Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Unterschriftensammlung für Beth ShalomMünchner Bürger erinnern die Stadt an ihre Verantwortung
Vor zwei Monaten gedachten die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Charlotte Knobloch, zusammen mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude der Zerstörung der liberalen Münchner Hauptsynagoge vor siebzig Jahren, im Juni 1938. Aber kümmern sie sich auch um die geistigen Erben der großen liberalen Münchner Tradition? Zur Erinnerung: Die inzwischen orthodox ausgerichtete IKG hatte das Grundstück der früheren Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße, an derem letzten Gottesdienst 1938 auch der führende Repräsentant des liberalen deutschen Judentums teilgenommen hatte, Rabbiner Leo Baeck, im Rahmen der Restitution erhalten und es dann an die Stadt München verkauft - mit der Auflage, dort nur eine Grünfläche mit Mahnmal anlegen zu können. Zur Realisierung ihres Projektes am St.-Jakobs- Platz hat die IKG aber auf die eingetragene Dienstbarkeit verzichtet, womit die Stadt das Grundstück an den Karstadt-Konzern zur Erweiterung des Kaufhauses Pollinger verkaufen konnte. Den Erlös aus diesem Grundstückverkauf hat die Stadt dann der IKG für ihr aufwändiges Projekt vollständig zur Verfügung gestellt. Zur Eröffnung der neuen Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz im November 2006 hieß es dann: «Danke München». Die heutige Liberale Jüdische Gemeinde Münchens aber ist ohne eigenes Domizil: Beth Shaloms 400 Mitglieder müssen mit zwei angemieteten Räumen in einem Hinterhof auskommen, von denen sich einer im Keller befindet. Die rührige Gemeinde, die sich aus eigener Kraft finanziert, gründete sich 1995 als eingetragener und gemeinnütziger Verein und hat 2006 mit der Festanstellung von Rabbiner Tom Kucera einen wichtigen Schritt in die Zukunft unternommen. Es fehlt nun aber an Mitteln für ein eigenes angemessenes Domizil. «Chaverim», der rührige Freundeskreis der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom, will nicht länger auf Wunder warten und unterstützt die Gemeinde nach Kräften. Am 15. Juli wurden die ersten Listen mit 400 Unterschriften an Bürgermeisterin Strobl und den Stadtrat übergeben. Darin fordern Münchner Bürger und Bürgerinnen die Stadt auf, sich zu ihrer Verantwortung auch für das liberale Judentum zu bekennen. Mit ihrer Unterschrift äußern die Unterzeichner ihren Wunsch, dass die Stadt München die Gemeinde Beth Shalom bei der Suche nach einer neuen und für die Gemeinde finanzierbaren Synagoge unterstützt und die notwendige Hilfestellung gibt. «Die Unterschriftenliste ist nur ein Anfang in unseren Bemühungen um Beth Shalom in deren Sehnsucht, nach einer würdigen Synagoge zu unterstützen», so Marlies Poss, Vorstand von Chaverim. Beth Shalom fehlen vor allem Büroräume und Räume für den Religionsunterricht. Während die Israelitische Kultusgemeinde der aktuellen Dokumentation «Die Vergangenheit ist ein fremdes Land» nach offenbar große Mühe hat, jüdische Kontingentflüchtlinge an sich zu binden und sich, so Präsidiumsmitglied Nathan Kalmanowicz, «nach jahrzehntelangem Bemühen um den Bau eines Gemeindezentrums nun die Frage stelle, wie diese nun fertiggestellte Einrichtung mit Leben zu füllen sei», platzt die provisorische Bleibe von Beth Shalom aus allen Nähten. An den Hohen Feiertagen sind die Gemeinderäume regelmäßig komplett überfüllt, es müssen gar Wartelisten für die Mitglieder erstellt werden. Das Angebot der Kultusgemeinde, Beth Shalom das Gebäude in der Möhlstraße zu überlassen, in der früher der Kindergarten und die Grundschule der IKG untergebracht waren, überzeugt die Vorsitzende Lauren Rid nicht: «Es gibt auch dort nicht genug Platz für unsere wachsende liberale Gemeinde.» Beth Shalom finanziert sich bislang weitgehend aus Mitgliedsbeiträgen und großzügigen Spenden einzelner Personen. Auch viele Gemeindeaufgaben werden nach wie vor ehrenamtlich von Mitgliedern erbracht. Der Enthusiasmus und das anhaltende persönliche Engagement der Gemeindemitglieder haben so die Verwirklichung ihrer Vision Schritt für Schritt wahrgemacht. Nun braucht es auch das Bekenntnis der Stadt zu ihrer Verantwortung für das liberale Judentum in München. «Für die Zukunft möchten wir unsere religiöse Autonomie bewahren und weiter wachsen, um die uns gestellten Aufgaben zu erfüllen. Unsere weiterreichende Vision ist, dass in München wieder eine liberale Synagoge entstehen wird, in der an die liberale Tradition der Vorkriegszeit anknüpfend gebetet und modernes jüdisches Leben gelebt werden kann.» Der Verein «Chaverim», in dem sich Münchner Bürger und Bürgerinnen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit und parteipolitisch ungebunden zusammenschließen, um dem Liberalen Judentum mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zu verleihen, unterstützt Beth Shalom finanziell, damit die Gemeinde ihre religiösen Aufgaben und kulturellen Interessen so gut wie möglich wahrnehmen kann.
