Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ein neues Land»von Shaun Tan
Ein Mann packt seinen Koffer, streicht zärtlich über ein gerahmtes Foto seiner Familie, bevor er auch dieses sorgsam auspolstert und vorsichtig verstaut. Seine Frau legt liebevoll tröstend ihre Hand auf seine, dann erwacht die kleine Tochter, es folgt ein letztes gemeinsames Frühstück, schon brechen die drei auf. Die zeitlos-düsteren Straßen der Stadt werden von furchterregenden Schatten verdunkelt, die an riesenhafte Drachenschwänze erinnern. Es ist eine trostlose, kafkaesk anmutende, graue Graphitstift-Welt, die der namenlose Protagonist in Shaun Tans großartiger, ganz ohne Worte auskommenden Graphic Novel verlässt. Der begabte junge australische Zeichner erzählt in seiner ersten eigenständigen künstlerischen Arbeit die Geschichte eines jeden Emigranten, der seine Heimat aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen zu verlassen gezwungen ist. Um seiner kleinen Familie eine neue Existenz aufzubauen, reist sein Protagonist mit Zug und Schiff in «Ein neues Land», das zunächst mit unverständlichen Schriftzeichen, merkwürdigen amorphen Gebäuden, riesenhaften Maschinen und seltsamen surrealen Lebewesen aufwartet, die sich die Menschen dort als Haustiere halten. All dies sind in höchstem Maße geeignete metaphorische Mittel, um den aufgewühlten, verunsicherten und bisweilen elenden Seelenzustand des Emigranten kongenial zu illustrieren, der zuallererst von der Fremdartigkeit seiner Wahlheimat, der anfänglichen Isolation sowie der vergeblichen Suche nach Arbeit verschlungen zu werden droht. In der Tat scheint Shaun Tan aufgrund seiner überaus tiefgründigen, assoziationsreichen, dunklen Bildsprache perfekt dazu geeignet, in einem seiner nächsten Projekte ausgewählte Erzählungen Franz Kafkas mit seinen beeindruckenden, am Computer nachbearbeiteten Zeichnungen zu illustrieren. Anders als bei jenem ist seine künstlerische Arbeit jedoch von einer hoffnungsvollen, melancholischen Heiterkeit durchdrungen, die am ehesten der vital-optimistischen amerikanischen Auffassung vom Neueinwanderer entspricht, der letztlich gegen alle Widerstände sein privates Glück zu verwirklichen vermag. Shaun Tan ist eine zeitlos-junge Parabel über das Leid, aber auch über die Chancen der Emigration gelungen, in deren handwerklich lupenreiner, anspruchsvoller Bildsprache sich Grundzüge fast aller wesentlicher nicht-abstrakter Ausdrucksformen des frühen 20. Jahrhunderts auf wunderbare Art und Weise spiegeln.
«Ein neues Land», erschienen bei Carlsen, 128 nicht nummerierte Seiten, 29,90 Euro |