Europa war nur noch Friedhof…

Von Königsberg nach Alabama: Kosmopolitismus als jüdische Perspektive, einmal mit und einmal ohne Europa

 

Eine der weniger bekannten Aspekte im Leben der jüdischen Philosophin Hannah Arendt ist deren Arbeit als Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction. Die Organisation, die auf die Initiative des jüdischen Historikers Salo Baron zurückgeht, hatte sich zum Ziel gesetzt, jüdische Kulturgüter, die nach dem Holocaust nicht mehr an ihre rechtmäßigen Besitzer oder deren Nachkommen rückerstattet werden konnten, vor allem nach Jerusalem und in die USA zu transferieren. Baron, der 1895 im galizischen Tarnow geboren wurde, hatte in Wien studiert und war 1926 in die USA ausgewandert. Bereits Ende der 20er Jahre hatte er sich in seinem Aufsatz «Ghetto und Emanzipation» unterdessen als Kritiker der jüdischen Moderne erwiesen. Die Moderne, und mit dieser die Emanzipation, so Baron zugleich die Aufklärung Lessingscher Prägung kritisierend, hätten den Juden die bedingungslose Assimilation abverlangt und damit zu schutz- und identitätslosen Individuen in zentral gelenkten Staaten gemacht. Als positives Gegenbild zur Moderne dient Baron das Mittelalter, in dem das jüdische Kollektiv auch als solches politisch habe aktiv werden können. Es ist also kein Zufall, dass Baron auf der Suche nach einer Geschäftsführerin der Jewish Cultural Reconstruction auf Hannah Arendt gestoßen war. Auch die aus Königsberg stammende Philosophin hatte sich dem Projekt der jüdischen Moderne gegenüber skeptisch gezeigt. Für sie war das nachrevolutionäre Frankreich nicht nur der Raum, in dem sich im Rahmen der allgemeinen Menschenrechte auch die Juden als gleichberechtigte Bürger emanzipieren konnten, sondern auch der moderne Rassenantisemitismus entwickelte, wie er etwa in der Dreyfus-Affäre zum Ausdruck gekommen war.

Ende Mai diskutierten in Berlin auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung Natan Sznaider, Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv und Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaft in Frankfurt am Main und ehemaliger Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, über den von Sznaider auch in seinem jüngst erschienenen Buch entwickelten Begriff des «Gedächtnisraums Europa», das in vielerlei Hinsicht eine Entgegnung auf Brumliks im letzten Jahr erschienenen Band «Kritik des Zionismus» ist.

Sznaider legte dar, dass in der Korrespondenz der Jewish Cultural Reconstruction, vor allem zwischen Arendt, Salo Baron und dem ebenfalls an dem Projekt beteiligten Gershom Scholem stets Einigkeit darüber bestanden habe, dass die jüdische Kultur in Europa aufgehört hatte zu existieren. Und dass die Überreste der jüdischen Kultur so schnell wie möglich aus Europa weggebracht werden sollten. Ebenso habe Einigkeit darüber geherrscht, dass diese Kulturgüter keinesfalls in die Territorien ihrer Herkunft erstattet werden sollten. Denn das hätte bedeutet, dass der Großteil der Bücher in die damalige Sowjetunion hätte überstellt werden müssen. Stattdessen sollte die Kulturgüter dorthin gebracht werden, wo jüdische Kultur weiter existieren würde: Nach Israel/Palästina und in die USA. Alle an der Jewish Cultural Reconstruction Beteiligten, inklusive Hannah Arendt, seien, so Sznaider, also überzeugt gewesen, dass Europa für Juden «nur noch Friedhof und nichts anderes» gewesen sei. Unmittelbare Folge dieser Evakuierung jüdischer Kulturgüter war, dass sich die Neubildung der jüdischen Gemeinden in Deutschland und in den ehemals von Deutschland besetzten Gebieten Europas fast vollständig ohne den kulturellen Grundstock, den eine Gemeinde ausmacht, vonstatten gehen musste. Daraus folgt für Sznaider, dass nach 1945 die letzten jüdischen Europäer und mit ihnen ihre Kultur den Kontinent verlassen haben, dass also die jüdische Kultur als aus der Vormoderne stammende Diaspora-Kultur in Europa keinen Ort mehr finden konnte. Nur in Amerika und im sich zu dieser Zeit konstituierenden Staat Israel habe sich dies perspektivisch verwirklichen lassen.