Gideon Wollberg
Je liberaler umso lieber Die Juden wurden jahrhundertelang in der Sphäre des Staates und seiner Mechanismen isoliert, so wie sie in der Gesellschaft isoliert waren. Diese Isolation hat dazu geführt, dass sie, als sie der eigenen Vernichtung ins Auge sehen mussten, hilflos waren, so wie sie dem militanten Antisemitismus gegenüber immer hilflos gewesen sind. Hannah Arendt schreibt unter anderem auch vieles darüber. Es gab keine Gegenwehr gegen die Massenbewegung der Nazis. Gegen einen solchen Sturm von Gewalt, auch kalter, technisierter Gewalt, kann man sich nicht wehren, vor allem dann nicht, wenn man eben vereinzelt ist. Jeder Vereinzelte ist isoliert und kann nicht mehr beurteilen, wo ihm bloß ein gemeines Vorurteil entgegenschlägt, und wo ihm schon nackte Gewalt droht. Aber die Angepasstheit der Juden an die Gesellschaft, ihre Assimilation, jedenfalls bis zur Schoa, ihr Wunsch dazuzugehören, ihre Liberalität, frei zu wählen, welcher politischer Gruppierung sie sich anschließen wollten (und konnten), ja zu wählen, ob sie überhaupt als Juden leben wollten, hatte sie auf diesen tödlichen schleichenden Prozess der Auslöschung nicht vorbereitet. Daher ist es besonders wichtig, sich zusammenzuschließen, zu organisieren, und jede Organisationsform, von der religiösesten, orthodoxesten bis zur weltlichsten, zuzulassen. Die vielfachen Möglichkeiten zur Organisation bedeuten ja Demokratie, und Demokratie ist der beste Garant gegen jede Form der Gefährdung. Es kann keinen Alleinvertretungsanspruch für alle Juden oder Judenmischlinge geben (wie mich und viele andere, ich verwende das Wort Mischling, obwohl es eine Nazischöpfung ist und mir widerstrebt, um darauf hinzuweisen, dass eben nicht alles schwarz oder weiß ist), es kann nicht nur eine einzige Gemeinde geben, die eine Art Alleinvertretungsanspruch erhebt, es muss jeder, jedem überlassen bleiben, mit wem und wo er sich organisieren will. Aber organisieren sollte, nein, muss man sich. Sonst besteht die Gefahr, dass die Wirklichkeit sich wieder verzerrt, die Gesellschaft entgleist und aus dem Ruder läuft und die Narren und Verbrecher wieder irgendwelchen Phantasien von jüdischen Weltverschwörungen nachgeben. Denn ein Sich-Abschließen von der Außenwelt, ein Verharren in inneren Kreisen, könnte zu der Gefahr führen, dass in der kranken Phantasie der Leute den Juden wieder, wie so oft in der Geschichte, eine Macht zugeschrieben wird, die sie nie hatten, nie haben wollten und auch nicht haben wollen. Deshalb muss es viele jüdische Gemeinden geben, je mehr desto besser. Je liberaler umso lieber.
Elfriede Jelinek Elfriede Jelinek ist Gründungsmitglied von Chaverim München. 2004 erhielt die Schriftstellerin, die in Wien und München lebt, den Nobelpreis für Literatur. |