Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Der Gesang der Zikaden»von Amanda Sthers
Nach dem internationalen Erfolg ihres mutigen Debütromans «Die Geisterstraße » (2006) über eine unmögliche Liebe in Kabul und ihrer frechen, in Frankreich von Publikum und Kritik gefeierten, hierzulande immer noch unübersetzten Theatersensation «Le vieux juif blonde» legt die junge französische Schriftstellerin Amanda Sthers, die zugleich Texterin ihres Ehemanns, des Sängers und Schauspielers Patrick Bruel ist, nun mit «Der Gesang der Zikaden» ihren zweiten bezaubernden kleinen Roman vor, den man sich am besten als einen zu Literatur gewordenen französischen Film oder auch als ungewöhnlich langes Chanson vorstellen kann. Die vierzigjährige, mit ihrem Gewicht hadernde Madeleine lebt emotional vereinsamt als Immobilienmaklerin in der Bretagne. Als der von seinem Psychotherapeuten auf eine Reise zu sich selbst geschickte und deshalb ein Haus in der Nähe des Grabes seines Vaters suchende wortkarge Pariser Geschäftsmann und Familienvater Castellot anruft, spürt sie intuitiv, dass dies kein gewöhnliches Aufeinandertreffen ist. Auch der überrationale Castellot ist von der stummen Vertrautheit ihrer ersten Begegnung nachhaltig irritiert. Wahrscheinlich deshalb kommt er nach Wochen ratlos, als Gefangener seiner Unbewusstheit zurück, und die beiden haben schnellen, wortlosen, leidenschaftlichen Sex. Dennoch reist er anschließend erneut ab. Als Castellot das drittemal auftaucht, hat er seinen Koffer dabei und Madeleine nimmt ihn bei sich auf, obwohl sie weiß, dass die beiden keine realistische gemeinsame Chance haben. «Der Gesang der Zikaden » ist ein erstaunlich reifer Roman über unsere Liebesbedingungen und deren zahlreiche Hindernisse, dem man kaum abnimmt, dass er von einer kaum Dreißigjährigen geschrieben wurde. Amanda Sthers hat außerdem die überaus erfrischende Gabe, menschliche Fehlhaltungen und selbstauferlegte Beschränkungen mit einer sehr individuellen humorschwangeren Leichtigkeit darzustellen, was ihr Buch zu einer sehr charmanten und gleichzeitig tiefschürfenden, melancholischen Lektüre macht.
«Der Gesang der Zikaden», aus dem Französischen von Karin Ehrhardt, erschienen bei Luchterhand, 156 Seiten, 8 Euro |