«Mein ist die Rache»

von Friedrich Torberg

 

Es muss einem literarischen Werk nicht zwangsläufig zur Ehre gereichen, wenn es an deutschen Gymnasien zur Schullektüre erhoben wird. Was der Deutsche Taschenbuch Verlag nun allerdings aus Anlass des 100. Geburtstages des nahezu vergessenen österreichischen Erzählers Friedrich Torberg (1908-1979) aus der wunderbaren Schatzkiste der deutschsprachigen Exilliteratur hervorzaubert, muss als absolute Sensation gelten: «Mein ist die Rache», das literarische Meisterstück des Wiener «Juden vom Dienst» und kongenialen Kishon-Übersetzers, das prominente Zeitgenossen zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss und als Einzelausgabe sechzig Jahre lang nur zu Liebhaberpreisen in Antiquariaten zu haben war, muss nun ohne jeden Zweifel seinen wohlverdienten Platz im Kanon der bedeutendsten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts finden. In seinem beispiellosen Werk schildert Torberg in hochkonzentrierter, absolut fesselnder Prosa den Gewissenskonflikt eines jüdischen KZ-Häftlings, der, von seinem Peiniger vor eine perfide Wahl gestellt, mit sich selbst ringt, ob ein zu Unrecht Verfolgter (insbesondere ein jüdischer) die Rache legitim in die eigene Hand nehmen darf oder aber sie Gott überlassen soll, wie es die Überlieferung zu verlangen scheint. Dabei werden vom Autor besonders die durch die körperlichen Misshandlungen herbeigeführte ausweglose psychische Grenzsituation und das innerliche Zerbrechen des Häftlings herausgearbeitet. Vor allem hebt Torberg anhand der Psychopathologie des Lagerkommandanten hervor, dass die intendierte Vernichtung des europäischen Judentums in hohem Maße von klar benennbaren Einzeltätern vorangetrieben wurde. Die Novelle kulminiert in einer großartigen «Superpointe», «einer der aufregendsten Schlusszeilen, die ich kenne», so Erich Maria Remarque in seinem damaligen Urteil, einem Satz, der den Leser auf den Anfang des Textes zurückwirft und ihn dazu zwingt ihn erneut - diesmal mit gänzlich anderen Augen - zu lesen. Friedrich Torberg wagt hier viel mehr als etwa Stefan Zweig in seiner nahezu zeitgleich (1942) entstandenen, thematisch vergleichbaren, aber in ihrer namenlosen Universalität letztlich beliebig bleibenden «Schachnovelle». Nicht ein archetypischer Unrechtsstaat wird vorgeführt, sondern die konkrete nationalsozialistische Diktatur mit all ihren spezifischen Charakteristika und in erstaunlicher Übereinstimmung mit den historischen Fakten. «Mein ist die Rache» erscheint am 15. August und wird in der deutschen Öffentlichkeit mit Sicherheit ein beispielloses, lang anhaltendes Echo finden - auch an den Schulen.

 

«Mein ist die Rache», mit einem Nachwort von Marcel Atze, erschienen bei dtv, 106 Seiten, 6,90 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», August 2008