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Eine erschreckende KontinuitätAntisemitismus war auch in der DDR alltäglich
In Gräber geritzte Hakenkreuze, SS-Runen, nazistische Parolen wie «Juden raus!». So fand man im Juli 1983 den jüdischen Friedhof in Erfurt vor. Grabsteine waren umgestürzt und zerbrochen. Täter wurden nie ermittelt. Antisemitismus in der DDR? Offiziell hat es in der aufgeräumten Welt des «verordneten Antifaschismus» natürlich keine antisemitischen Tendenzen gegeben. Allenfalls vom Westen ferngesteuerte, kriminelle Elemente, die mit neonazistischen Umtrieben die DDR verleumden wollten. Doch wie eine neue Studie des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin belegt, gehörten Schändungen jüdischer Friedhöfe zum Alltag der zweiten deutschen Diktatur. Fast überall in der DDR kam es zu solchen Übergriffen, die Schändung in Erfurt war kein Einzellfall. Unzählige Grabsteine wurden umgestoßen oder zertrümmert, Urnen aufgerissen, Verzierungen abgeschlagen. Manche Grabplatten wurden gestohlen und für den Bau von Wochenendhäusern missbraucht. Antisemitische Schmierereien waren ebenso zu finden wie eingerissene Friedhofsmauern. Nicht wenige jüdische Friedhöfe wurden eingeebnet, mit Rasen besät und zu sozialistischen Gedenkstätten umfunktioniert. Manche verwahrlosten oder wurden gänzlich abgeräumt und überbaut. Doch wer waren die Täter? Wie reagierte die SED? Die Politologin Monika Schmidt ist diesen Fragen in einer mit zahlreichen Fotos unterlegten Dokumentation nachgegangen. Bei der Präsentation ihres Buches «Schändungen jüdischer Friedhöfe in der DDR» (Metropol Verlag, Berlin 2007. 180 Seiten, 18 Euro) im Berliner Centrum Judaicum Ende März machte die Autorin deutlich, dass sich die Schändungen nicht auf bestimmte Regionen oder Zeiten beschränkten. In Oranienburg etwa wurden schon 1947 Gräber zerstört. Manche Friedhöfe, wie in Eberswalde, wurden immer wieder heimgesucht, über Tage, Wochen oder Jahre. Trotz der zahlreich aufgelisteten Fälle biete aber selbst ihre Studie nur eine kleine Auswahl. Man müsse von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Viele Übergriffe hätten gar keinen Eingang in die Akten gefunden. Schmidt stützte sich hauptsächlich auf die Korrespondenz der jüdischen Gemeinden mit den staatlichen Behörden, der Volkspolizei, den SED-Kreisämtern oder der Staatssicherheit. Ein genaues Bild des jeweiligen Tathergangs ließe sich jedoch nur bedingt nachzeichnen, da die Überlieferung meist lückenhaft sei. Friedhöfe spielen im Judentum eine zentrale Rolle. Während man für das Gebet nicht unbedingt eine Synagoge braucht, kann auf eine Begräbnisstätte nicht verzichtet werden. Sie bezeugt oft als letzte authentische Spur jüdisches Leben - gerade dort, wo es durch Vertreibung und Vernichtung ausgelöscht wurde. Ein Grab besteht nach jüdischem Verständnis auf ewig und darf im Gegensatz zum christlichen Pendant niemals aufgegeben werden. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sollen nach 1945 noch schätzungsweise 300 jüdische Friedhöfe existiert haben. Nur wenige Überlebende der Schoa kehrten nach 1945 in ihre Heimat zurück, vielerorts waren die einst blühenden jüdischen Gemeinden fast vollständig vernichtet worden. Diejenigen, die das Gemeindeleben zu reorganisieren versuchten, waren häufig antijüdisch motivierten Drangsalierungen der neuen Machthaber ausgesetzt, etliche gingen in den Westen. Die kleinen Gemeinden waren schlicht überfordert, sich der zahlreichen Friedhöfe anzunehmen. So erkläre sich das weit verbreitete Unwissen über die alten Begräbnisstätten, zumal viele Gemeindemitglieder ursprünglich aus anderen Gegenden stammten. Die einheimische Bevölkerung, die meist noch ganz genau wusste, wo der «Judenfriedhof» lag, konnte und wollte sich mit ihrem «Komplex aus Schuld und Abwehr», wie die Autorin schreibt, nicht erinnern. Viele Fälle von Friedhofsschändungen seien so, wenn überhaupt, erst Monate oder Jahre später bekannt geworden. Verwüstungen wurden meist vom eingesetzten Friedhofspfleger entdeckt, die zuständige jüdische Gemeinde erstattete daraufhin Anzeige. Man protestierte bei den staatlichen Vertretern vor Ort, schlug in gravierenden Fällen bei hohen Parteistellen Alarm. Doch die Behörden reagierten zurückhaltend, wenn es um die Aufklärung solcher Fälle ging. Ihre Bereitschaft, verwüstete Friedhöfe wiederherzustellen, hielt sich in Grenzen. Ermittlungen kamen nur schleppend in Gang oder wurden ergebnislos