Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Auschwitz für die SchuleKein zweiter «Vorleser»: John Boynes «Der Junge im gestreiften Pyjama»
Minimalistischer Geniestreich », «symbolhaltige Parabel », «ein ungeheurer Text», «eine atemberaubend spannende Spurensuche », «ungewöhnliches Jugendbuch, das auch Erwachsene begeistert» - die Kritiker haben mit Lob nicht gespart bei der Besprechung von John Boynes «Der Junge im gestreiften Pyjama» (Fischer Verlag 2007. 267 Seiten, 13,90 Euro). Man kann sich der Begeisterung nur anschließen, und wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem wollen wir die Spannung nicht durch eine Schilderung des Inhalts schmälern. «Ab elf Jahren» lautet die Altersempfehlung des Verlages für das auch international vielbeachtete Buch, das im vergangenen Jahr auch verfilmt wurde. Ein Kinderbuch, ein Jugendbuch? Ein Buch, aus dem etwas zu lernen ist über den Holocaust? «Eine Fabel» lautet der Untertitel in deutscher Übersetzung, «a fable» im englischen Original, zu übersetzen wohl eher im Sinne von Legende oder Mythos. Eine Fabel will den Leser belehren und ihm zeigen, wie man sich moralisch angemessen verhalten sollte. Gottfried Kößler vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main kann sich der Begeisterung über den Jugendroman von Boyne nicht anschließen. Die Erzählung sei «kalt», und der Konflikt der Hauptfigur werde «nicht entwickelt ». Dieser Kritik muss man sich keineswegs anschließen, auch scheint es so, als ließe sich Kößlers Skepsis gegenüber dem Buch nicht trennen von dem Versuch einiger Rezensenten, es als vorbildliche Lektüre für die junge Generation zu kanonisieren. Der Roman werde «immer wieder für Jugendliche oder als Schullektüre empfohlen», als Beleg zitiert Kößler eine Besprechung von Siggi Seuß aus der «Zeit» vom 6. September 2007: «Die märchenhafte Erzählung spielt nur mit Elementen der Wirklichkeit, kann aber gerade dadurch jungen Lesern die Augen für „das Gute" vor den unzählbaren Abgründen des Holocausts öffnen». Dieses Gute resultiert nach Ansicht von Kößler aber lediglich aus der «Naivität, mit der der Protagonist die Realität auszublenden in der Lage ist.» Und weiter: «Hier wird - wie so oft - der Holocaust als Lernfeld für die Moralerziehung wahrgenommen». Genau dies kann man dem Buch von Boyne unserer Ansicht nach nicht vorhalten, es lässt sich nicht didaktisch oder moralisch instrumentalisieren, wer anderes behauptet, hat sich vom Etikett Jugendbuch und dem - fragwürdig mit Fabel übersetzten - Untertitel blenden lassen. Zustimmen aber muss man Kößlers Frage, «was denn eigentlich in diesem Kontext (Auschwitz, der Holocaust) Moral sein könnte». Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, behauptet die Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Die Wahrheit über Auschwitz erscheint vielen Menschen unzumutbar - darf oder sollte man sie Kindern und Jugendlichen zumuten, wenn ja, wie sollte das vor sich gehen? Indem man, wie John Boyne, eine Geschichte erzählt, die ein zwölfjähriges Kind beunruhigen mag und gleichzeitig einem Erwachsenen, der um die Geschehnisse in Auschwitz weiß, einmal mehr und auf faszinierende Weise vor Augen führt, dass dieser Ort auf absehbare Zeit das Menetekel der Menschheit bleiben wird. Der Roman «Der Vorleser» von Bernhard Schlink hat bereits erreicht, was einige Rezensenten sich für das Buch von Boyne wünschen: er wird als Schullektüre empfohlen. Zum Beispiel vom Hessischen Kultusministerium im Lehrplan für die Oberstufe. Im Mittelpunkt des Buches steht zunächst die Liebesbeziehung zwischen einer früheren KZ-Aufseherin und