Weltmusik in Rudolstadt

Israelische Künstler im Mittelpunkt des 18. Folkfestivals

 

Veranstaltungsplakat Foto: Archiv

Die thüringische 28.000-Einwohner-Stadt zwischen Jena und Saalfeld war nie eine Hochburg jüdischen Lebens. Deshalb mutete die Präsenz von so vielen jüdischen Israelis wie auf dem 18. Tanz- und Folkfestival Anfang Juli für das Städtchen seltsam an. Israel war Schwerpunktland auf Deutschlands bedeutendstem Musikfestival für Weltmusik.

Dem Festivalbeginn setzt man traditionell ein Konzert auf der Heidecksburg voran. Das Publikum zeigte sich mehr als überrascht, zwei Latino- und Salsabands aus Kuba zu hören, deren Musik in keinen der drei diesjährig gesetzten Schwerpunkte zu passen schien. Nach einleitenden Festreden war die Bühne für folkloristische Tanzaufführungen frei, darunter die einer 45 Mitglieder zählenden Delegation aus dem westlich an Jerusalem angrenzenden Regionalbezirk Mate Jehuda, die angeblich «sämtliche Kriterien» der Veranstalter erfüllte: Live-Musiker und ein Tanzensemble, das ein breites Spektrum der Multikultur Israels abbildete. Es sollten dem Publikum Tanztraditionen von einigen der vielen ethnischen Gruppen Israels präsentiert werden, hier den jeweils jüdischen Marokkanern, Kurden, Jemeniten und indischen Cochinim sowie den israelischen Arabern. Tänzerisch überzeugte die Gruppe allerdings wenig: Israel mag mehr als drei Dutzend Amateurtanzformationen besitzen, deren Niveau höher einzuschätzen als das der Gruppe aus Mate Yehuda ist. Sichtlich unvorbereitet wurde auch ein Folkloretanzworkshop in durchweg hebräischer Sprache geleitet: Ein Großteil des tanzenden Publikums zeigte sich sichtlich überfordert, den relativ einfachen Basistänzen aus den Pionierjahren Israel zu folgen.

Die auf sefardische, in Ladino, also judäospanisch gesungene Lieder spezialisierte Yasmin Levy, als Hauptattraktion der acht israelischen Künstler angepriesen, was in Israel übrigens mit anderen Augen gesehen wird, gab ihr Hauptkonzert im Landestheater der Stadt. Levy vermischte mediterrane Einflüsse mit dem Flamenco Andalusiens, letzteres in Israel selbst durchaus nicht ohne Kritik, und den weit über 500 Jahre alten Liedern der Juden Spaniens.

Etwas später hatte die aus dem galiläischen Kufr Yasif stammende Amal Murkus einen ersten Auftritt. Ihre Lieder sind sowohl von palästinensischem und arabischem Erbe beeinflusst als auch von westlichem Pop. Sie drücken in Musik und Text ihren Kampf gegen die Marginalisierung arabischer Kultur aus. Murkus ist eine der wenigen arabischen Künstler Israels, die mit ihren bisherigen drei Alben und Livekonzerten auch in jüdischen Kreisen des Landes Anerkennung findet. Kontrovers jedoch gestaltete sich am Folgetag ihr Vortrag «Als palästinensischer Künstler in Israel»: In klaren Worten erklärte sie sich in unzweideutig rein politischen Aussagen als Vertreterin Palästinas und explizit nicht Israels. Die israelische Staatsbürgerschaft hindere sie obendrein, in arabischen Ländern auftreten zu können. Außerdem sei die Zusammenarbeit mit der israelischen Musikindustrie nach Beginn der zweiten Intifada auf fast Null geschrumpft. Auf den Hinweis, dass ihre Alben in sämtlichen größeren jüdisch-israelischen CD-Läden zu finden seien, reagierte sie mit dem Argument, dass, wenn es lediglich ums Geschäft ginge, eben aber auch nur dann, «die Juden» Interesse an ihr zeigten. Unerklärlich blieb jedoch, wieso ausgerechnet ihre Alben in arabischen Geschäften nicht zu erwerben sind.