Micha Brumlik nun griff diesen Punkt auf und drehte ihn gegen Sznaiders Position. Sznaiders Auffassung, dass sich jüdisches Leben nahezu ausschließlich in Israel und der USamerikanischen Diaspora verwirklichen lasse, so führte Brumlik an, verharre im Denken der 50er Jahre und übersehe die positiven Entwicklungen im Europa der vergangenen Jahrzehnte, wie sie etwa Fania Oz-Salzberger in ihrer Studie «Israelis in Berlin» dargestellt habe. Darin beschreibt Oz-Salzberger die «israelische Diaspora in Berlin» mit ihren jüdischen Spuren gar als «Jungbrunnen einer israelischen Identität». Da auch die Leo- Baeck-Institute aus Jerusalem, London und New York samt der von ihnen gehüteten Kulturschätze zwar noch nicht dazu bereit seien, endgültig nach Deutschland zurückzukommen, immerhin zumindest auf Mikrofiche jedoch fast deren sämtliche Bestände auch im Jüdischen Museum in Berlin zu finden seien, sieht Brumlik auch bezüglich des kulturellen Gedächtnisses eine neue Zeit kommen. Zumindest was die problematische Selbstdefinition und weitgehend von Brüchen gegenüber der jüdischen Tradition der Vorkriegsgeschichte bestimmte Geschichte (west-)deutscher Religionsgemeinden angeht, stimmte Brumlik Sznaider dagegen zu. Mit Verweis auf die Auffassung der italienisch-jüdischen Soziologin Diana Pinto, der zufolge Juden als Avantgarde der europäischen Einigung zu sehen sind, kam Brumlik am Ende mit Blick auf die rund 200.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland dennoch zu einer durchaus pathetisch-trotzigen Entgegnung auf Sznaiders These: «Wir sind hier!»

Was Sznaider also beschreibt, ist der Verlust des «jüdischen Gedächtnisses Europas ». Auch er reiht sich hierbei in die Schar der Aufklärungskritiker ein, wenn er etwa anprangert, dass bereits der Jude Nathan seiner partikularen Geschichte beraubt worden sei, damit er in die Universalität der Menschheit habe eintreten können. Zwar sei im Nachkriegseuropa, etwa im deutschfranzösischen Verhältnis, der Gedanke des Kosmopolitismus wieder aufgetaucht, doch insgesamt habe dies lediglich zu einem kosmopolitischen Europa geführt, in dem Juden als Juden mit den spezifischen Erinnerungen einer «transnationalen Schicksalsgemeinschaft » keinen Platz mehr hätten.

Das Judentum, so entgegnete hierauf Micha Brumlik, habe bereits vor dem Zeitalter des Nationalstaats existiert und werde auch nach dem Zeitalter des Nationalstaats weiter existieren. Das Zeitalter der Nationalstaaten habe rund 200 Jahre gedauert, das Judentum aber sei wahrscheinlich 2.500 Jahre alt. Die Frage sei also, ob nicht auch die Juden als Minderheit sich in diesen 2.500 Jahren in ihrer inneren Gestalt, in ihrer Erinnerung und auch in ihrer Religion geändert hätten, so dass es ihm schwer falle, überhaupt von einer «jüdischen Erinnerung » zu sprechen - die Opfererfahrung durch den Holocaust einmal ausgenommen. Und wenn das Judentum in der späten Antike etwas anderes gewesen sei als im Mittelalter, der Frühen Neuzeit oder heute in der postnationalen Konstellation, dann müsse man sich natürlich fragen, ob Sznaiders an Arendt angelehnte Diagnose zutreffe und ob die impliziten Hoffnungen auf das jüdische Leben in den USA und in Israel tatsächlich begründet seien. Schon heute hätten rund 30 Prozent der jüdischen Israelis einen zweiten Pass in der Tasche, meist den eines europäischen Landes. Europa übe also auf jüdische Israelis ganz offenbar einen «gewissen Sog» aus.

