«Orthodoxer geht es nicht mehr»

Die Leipziger Gemeinde eröffnete ihre Mikwe

 

Architektin Gabrielle Weis, Naftali Bollag, Küf Kaufman. Foto: privat

Dank des privaten Engagements der Familie Rogosnitzky (London) konnte die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig (IRG) Mitte Juli die Einrichtung einer Mikwe feiern.

Joshua «Shoey» Rogosnitzky, dessen Großvater als orthodoxer Gemeinde-Dajan bis 1938 dem Synagogenverein Ohel Jacob in der Pfaffenhofer Straße in Leipzig verbunden gewesen war, hat sich bereits mit der Förderung des Ohel Yehoshua Beis Medrash Torah Center der Ronald S. Lauder Foundation in Leipzig hervorgetan; das neue Ritualbad wurde vom Architekturbüro Weis und Volkmann im Keller des Gemeindehauses in der Löhrstraße untergebracht. Vor der Schoa befand sich das Ritualbad in der Blücherstraße 18. «Für Frauen ist das Ritualbad täglich zwei Stunden vor Sonnenuntergang geöffnet», heißt es seinerzeit im Jüdischen Jahrbuch für Sachsen. «Für Männer ist das Bad täglich von 6 ½-9 Uhr geöffnet.» 1929 hatte die IRG auch den Bau eines Ritualbades der Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße 22 nach Plänen von Wilhelm Zeev Haller in Auftrag gegeben. Der Nachkriegsgemeinde stand keine Mikwe zur Verfügung; vor zweieinhalb Jahren kündigte dann ein Freund der Familie Rogosnitzky, Naftali Bollag, die Errichtung einer Mikwe für die inzwischen gut 1.200 Mitglieder der traditionell ausgerichteten Religionsgemeinde an. Die Spender, die dafür im Familien- und Freundeskreis 150.000 Euro, aufgebracht haben, sind Naftali und Yehoshua Rogosnitzky, Naftali Bollag, David Morris, Martin Richman und Yaakov Wolf. Unter den Spendern, die finanziell zum Betrieb der Mikwe beitragen wollen, ist auch das Hotel Fürstenhof Kempinski, das jetzt auch für den Aufenthalt der Londoner Gäste aufkam.

Der Einbau der Mikwe wurde unter Aufsicht von Rabbiner Meir Posen aus Jerusalem vorgenommen, einem Experten für die Einrichtung von Ritualbädern. Um als koscher zu gelten, darf für das Tauchbad beispielsweise kein kostengünstiges Fertigbetonteil als Becken verwendet und das Wasser nicht herangepumpt werden. Für das Bad eignet sich dagegen generell direkt der Natur entnommenes Wasser, also etwa Grund-, Quell- oder Regenwasser. In Leipzig haben sich die Spezialisten, so wie im Regelfall, für eine Kombination aus Grund- und Regenwasser entschieden: Über eine Rinne fließt nun Regenwasser in ein Auffangbecken im Keller, wo es dann gefiltert und mit Leitungswasser gemischt in die Mikwe gelangt. Falls es zuviel regnet, kann das überschüssige Wasser auch wieder zurück nach draußen geleitet werden. «Das Wasser kommt vom Himmel, der Filter aus Israel» sagte dazu der Vorstandsvorsitzende der IRG, Küf Kaufmann. «Orthodoxer geht es nicht mehr.» Kaufmann überreichte den Angehörigen der Familie Rogosnitzky auch einen Dankesbrief des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung, bevor drei Frauen in Anwesenheit von Rabbiner Josh Spinner von der Ronald D. Lauder Foundation in Berlin und dem Leipziger Lauder-Rabbiner Dovid Chandalov das Band durchschnitten und die Mikwe der Gemeinde übergaben. «Wir feiern die Änderung und den Wechsel zu einer besseren jüdischen Gemeinde», sagte Rabbiner Spinner. «Eine Mikwe ist aber auch ein Zeichen der Hoffnung. Eine Frau geht hinein in der Hoffnung auf Kinder, Wachstum, Zukunft.»

Als Nächstes soll nun das Ariowitsch-Haus wieder mit Leben erfüllt werden. Das Gebäude an der heutigen Hinrichsenstraße, eine Stiftung von der Pelzhändlersgattin Louise Ariowitsch, diente von 1931 an als Sächsisches Israelitisches Altersheim, bis sich 1943 die Gestapo das Haus aneignete. Neben Gemeinschaftsräumen und einem Saal für 300 bis 400 Personen sollen in dem Gebäudekomplex auch eine Bibliothek und eine Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte Platz finden. Das neue Begegnungszentrum wird nicht nur ein Ort für die Gemeindemitglieder werden, sondern vom Frühjahr 2009 an auch nichtjüdischen Leipzigerinnen und Leipzigern offenstehen. Noch fehlen aber 375.000 Euro. Das Leipziger Gewandhaus will den Bau nun mit einem Benefizkonzert unterstützen. «Wir sehen das nicht nur deshalb als wichtigen Beitrag, weil das Orchester auch eine jüdische Geschichte hat», sagte Gewandhausdirektor Andreas Schulz dazu. Gespendet werden die Einnahmen der Generalprobe für das Saisoneröffnungskonzert mit Riccardo Chailly am 4. September.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», August 2008