratungsstelle Gruppengespräche leitet. «‚Psycho-Probleme haben doch nur Verrückte', ist ein tief verwurzeltes Vorurteil, und manchmal hält es sich so lang, bis intakte Familien auseinanderbrechen. » Regelmäßige Informationen im Gemeindeblatt, Vorträge und Mundpropaganda haben inzwischen viele Barrieren eingerissen. Während nur wenige Männer den Weg zur Beratung finden, entschließen sich Frauen in seelischer Notlage häufiger, psychologische Begleitung anzunehmen. Als die 43jährige Ärztin Hana V. den Zerfall ihrer Familie ohnmächtig mit ansehen musste, flüchtete sie sich geradezu in die Beratungsstelle. Vor elf Jahren war Hana mit Ehemann Mikhail, Bauingenieur in hoher Position, und den zwei Kindern nach Köln gekommen. Jetzt ist sie wieder erfolgreich tätig in ihrem Beruf, und Sohn und Tochter lernen im Gymnasium. Mikhail aber kam nie über einen Teilzeit-Job als Kurier hinaus. Sein Frust äußerte sich in zunehmender Kritik an jedem und allem, er wurde streitsüchtig und aggressiv. Die Kinder kapselten sich ab. Der Junge, 16, fiel in seinen Schulleistungen zurück und kam oft erst spät nach Hause. Die Familie, nach außen musterhaft integriert, drohte an Mikhails Heimweh-Depression kaputt zu gehen; er selbst würde sich aber niemals als Ursache der Misere begreifen. «Migration kann Energien wecken und zu erstaunlichen Leistungen befähigen. Sie kann aber auch Lähmung und Heimweh als Kranksein bis hin zur seelischen Zerrüttung bewirken»", ist Alexander Apels Erfahrung. In Hanas Fall entwarfen Berater und Klientin gemeinsam eine Strategie: Sie bat ihren Mann um Hilfe, da es ihr psychisch schlecht gehe. Tatsächlich ließ sich Mikhail überreden, in die Beratungsstelle mitzukommen. Dort brach seine ganze Verzweiflung aus ihm heraus. «Wie ein Stück Scheiße» fühle er sich, schrie er los, seit er seiner Familie gesellschaftliches Ansehen und finanzielle Sicherheit schuldig bleiben müsse. Was er nicht erwartet hatte: Seine Frau erklärte ihm, ihre Zuneigung zu ihm habe nie auf seiner hohen Stellung beruht. Als dann auch die Kinder in die Gesprächsrunde einbezogen wurden, erlebten sie, wie die Eltern einen neuen Draht zueinander geknüpft hatten, und entdeckten ihre Familie wieder als ihr Zuhause. Statistiken weisen aus, dass derartige Konflikte in Migrantenfamilien überproportional häufig zu Scheidungen führen und damit für Eltern und Kinder zum Verlust des letzten gemeinsamen Orientierungspunktes aus der Heimat. Betroffen sind Zuwanderer von dieser Gefahr umso häufiger, je länger sie in ihrer neuen Umgebung leben. So erklärt sich der wachsende Bedarf an psychologischer Unterstützung, obwohl die Migration aus der ehemaligen UdSSR fast verebbt ist. 2008 hat die Kölner Gemeinde bisher nur 14 Familien aufgenommen; früher kamen 400 bis 500 Neuzuwanderer pro Jahr. Krisen lauern gerade da, wo Integration geglückt erscheint. Verborgene Ängste machen sich bemerkbar, nicht zuletzt wegen der jüdischen Identität, die - diese Erfahrung hat sich bei vielen Zuwanderern tief eingegraben - immer und überall Diskriminierung auslösen kann. Und Vera S.? Sie hat einen neuen Lebensinhalt, denn sie bereitet ihren Umzug vor. Viel Geduld war nötig, um sie zu überzeugen, dass das helle moderne Elternheim der Kölner Synagogengemeinde nichts zu tun hat mit den berüchtigten Asylen in ihrer Heimat. Nach einer Besichtigung mit der Familie hat sie sich dort angemeldet. «Im Elternheim besuchen wir Dich gern, Oma», beteuern die Enkelsöhne. Vera freut sich. «Beziehungen renovieren», definiert Alexander Apel seine Arbeit. |