«Die Schatten der Ideen»

von Klaus Modick

 

Buchcover

Es ist erstaunlich, mit welch mittelmäßiger Lektüre wir uns zuweilen begnügen, nur weil uns zufällig das Thema des jeweiligen Buches interessiert, als wäre die Natur guter Literatur abhängig von vordergründigen Inhalten. Erst wenn wir dann wieder zufällig einen Roman in Händen halten, der so ohne jeden Zweifel und von Beginn an nahezu sämtliche unveränderlichen Kriterien für gute Literatur zu erfüllen verspricht und noch dazu spannend zu lesen ist, werden uns unsere häufigen, einem maßlos überproduzierendem Buchmarkt geschuldeten literarischen Fehlgriffe bewusst. Der neue große Roman von Klaus Modick ist ein solches Buch, das uns den Wert des Lesens guter Literatur und der Reflexion darüber mit einer Fülle von guten Argumenten endlich wieder unzweifelhaft begreiflich macht. «Die Schatten der Ideen» hätte im Sinne Richard Huelsenbecks auch «Die Löcher in den Ideen» heißen können: der verglich in seinem New Yorker Exil Ideen mit schadhaften Schuhsohlen und meinte, man müsse - bevor die Ideen schlecht werden - sich immer rechtzeitig nach neuen, passenderen umsehen. Der Verdacht, der in Klaus Modicks neuem Roman seinen fatalen Schatten auf das Leben zweier unterschiedlicher, durch die Zeitläufe getrennter Menschen wirft, heißt Antiamerikanismus und ist, wie der Autor auf sehr elegante und erzählerisch versierte Art und Weise nachweist, keine reine Erfindung der Bush-Administration. Im Jahr 2003 nimmt der Schriftsteller Moritz Carlsen eine Gastprofessur in Vermont an und erlebt mit äußerstem Befremden, wie sehr sich in den USA seit dem 11. September ein Geist kollektiven Misstrauens und falschverstandenen Patriotismus' breitgemacht hat, der die amerikanische Gesellschaft ganz offensichtlich lähmt und alles vermeintlich Fremde einem diffusen Generalverdacht aussetzt. Im anderen Handlungsstrang kann der deutsch-jüdische Historiker Julius Steinberg 1934 durch den Antritt einer Professur in den USA zunächst dem sicheren Tod entkommen, nur um zwanzig Jahre später wegen vermeintlicher anti-amerikanischer Umtriebe im Gefängnis zu landen. Klaus Modick gelingt mit seinem hellwachen literarischen Panorama zweier Zeiten das Kunststück, seine vehemente politische Analyse nie in die Nähe des auch hierzulande gern erhobenen Vorwurfs des Antiamerikanismus rücken zu lassen, viel zu deutlich wird seine gleichzeitige ungebrochene Sympathie für die positiven Seiten des amerikanischen Selbstverständnisses.

 

«Die Schatten der Ideen», erschienen bei Eichborn, 456 Seiten, 19,95 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», August 2008