Den Spielraum Europa aushandeln

Das Forschungsprojekt «Kommunikationsräume des Europäischen» untersucht Jewish Spaces

 

Insgesamt 18 Vorträge und Seminare, mit einem spannenden, aber weit gesteckten Themenkreis, dazu eine Exkursion nach Buchenwald/ Weimar, Gespräche und Diskussionen: In dreieinhalb Tagen absolvierten 22 angehende und erfahrene Wissenschaftler am «Jena-Center Geschichte des 20. Jahrhunderts» einen Suchlauf nach «Jüdischen Wissenskulturen jenseits des Nationalen». Hans-Joachim Hahn und Olaf Terpitz, Wissenschaftliche Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, gehörten zu den Referenten und Gesprächspartnern. Sie antworteten nach Abschluss der Tagung auf Nachfragen der Jüdischen Zeitung.

 

Herr Hahn, während der Summer School in Jena begegneten Ihnen in den Referaten «Jüdische Bankiers und Unternehmer im Prager Vormärz» einerseits und amerikanische Soldaten beim «Krieg ohne Fronten» in Vietnam andererseits. Wie haben Sie «Negotiating Europe. Jewish and Non-Jewish Spaces», so der Titel der Summer School, eingegrenzt?

Hahn: Der besondere thematische Fokus der ersten gemeinsamen Summer School des Verbundprojekts «Kommunikationsräume des Europäischen. Jüdische Wissenskulturen jenseits des Nationalen» richtete sich auf die Frage nach dem Verhältnis von «Europäischem» und «Jüdischem». Das heißt sehr weit gefasst: Inwieweit können jüdische Erfahrungen als paradigmatisch für allgemeine Geschichte verstanden werden? Oder anders formuliert: Inwiefern stellen die vormodernen jüdischen Lebenswelten - mit ihrer korporativen Verfasstheit - Ansatzpunkte bereit für den Europäischen Einigungsprozess?

 

Fragen wir umgekehrt: Gibt es heute noch markante Beispiele für jüdische Wissenskulturen innerhalb des Nationalen? Wie wirken sich Assimilation und Diaspora aus? Und wie groß war und ist in solchen marginalen Gesellschaften das Interesse, der Hunger nach transnationaler, vielleicht gar globaler Vernetzung?

Terpitz: Selbstverständlich ist der Nationalstaat auch im 21. Jahrhundert weiterhin die vorherrschende Organisationsform von Gesellschaften. Im Projekt wie auch in der Summer School dagegen interessiert uns eine andere Perspektive. Jüdische Lebenswelten in der Vormoderne zeichneten sich durch ihre Mobilität, ihre Netzwerke, das Überbrücken weiter Räume sowie durch ihre Urbanität aus. Diese spezifischen habituellen Eigenschaften sind eng verbunden mit unterschiedlichen Aushandlungsprozessen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung innerhalb Europas. So entstanden gewissermaßen besondere Kommunikationsräume, die sich keineswegs ausschließlich auf die Entwicklung des Pressewesens, der Korrespondenz unter Gelehrten oder die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit beschränkten.

 

Konkret bezogen auf die Summer School Mitte Juli in Jena: Profitiert eine Doktorarbeit über «Die Rolle der Mehrsprachigkeit in europäischen Familien», die in Wien und Pristina geschrieben wird, zum Beispiel von der Kenntnis der Forschung zu den «Wiedergutmachungsforderungen der Sudetendeutschen », die in Tel Aviv betrieben wird?

Hahn: Der wissenschaftliche Austausch, die interdisziplinäre Methodendiskussion und nicht zuletzt die auch längerfristige Vernetzung mit anderen Forscher(inne)n im Feld der Jüdischen Studien und angrenzender Disziplinen stellen vermutlich den größten Gewinn einer solchen Veranstaltung dar.

 

Die Teilnehmer der Summer School kamen vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, aus Israel und Nordamerika. Was charakterisiert in diesem Dreieck das «Europäische », dem Sie beide ja in jüdisch-literarischen Texten des 19. und 20. Jahrhunderts nachgespürt haben?

Terpitz: Max Horkheimer prägte den Ausspruch, dass jedem bewusst sei, es gebe auf die Frage nach dem eigentlich Jüdischen so wenig eine Antwort wie auf die nach dem eigentlich Deutschen oder Europäischen. Gleichwohl lässt sich eine aufschlussreiche Verwendung des ambivalenten Topos «Europa» in literarischen Texten jüdischer Autoren nachzeichnen. In der literarischen Metaphorik erweist sich das «Europäische » als unabhängig von geographischen Bestimmungsversuchen.

 

Jüdisches Leben ist im vergangenen Jahrhundert im vom Hitler-Faschismus beherrschten Europa vernichtet und im stalinistischen Russland auf andere Weise zerstört oder behindert worden. Was sind die vitalen Bedingungen, damit jüdische Wissenskultur in Europa und anderswo neu aufblühen kann?

Hahn: Ich würde nicht von «Hitler-Faschismus » sprechen, weil in dieser Bezeichnung eine problematische Verengung auf die Person Hitlers suggeriert wird, sondern besser von Nationalsozialismus. Nun aber zu Ihrer Frage: Ein «vitales» Element stellt zweifelsohne die große Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel, aber auch nach Deutschland vor allem während der 1990er Jahre dar. Institutionen wie das Simon- Dubnow-Institut in Leipzig widmen sich überdies unter verschiedenen Blickwinkeln wie der Diplomatie-, Sozial- und der Migrationsgeschichte, der Philosophie oder auch der Literaturwissenschaft einer Rekonstruktion jüdischer Wissenswelten. Vor dem Hintergrund des Holocaust freilich bleibt die Zerstörung jüdischer Lebenswelten in Europa immer präsent.

 

Währt die Suche nach Wissenskulturen und Kommunikationsräumen mehr als einen Sommer, eine Summer School? Bilden das Jena-Center und das Leipziger Dubnow- Institut - möglicherweise mit weiteren Partnern - hier einen auf Dauer angelegten Forschungsschwerpunkt?

Terpitz: Zum einen ist das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Verbundprojekt auf eine Laufzeit von immerhin drei Jahren angelegt. Zum anderen liegt die Verantwortung auf den Schultern von insgesamt vier Institutionen, zu denen neben den genannten auch noch das Jüdische Museum in Frankfurt/Main sowie das Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung (ZLS) an der Universität Leipzig zählen. Während an ersterem eine Ausstellung zur Remigration der Frankfurter Schule in Vorbereitung ist, beschäftigt sich das ZLS mit der Aufbereitung der im Projekt erarbeiteten Ergebnisse in didaktische Materialien

Das Gespräch führte Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», August 2008