eingestellt. So beschied die Kripo der jüdischen Gemeinde nach der wiederholten Schändung ihres Friedhofs in Suhl-Heinrichs im Mai 1978, die Grabsteine seien durch «Witterungseinflüsse» umgestürzt - eine gängige Ausflucht. In auffallend häufiger Weise machte man Kinder oder Jugendliche als Täter aus, denen man «Rowdytum», nicht aber politische Motive unterstellte. Grabschändung als kindliches Spiel? «Von Bubenhänden angetastet» wie es in einem Fall hieß? Schmidt schätzt die offensichtliche Verharmlosung als gezielten Versuch der SED ein, die Taten unter den Teppich zu kehren und damit die «Virulenz des zumindest unterschwellig vorhandenen Antisemitismus» zu negieren. Die sich auf dem Mythos des Antifaschismus gründende DDR ertrug die Wahrheit eines über die Nazizeit fortdauernden antijüdischen Reflexes offenbar nicht. Nur einmal holte man so richtig aus, inszenierte einen «Schauprozeß», so Schmidt. Es war 1988, im Gedenkjahr zur Pogromnacht von 1938. Jugendliche hatten, zum wiederholten Male, den jüdischen Friedhof in der Berliner Schönhauser Allee verwüstet. Das verhängte Strafmaß fiel mit sechs Jahren drastisch aus. Der Öffentlichkeit sollte gezeigt werden, wie streng die SED solche Taten zu ahnden gedachte. Dass bis dahin unzählige Ausschreitungen ungesühnt geblieben waren, sogar eine zeitnah stattfindende Schändung in Potsdam mit weit milderen Strafen belegt wurde, zeigt die Doppelbödigkeit der SED-Haltung. Jüdische Friedhöfe wurden in der DDR ihrem eigentlichen religiösen und kultischen Kontext enthoben. Das ritualisierte Gedenken an die «Opfer des Faschismus», in das ideologische Korsett des Antifaschismus gezwängt, ließ keinen Umgang mit konkreten Personen und Ereignissen zu. Ein jüdischer Friedhof war in diesem Sinne nur soweit «brauchbar», wie er einer offiziellen Gedenkkultur entsprach. Das mit einem Grabstein verbundene konkrete Zeugnis jüdischer Existenz interessierte nicht. Antisemitismus wurde, so Schmidts Fazit, in der DDR «erfolgreich verdrängt» und «aktiv verleugnet». Allerdings habe es auch gegenläufige Tendenzen gegeben. Vor allem in den 80er Jahren engagierten sich kirchliche Gemeinden und Jugendliche über die Aktion Sühnezeichen für die Erhaltung und Pflege jüdischer Grabstätten. Marion Neiss, ebenfalls Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung, verwies in ihrem Beitrag auf eine bis ins Mittelalter zurückreichende «Tradition der Diffamierung». Jüdische Friedhöfe seien von christlicher Seite als «herrenloses Gut» betrachtet worden, manch ein Grabstein musste als Baumaterial für ein Kloster herhalten. Mit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert gab es eine erneute Welle an Verwüstungen. Blicke man auf die immer wieder verübten Schändungen in der Bundesrepublik, so ließen sich ähnliche Muster wie in der DDR erkennen. Jugendliche Zerstörungswut galt auch hier als Motiv, nicht politisches Bekenntnis. Die Aufklärungsquote der Taten sank von 50 Prozent in den 50er Jahren, über 30 Prozent in den 80er Jahren auf zehn bis 15 Prozent im Jahr 2000. Ein trauriger Beleg für das zunehmende Desinteresse der Öffentlichkeit. In beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften, das machten die Referentinnen deutlich, gehörten Aktionen gegen jüdische Friedhöfe als Ausdruck einer tiefwurzelnden antijüdischen Einstellung zum Alltag. Und dies, wie die hier präsentierten Forschungsergebnisse offenbaren, bei allen Unterschieden im Detail über die Systemgrenze hinweg. So wundere es nicht, dass seit dem politischen Umbruch 1989/90 eine erschreckende Kontinuität an Friedhofsschändungen zu verzeichnen ist. Man hätte gern, so der Leiter des Forschungszentrums Wolfgang Benz, eine umfassende Studie zur gesamten Problematik seit dem 19. Jahrhundert erarbeitet, jedoch sei die dafür notwendige finanzielle Unterstützung ausgeblieben. Immerhin zeigte sich die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bereit, eine Teiluntersuchung zur DDR-Problematik finanziell zu fördern. Monika Schmidt greift mit ihrer Dokumentation einen zentralen Aspekt des nach wie vor wenig beachteten Antisemitismus in der DDR auf. Ein von der Amadeu Antonio Stiftung gefördertes Projekt mit Jugendlichen in acht ostdeutschen Städten wird demnächst den gesamten Themenkomplex in einer bundesweit zu sehenden Wanderausstellung beleuchten. Zum Auftakt werden dazu am 11. April Wolf Biermann, Anetta Kahane und andere im Berliner Roten Rathaus miteinander diskutieren. |