einem Heranwachsenden in den fünfziger Jahren. Jahre später trifft der Ich-Erzähler erneut auf seine Jugendliebe, über deren Vergangenheit er erst jetzt aufgeklärt wird: Sie muss sich vor Gericht für ihre Taten verantworten, und wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Der Roman treibt ein makaberes Spiel mit dem Leser. Eine KZ-Aufseherin, Inbegriff der Vernichtungsmaschinerie des Holocausts, wird als positive Figur eingeführt; bis zu ihrem Selbstmord am Tage vor ihrer Haftentlassung, und somit bis zum Ende des Romans, wird die Sympathie des Lesers auf sie gelenkt. Seht her, ein Mensch! Kein Monster, sondern eine junge Frau, eine Analphabetin, die einzig wegen dieses Mangels, den sie zeitlebens zu verbergen trachtet, in etwas «hineingerät»: «Sie hatte sich gegen die Beförderung bei Siemens entschieden und war in die Tätigkeit als Aufseherin hineingeraten.» Doch erteilt der Roman auch einer Überlebenden von Auschwitz das Wort, sie kommt zu einem Urteil, das dem gängigen Bild vom Menschenschinder eher entspricht: «Was ist diese Frau brutal gewesen.» Geschickt entzieht sich die Romankonstruktion so dem Vorwurf der Geschichtsklitterung - und macht sich ihrer doch schuldig. In dem Gedicht «Von der Willfährigkeit der Natur» aus den Zwanziger Jahren entwirft Bertolt Brecht ein Panorama, in dem die geläufige Moral zynisch ad absurdum geführt wird: «Ach, es reibt sich dem flüchtenden Schlächter / Noch am Bein der Liebe heischende Hund.» Schlink präsentiert seinen Lesern die flüchtende Schlächterin ebenso wie den Liebe heischenden Hund und tut so, als habe er damit etwas Neues entdeckt. Das wäre kaum von Belang, hätte dieser Roman in Deutschland und weltweit nicht eine bemerkenswerte Resonanz und Zustimmung erfahren. Und es wäre nicht von Belang, hätte gerade dieser Roman es nicht in den Kanon von Büchern geschafft, anhand derer in Deutschland jungen Menschen eine Ahnung von dem vermittelt werden soll, was sich in Auschwitz und all den anderen Vernichtungslagern zugetragen hat. Ein Roman, der über weite Strecken so glitschig daherkommt wie die pubertär-frühreife Erotik zwischen der reifen Frau Mitte Dreißig und dem unschuldigen Fünfzehnjährigen: «Aber ich mochte auch ihren nassen, seifigen Körper; ich ließ mich gerne von ihr einseifen und seifte sie gerne ein, und sie lehrte mich, das nicht verschämt zu tun, sondern mit selbstverständlicher, besitzergreifender Gründlichkeit.» «Unter der Dusche wuchs die Lust wieder. Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen - das wurde das Ritual unserer Treffen.» Bernhard Schlink kann seinen Ich-Erzähler nichts für sich behalten lassen, seine Geschwätzigkeit ist uferlos. Dieser Redeschwall legt sich wie ein Nebel über das Zentrum des Romans, das sich nicht sicher identifizieren lässt. Alles könnte so, aber auch anders sein, hätte sich so, aber auch anders entwickeln können. Auf diese vermeintliche Offenheit allen Geschehens scheint die Öffentlichkeit nur gewartet zu haben. Wäre Hanna Schmitz des Lesens und Schreibens mächtig gewesen, hätte sie die Stelle als Vorarbeiterin bei Siemens angenommen und wäre nicht KZ-Aufseherin geworden. Ein interessanter Gedanke, ähnlich der Überlegung, dass, wäre Hitler von der Akademie angenommen und Kunstmaler geworden, sechs Millionen Juden und all die anderen Opfer seines Regimes noch leben würden. Im Spiegel wettert Volker Hage gegen Willi Winkler von der Süddeutschen Zeitung, der das Buch mit Vokabeln wie «Holo-Kitsch», «treudeutsch» und «abscheulich» charakterisiert. Nach Ansicht von Hage geht es im Roman aber darum, zu zeigen, wie der Ich- Erzähler «die