«Wann wohl das Leid ein Ende hat»

von Ilse Weber

 

Buchcover

Es ist erstaunlich welch bedeutende, nie zuvor aus dem Kreis des Privaten herausgelöste Dokumente des Nazi-Terrors auch heute noch gelegentlich durch Zufall ihren Weg in die wohlverdiente Öffentlichkeit finden. Das dem persönlichen und literarischen Vermächtnis der 1944 in Auschwitz ermordeten Kinderbuch- und Hörspielautorin, Dichterin und Lyrikübersetzerin Ilse Weber gewidmete, von Ulrike Migdal herausgegebene Buch «Wann wohl das Leid ein Ende hat - Briefe und Gedichte aus Theresienstadt», das man getrost als kleine Sensation feiern darf, beruht auf einer ganzen Reihe solcher zunächst unscheinbar wirkenden Zufälle. Die Herausgeberin veröffentlichte 1986 eine Anthologie mit Liedern und Satiren aus Theresienstadt, darin ein Gedicht mit dem Titel «Brief an mein Kind» von einer namentlich unbekannten Autorin, das eine Überlebende aus dem Gedächtnis erinnert hatte. Wenig später meldete sich ein schwedischer Journalist bei Ulrike Migdal, der offenbarte, dass die Unbekannte seine ermordete Mutter und er selbst der Adressat des Gedichts sei. Hanuš Weber stellte der Herausgeberin eine große Anzahl von Briefen zur Verfügung, die seine Mutter zwischen 1933 und 1944 geschrieben hatte und die den schleichenden antisemitistischen Terror in Tschechien sehr eindrucksvoll dokumentieren. Zum anderen steuerte er aber auch jene 76 überaus berührenden, in Theresienstadt entstandenen Lieder und Gedichte seiner Mutter bei, die sein Vater noch kurz vor seiner eigenen Deportation nach Auschwitz in einem Geräteschuppen des Lagers eingemauert und nach dem Krieg auf abenteuerliche Weise wieder an sich gebracht hatte. Diese überwiegend gereimten und eher traditionell gehaltenen Gedichte erlangten im Lager auch durch die charismatische und immer hilfsbereite Persönlichkeit Ilse Webers sofort große Popularität, waren für viele Gefangene sogar «wichtiger als Wasser und Brot», da sie ihnen so etwas wie Lebensmut, Stolz und Hoffnung zurückgaben. Die Geschichte des Buches und das reale Schicksal seiner nun endlich dem Vergessen entrissenen Protagonisten, die Ulrike Migdal im äußerst lesenswerten Nachwort erzählt, ist selbst so voller großartiger, absolut bewegender Geschichten, dass eine Verfilmung des Lebens von Ilse Weber sich geradezu aufdrängt. «Wann wohl das Leid ein Ende hat» muss von späteren Generationen als eines der wichtigsten Zeugnisse der Schoa anerkannt werden.

 

«Wann wohl das Leid ein Ende hat», erschienen bei Hanser, 352 Seiten, 21,50 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», August 2008