Neue Heimaten für MMM?

Ein Streitgespräch über die Abwanderung von Akademikern in die Türkei

 

In der DDR stand das Kürzel MMM für die «Messe der Meister von Morgen», auf der die Nachwuchsbesten technische und naturwissenschaftliche Erfindungen präsentierten. Wenn Aycin heute MMM sagt, meint er ironisch solche wie sich, die peinlich ungenau im öffentlichen Wortgefecht neuerdings als Menschen mit Migrationshintergrund - also MMM kategorisiert werden. Im umfassenden Sinn war genau das kürzlich Thema in Berlin-Kreuzbergs Oranienstraße, als eine Veranstaltung zu «Braindrain nach Istanbul» mehr Hochqualifizierte anlockte, als das Vereinslokal türkischer Sozialdemokraten, auch als HDB (Progressive Volkseinheit der Türkei in Berlin) bekannt, Stühle hat. Den Referenten Michael Sontheimer vom Berliner «Spiegel»-Büro und Serdar Yazar, Bundesvorsitzender des Vereins der türkischen Studierenden mit 20 Mitgliedsorganisationen und Moderator Ahmet Iyidirli, umtriebiger, altgedienter Kreuzberger SPD-Funktionär, gingen zeitweilig die Argumente aus. Die Debatte betraf keine «Bildungsausländer», sondern «Bildungsinländer», also Kinder oder Enkel türkischer Gastarbeiter, hier aufgewachsen, die deutsche Hochschulen und Universitäten absolvierten, und dank ihres Bildungsreichtums das Glück in der Ferne suchen. Sontheimer hat diese politisch relevante Tatsache vor kurzem medialisiert und nannte es skandalös, dass in Deutschland dazu nicht solide geforscht werde. Trotz Datenunsicherheit soziologischer Erkenntnisse scheint klar, dass zunehmend deutsche junge Akademiker aus dem vormals migrantischen Umfeld einer direkten oder subtileren Alltagsdiskriminierung durch neuerliche Migration oder Rückzug in die Heimat der Vorfahren entgehen wollen. In Kreuzberg wurde dies erklärt und kritisiert, denn Abwanderung schade dem Wirtschaftsfaktor Deutschland genauso wie die Diskriminierung.

Akademiker sind in jeder Bevölkerung die Mobilsten, das wird von ihnen gefordert und gefördert. 83 Prozent aller deutschen Auswanderer sind hochqualifiziert, hieß es, meist männlich und jünger als vierzig Jahre. Referenten wie Diskutanten einte, dass die zweite und dritte Generation sich in Deutschland ungerecht, weil ungleich behandelt fühlt. Es werde flächendeckend diskriminiert und dies zugleich ignoriert. Eine nicht repräsentative Umfrage unter Studierenden mit türkischen Wurzeln ergab, dass 42 Prozent nach dem Studium lieber in der Türkei arbeiten würden. In Deutschland erwarteten sie wenig Akzeptanz und viele Benachteiligungen. Das liegt weder am Pass noch am Geburtsort, allein der türkische Name und südländischer Typus sind ausreichend, um bei gleicher Qualifikation chancenlos zu sein, wie zahlreiche Tests längst bewiesen haben. Carl Chung, ein in Rassismusfragen erfahrener Sozialwissenschaftler, argumentierte eher grundsätzlich: Weil die Datenbasis fehle, werde über gefühlte Realitäten gesprochen. Das sei symptomatisch in Deutschland, wo eine noch immer völkisch ausgerichtete politische Kultur die alltägliche Zuordnung in Deutsch oder Nichtdeutsch reproduziere. Die bekannten Vorurteile fallen auf gedüngten Boden.

Der Student Yazar rechnete Deutschlands Bildungsprobleme, die Akademikerabwanderung und jene vermutlich 330.000 im Jahr 2013 fehlenden Hochqualifizierten gegen eine jüngst verlautbarte deutsche Absicht auf, sich irgendwann die geeigneten Zuwanderer anzuwerben, und nannte dies eine Fehlkalkulation. Angesichts weltweiter Konkurrenz im Braindrain- Business habe Deutschland keine Chance, solange das Einwanderungsgesetz das Kommen und Bleiben der Besten behindere. Einwanderungswillig blieben die, die über vergleichsweise niedere Bildung und Qualifikation verfügten. Anstatt den Widerspruch im Interesse Deutschlands zu lösen, schaffe die Bundesregierung weiterhin Rückkehrprogramme für Akademiker. Das nutzt nicht nur der Türkei und sollte damit auch gut für Europa und Deutschland sein. Doch in der globalisierten Welt zählt eben nicht die Solidarität der Völker, sondern der Maximalprofit bestimmt den Ton und das Tempo.

Zwar hat Berlin gerade entdeckt, dass ein Viertel seiner Einwohner keine deutschen Wurzeln hat, doch diese ethnische und nationale Vielfalt ist nicht im öffentlichen Dienst, in Polizei, Schulen, allgemeiner Verwaltung, Politik und Medien gespiegelt, der Stellenpool ist vor allem mit ethnischen Deutschen gefüllt, was die Schieflage lange stabil halten wird. Wer vom deutschen Durchschnitt abweicht, bleibt außen, auch das festgesurrte Denkband Islam-Terror-Muslim alias verfehlte Integration gilt nicht nur in Wahlkampfzeiten. Das wissen und spüren auch jene Akademiker, die von fairer Arbeit in großen Städten wie Istanbul, Ankara oder Izmir träumen, wo sich deutsche und internationale Unternehmen der zweisprachigen hohen kulturellen Kompetenz mit Kusshand zu bedienen wissen. Gegen das schwäbische, oberfränkische oder Berliner Heimweh helfen Maultaschensuppe oder bierselige Stammtischrunden.

Die Kreuzberger Debatte stritt über Ursachen und Auswege, am Ende ging es um eigene Diskriminierungserfahrungen im öffentlichen Bereich und bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Im 2006 endlich verabschiedeten Gleichbehandlungsgesetz wird unter Paragraph 19/3 legalisiert, dass ein Vermieter Wohnungssuchende nach Hautfarbe, Rasse, Geschlecht oder Lebensweise selektieren darf. Was Wunder, dass sich junge Akademiker dem nicht aussetzen wollen und lieber das Weite suchen.

Irene Runge

«Jüdische Zeitung», August 2008