Selbstgewissheit moralischer Überlegenheit gegenüber der Väter- und Tätergeneration » einbüße. Nicht Argumente, sondern „Rempeleien" bestimmten die Polemik Winklers gegen «das weltweit erfolgreichste Werk eines deutschen Literaten nach der „Blechtrommel" von Grass und Patrick Süskinds Roman „Das Parfum".» Doch auch Hage mangelt es letztlich an überzeugenden Argumenten, die für den «Vorleser» sprechen würden, es sei denn, man nimmt die bloße Popularität eines Buches als Ausweis seiner Qualität: «Sind Millionen Leser naiv einem beschönigenden Machwerk aufgesessen, müssen nun besorgte Eltern sich um die Lektüre ihrer Schulkinder sorgen, sollen die Filmbosse den Dreh besser abblasen?» Kaum anzunehmen, dass Schüler seelischen Schaden nehmen, weil sie den «Vorleser» im Unterricht lesen. Die Frage muss aber erlaubt sein, warum gerade dieses Buch dazu prädestiniert sein soll, das Thema Auschwitz im Deutschunterricht aufzugreifen. Nicht als einziges, aber als eines, dem dadurch, dass es in den Lektürekanon aufgenommen wurde, eine nicht unerhebliche Bedeutsamkeit zugemessen wird. Für viele Schüler, deren Lehrer sich für den Vorleser entscheiden, dürfte es das einzige literarische Werk in ihrer Schulzeit sein, das sich mit dem Holocaust befasst. Die Vorstellung, die diese Schüler aufgrund der Schlink-Lektüre mit dem Holocaust verbinden, dürfte sich erheblich unterscheiden von dem Bild, das in ihren Köpfen etwa nach der Lektüre von Ruth Klügers Buch «weiter leben» entstanden wäre. Oder nach der von Peter Weiss' Oratorium «Die Ermittlung», oder nach der von Peter Boynes - vermeintlichem - Kinderbuch «Der Junge im gestreiften Pyjama». Laut vorlesen möchte man denen, die Schlinks Buch kanonisiert haben und darin kein Problem sehen, einen anderen, kurzen Text von Peter Weiss mit dem Titel «Meine Ortschaft». Er beschreibt das Auschwitz, das zum Museum mutiert ist und das, obwohl alles zu sehen ist - die Galgen, die Krematorien, die Baracken, die Rampen, an denen die Züge ankamen, die Stehzellen, die Folterinstrumente - sich zu weigern scheint, etwas preiszugeben von dem, was an diesem Ort Unsägliches geschehen ist: «Ein Omnibus ist vorgefahren und Kinder steigen aus. Die Schulklasse besichtigt jetzt die Ruinen. Eine Weile hören die Kinder dem Lehrer zu, dann klettern sie auf den Steinen umher, einige springen schon herab, lachen und jagen einander, ein Mädchen läuft eine lange ausgehöhlte Spur entlang, die sich neben Schienenresten über ein Betonbruchstück erstreckt. Dies war die Schleifbahn, auf der die toten Leiber zu den Loren rutschten.» Kein Vorwurf an die Kinder, denn wie sollen sie begreifen, was sich dem Autor selbst, dessen «Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersiedelt werden sollten», zu verschließen droht: «Ich gehe langsam durch dieses Grab. Empfinde nichts.» Und dann Sätze wie diese: «Am Saumstein des linken Gebäudes, dessen Fenster mit Brettern verschalt sind, läuft die Abflußrinne, in der sich das Blut der aufgehäuften Erschossenen sammelt. Im Laufschritt, nackt, kamen sie rechts aus der Tür, die sechs Stufen hinab, je zwei, vom Bunkerkapo an den Armen gehalten. Und hinter den zugenagelten Fenstern im Block gegenüber lagen die Frauen, deren Gebärmutter angefüllt wurde mit einer weißen, zementartigen Masse.» Beinahe unerträglich zu lesen, was Peter Weiss mit der kalten Sprache, einem Seziermesser vergleichbar, beschreibt - unerträglich aber auch die Vorstellung, dass ein Buch wie «Der Vorleser» unseren Kindern vorgesetzt wird, als könne man aus ihm irgendetwas darüber erfahren, was sich an Orten wie Auschwitz zugetragen hat. |