Den ersten Abend unter israelischer Beteiligung schloss die Gruppe Izabo ab. Dieses Quartett war die Überraschung des Festivals überhaupt. Wenngleich seine Musik nur mit viel Phantasie unter Weltmusik einzuordnen ist schienen doch; Disko und Psychodelia aus den frühen 1970er Jahren sehr artfremd. Dennoch fühlte sich mit Izabo insbesondere ein jüngeres Publikum angesprochen. Das israelische Rockquartett entpuppte sich gewissermaßen als Geheimtipp und könnte für die Veranstalter als Anstoß gelten, auch in den kommenden Jahren eher «artfremde» Gruppen ins Programm zu «schmuggeln». Bislang hauptsächlich in der Tel Aviver Nachtklubszene erfolgreich, beweist Izabo, dass in Israel nachhaltiger Erfolg nicht nur in hebräischer Sprache zu erreichen ist: Die Liedtexte sind in englischer Sprache, man verzichtet auf Ansagen und somit direkten Kontakt zum Publikum. Ähnlich wie die Gruppen Balkan Beat Box oder Boom Pam unterdrückt man mit Ausnahme der Preisgabe der Herkunft alles Israelische, im Ausland vielmehr Internationalität betonend, wie der Leiter von Izabo, Ran Shem-Tov, kommentarlos bestätigte.

Eine weitere Überraschung bot die aus Jerusalem stammende, in einer orthodoxen Familie aufgewachsene und in Israel weitgehend unbekannte Sängerin Victoria Hanna, die sich einen Künstlernamen zulegte, um ihre Familie zu schützen. Nichtsdestotrotz setzt sie das familiäre Erbe fort, indem sie religiöse Texte in hebräischer Sprache, verbunden mit theatralischen Elementen, Videos, Sprechtexten und akustisch-elektronischer Musik zum Besten gab. Ihr Konzert sprengte sämtliche Vorstellungen, war bis zum Bersten überfüllt und nicht wenige potentielle Zuhörer mussten abgewiesen werden. Hanna erzählte, dass sie relativ häufig in Kirchen auftrete. Zum einen, weil die Akustik meist außergewöhnlich sei, zum anderen, weil ihr das Ambiente einer Kirche immer eine besondere Atmosphäre, etwas Sakrales, vermittle. Dass sie nun ausgerechnet in Deutschland in einer Kirche Lieder in hebräischer Sprache singen könne, gäbe ihr persönlich ein ganz besonderes Gefühl.

Wesentlich unspektakulärer gestaltete sich die Aufführung von Sameer Makhoul (Ud) und Itamar Doari (Perkussion). Makhoul, Absolvent der Jerusalemer Musikakademie, in Israel einer der führenden Ud-Virtuosen, stammt aus dem arabisch-galiläischen Peki'in und verbindet in seiner Musik traditionelle arabische Klänge mit denen türkischer und andalusischer Musik.

Die Hauptattraktion des Festivals, aus israelischer Sicht, die Gruppe Sheva, die bis dato vier Alben veröffentlichte, begeisterte über 3.000 Zuschauer. Zentrales Thema in ideologischer wie musikalischer Hinsicht ist für dieses Septett das Thema «Frieden». Insofern ist es nur konsequent, andererseits im musikalischen Ethnobereich Israels überhaupt nichts Außergewöhnliches, dass einer der Perkussionisten von Sheva, zu deutsch «sieben», Ahmed Taher, der arabischen Minderheit Israels angehört. Biblische Motive und mystisch-spirituelle Elemente charakterisieren das breite Spektrum der 1996 gegründeten Band. So etwa Lieder wie «Ashre'i ha-Ish», den ersten zwei Worten aus dem Buch der Psalmen entnommen, das fast zu einer Hymne mutierte «Salam» oder das wiederum den Psalmen entnommene «Shir ha- Ma'aloth». Dass noch vor Gil Ron-Shama als erster Name unter den Bandmitgliedern Mosh Ben-Ari erwähnt werden müsste, seines Zeichens mit hebräischer Reggaemusik und somit gänzlich eigenen Produktionen ein israelischer Popstar ersten Ranges, ist wohl nur genuinen Kennern der israelische Musikszene bekannt und ging im breiten Publikum unter.

Zum Ausklang des Festivals spielte das in Israel eher unbekannte Septett Tizmoret, hebräisch für «Orchester». Mit Klezmer und chassidischem Jazz angekündigt, war das Publikum durchaus überrascht, unter den Bandmitgliedern Juden erkennbar orthodoxer Orientierung zu sichten. Solchen hatte man offensichtlich eine derartige «funky Music» nicht zugetraut.

Es war erfrischend, an einem einzigen Wochenende an die 70 Künstler aus Israel erleben zu können. Fast hatte man, wenn auch nur für drei kurze Tage, wieder die jüdische Einwohnerzahl von 1918 erreicht. Als Länderschwerpunkt für Anfang Juli 2009 wurde Russland festgelegt.

Matti Goldschmidt

«Jüdische Zeitung», August 2008