Man verharre, so führte Szanider seine Überlegungen in ihrer Kernthese aus, immer noch vor der «Vermenschlichung» als Problem. Menschen würden in ihrer (vom Individualismus sehr wohl zu unterscheidenden) Partikularität nicht anerkannt. Gerade in Europa sei das, so Sznaider, unterdessen für Juden viel weniger relevant als für Muslime. Aber auch für Juden diene immer noch Nathan der Weise als Modell, das heißt, wenn der Sultan sage: «Tritt näher, Jude» und Nathan dann erwidere: «Hier steht ein Mensch». Hannah Arendt habe in ihrer Lessing-Preisrede 1958 betont, dass man in Europa nicht mehr sagen könne: «Hier steht ein Mensch», weil es «den Menschen» nicht mehr gebe. Sie wollte antworten: «Hier steht ein Jude». Deshalb sieht Sznaider die europäische Minderheitspolitik immer noch vor gewaltige Probleme mit diesen Partikularitätsansprüchen gestellt. Da werde immer noch von der Trennung von Staat und Religion geredet und die Hoffnung geäußert, dass man gewisse universelle Werte irgendwie integrieren könne. Damit ist der Kern von Sznaiders Argumentation erreicht. Kosmopolitismus ist für ihn die «gelebte Praxis », die entsteht, wenn sich Partikularismus und Universalismus unter Mitwirkung europäisch- jüdischer Erfahrung berühren. Dieser «gelebte jüdische Pluralismus» sei eben nur in Israel, mehr noch aber in den USA gegeben.

Damit wird deutlich, dass sich Sznaider - auch hier erweist er sich als Jünger Hannah Arendts - als Vertreter des amerikanischen Pluralismus erweist. Immerhin die vage Hoffnung, dass auch Europa irgendwann einmal von diesem Geist erfasst werden könnte, mochte Sznaider nicht. Aber gerade, was die jüdische Präsenz angehe, werde es noch lange dauern, ehe sich diese wieder in Europa etablieren könne.

Micha Brumlik nun nannte das Kind endlich beim Namen und eröffnete die hier schon länger unterschwellig geführte Diskussion über das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten auch offiziell. Kernpunkt seiner Argumentation waren dabei jene amerikanischen Juden, die sich als politische Aktivisten in den späten 50er Jahren und frühen 60er Jahren als ausgesprochene Universalisten erwiesen hätten und in Alabama und Mississippi für die Gleichberechtigung der Schwarzen gekämpft haben. Michael Walzer oder Abraham Joshua Heschel also, die an der Spitze des Civil Rights Movements standen. Hier kam nun auch Micha Brumlik wieder auf Hannah Arendt zurück, die derlei Engagement abgelehnt habe. Es gebe von ihr einen «schaurigen Aufsatz» über Little Rock, in dem sie mit ethnopluralistischen Argumenten dagegen argumentierte, dass die Politik sich für derartige gesellschaftliche Vorgänge überhaupt interessiere.

Was den Staat Israel angeht, verwies Brumlik darauf, dass Präsident Harry S. Truman nur bedingt befürwortete, dass ein israelischer Staat gegründet wurde. Angesichts dessen äußerte er auch die Vermutung, dass das «angelsächsische Dispositiv» der Unterstützung Israels irgendwann in die Minderheit geraten wird. Sogar die USA müssten irgendwann verstehen, dass die Abhängigkeit vom nahöstlichen Öl volkswirtschaftlich auf Dauer nicht zu halten sein werde, was zur Folge haben werde, dass das Interesse und die Unterstützung Israels durch die USA in «spätestens zehn, zwölf Jahren dramatisch nachlassen wird». Das sei schon heute im amerikanischen Wahlkampf anhand der Auseinandersetzung um Barack Obamas Äußerungen zum Nahostkonflikt erkennbar. Mit der Zunahme katholischer, asiatischer und anderer Migrantenkulturen wird, so ist sich Brumlik sicher, das Verhältnis zu Israel in den USA ohnehin stark an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren.

 

Micha Brumlik, Kritik des Zionismus. Europäische Verlagsanstalt 2007. 198 Seiten, 16,90 Euro.

Natan Sznaider, Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus - eine jüdische Perspektive. Transcript Verlag 2008. 156 Seiten, 16,80 Euro.

Moritz Reininghaus

«Jüdische Zeitung», August 2008