Inkarnierter Kosmopolitismus

Heinrich Heine und seine Widersacher

 

An Heinrich Heine scheiden sich die Geister. Schon zu Lebzeiten wurde er seiner provozierenden Schreibweise wegen verketzert, aus dem gleichen Grund aber auch verehrt. Darin hat sich bis heute nichts geändert. Heine, der unsterbliche Weltbürger und zukunftsorientierte Prophet: «Ich bin der inkarnierte Kosmopolitismus », schrieb er einem Freund in Hamburg Anfang der 1830er Jahre.

Kritisch, solidarisch, umstritten - so hat der Literaturwissenschaftler Jost Hermand seine Heine-Aufsatzsammlung, die er zu einem Essay verdichtet hat, zutreffend untertitelt. Hermand bietet eine kurzweilige Synopse der Heine-Rezeption, ohne mit seinen eigenen Sympathien für Heine hinter dem Berg zu halten.

Der Provokateur Heine löste eine Reihe von Debatten aus, politische, persönliche. Konflikten war er nie aus dem Weg gegangen. Das politisch Erregende an Heine war, seine Zeitgenossen herauszufordern, ebenfalls gegen die Mächte der Konvention und Restauration aufzubegehren. Das wiederum ist der Punkt, der Hermand an Heine so reizt.

Den streitbaren Heine hat Hermand in den Blick genommen: Er zeigt auf, wie Heine auf seine Gegner und diese auf ihn reagierten. Oder anders ausgedrückt: Hermand verortet das «Streitobjekt » Heine in die Begriffswelt zwischen dem Denken von Hegel und Marx, die beide aus seiner Geisteswelt nicht wegzudenken sind. Heine selbst hat sich in seiner unbescheidenen Art als Klassenprimus hinsichtlich des «Schulgeheimnisses der Hegelschen Philosophie» bezeichnet. 1844 propagiert er seines Lehrers Philosophie als «der Bücher tiefster Sinn», die er, weil er «gescheit sei», «begriffen » habe und als guter Trommler zu verbreiten beabsichtige. Über und durch Hegel wurde Heine zum Aufklärer, der sich im - sich in vielen Widersprüchen vollziehenden - «Befreiungskampf der Menschheit» ein Leben lang einmischt. Doch Heine war kein Apologet, er war weder Hegelianer noch Marxist, er blieb Nonkonformist, ein unabhängiger Kopf. Er distanzierte sich von jedweder ins Orthodoxe übergehenden Dogmatisierung. Hermand stellt fest, dass Heine sich bereits in den frühen 1820er Jahren in jenem Kampf zwischen revolutionären und konterrevolutionären Kräften verstrickte. Der bei ihm wiederkehrende Begriff «Zerrissenheit» mag dabei «eher im hegelianischen als im weltschmerzlerischen Sinne» zu verstehen sein. Es kümmerte ihn nicht, dass Gegensätze oftmals als Sujet seine Betrachtung bestimmten. Heine hat nie die utopische Hoffnung auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen und allgemeinkulturellen Zustände aufgegeben. Heine lässt sich nicht, wie immer wieder versucht wird, auf eine monolithische Ideologie festlegen, dazu war er zu vielschichtig - ohne zugleich ein politisches Chamäleon zu sein.

Heine und Lessing, Heine und Goethe, Heine und Napoleon, Heine und Marx, dann aber: Heine ohne Büchner, diese Gegenüberstellungen bestimmen einzelne Kapitel der Hermandschen Aufsatzsammlung. Am Ende ordnet Hermand das Streitobjekt Heine in das innerdeutsche Kulturerbe ein. Ganz im Tone des Apostrophierten heißt es bei Hermand: «Doch der [...] Linksliberale [Heine], ja, geradezu demokratisch-revolutionäre Heine stieß im Deutschland der frustrierten Beamtenseelen, Micheltypen, Kannegießer, Krähwinkelianer sowie sonstiger biedermeierlicher Kellerasseln von Anfang an auf erbitterte Gegenwehr». Heine hätte an dieser Zuschreibung seine helle Freude gehabt.

Nach 1945 war Heine in Deutschland unbekannt, zu einem Unbekannten geworden, nachdem ihn die Nazis zum «unbekannten Dichter» anonymisiert und damit aus dem Bewusstsein der Deutschen getilgt hatten. Der eine deutsche Staat adaptierte den «sozialistischen» Heine, der sich für die marxistische Staatslinie vereinnahmen ließ. Das andere Deutschland wollte einen unpolitischen Dichter, der ideologisch unverbindlich war, den romantischen Poeten. Für die Westdeutschen, zumindest bis Ende der 1960er Jahre, hatte Heine auf der falschen Seite der Barrikade gestanden und sich allzu lange als Ruhestörer über das Herdenvieh der Reaktionäre lustig gemacht. Das mögen die Deutschen nicht. Und beide Deutschländer wollten nie den ganzen Heine gelten lassen und hatten beide ein Problem mit dem nie «abzuwaschenden Juden» Heine. «Ich habe nie an meinem Vaterlande gezweifelt; wir sind ein großes Volk, wir bespritzen nicht unsere Feinde mit ätzenden Epigrammen, sondern wir begießen sie mit deutschestem Unflat». Heine hatte ein gutes Gespür dafür, wie man über ihn dachte.

 

Jost Hermand, Heinrich Heine. Kritisch. Solidarisch. Umstritten. Böhlau Verlag 2007. 250 Seiten, 24,90 Euro.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», August 2008