«Medicine River»

von Thomas King

 

Buchcover

Man kann heute nicht einmal mehr behaupten, dass unsere Vorstellung vom nordamerikanischen Ureinwohner von schwärmerischtrivialen Wildwestromanen geprägt sei: zu übermächtig sind die viel leichter konsumierbaren Bilder vom sogenannten «Roten Mann», die ein ganzes Jahrhundert von Cowboy- und Indianerfilmen teils unwillkürlich, viel zu oft aber auch ganz bewusst in uns angehäuft hat. Waren die American Natives nun edle, esoterisch begabte Naturburschen oder grausame Krieger, und sind sie heute in ihren unzulänglichen Reservaten wirklich größtenteils einem übermäßigen Alkoholgenuss anheim gefallen, wie aktuelle gängige Klischees nahe legen? Der 1943 geborene, vielfach ausgezeichnete kanadische Schriftsteller und Literatur-Professor Thomas King, Sohn eines Cherokee und einer griechischstämmigen Mutter, ist eine der profiliertesten Stimmen der nordamerikanischen Indianer, der mit seinen zahlreichen Romanen, Kurzgeschichten und Kinderbüchern sowie zuletzt auch mit einem Kurzfilm mit dem vielsagenden Titel «I'm Not The Indian You Had In Mind» die Sache seines Volkes mit großer Vehemenz, hohem erzählerischen Können und viel Humor vertritt. Aber - und das weiß auch Thomas King: gute Literatur ist nicht der geeignete Ort für vordergründige politische und soziale Kämpfe, und so enttäuscht er in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Debütroman von 1990 nur allzu gern jene vermeintlich engagierten Leser, die eigentlich nur das nachlesen wollen, was sie sich schon immer selbst ausgemalt haben, und erzählt stattdessen die ebenso lebensnahe wie witzige Geschichte eines erfolglosen Fotografen aus Toronto, Sohn einer Indianerin und eines weißen Rodeo-Reiters, der in seine kleine Heimatstadt zurückkehrt, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Will hat die Rechnung allerdings ohne seinen langjährigen Freund Harlen Bigbear gemacht, der ihn nicht nur überredet zu bleiben und trotz seines fehlenden Talents ins Basketball-Team des lokalen Reservats einzutreten, sondern ihm auch die reizende, ungebunden schwangere Louise Heavyman vorstellt. Mit «Medicine River» lernen wir einen überaus eleganten, humorvollen und versierten Erzähler kennen, der das große literarische Kunststück fertig bringt, uns als Leser im Leben seiner sympathischen Protagonisten selbst wiederzuerkennen.

 

«Medicine River», aus dem Kanadischen von Cornelia Panzacchi, erschienen im A1-Verlag, 261 Seiten, 19 Euro

Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», August 2008