Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Heimat DiasporaDas Jüdische Museum Hohenems erzählt exemplarische Geschichte(n)
Anfang August kommt es zu einem Wiedersehen mit der Hohenemser Diaspora: Nachdem vor zehn Jahren bereits ein erstes Treffen der Nachkommen jüdischer Familien aus Hohenems im dortigen Jüdischen Museum stattfand, werden diesen Sommer wieder mehr als 100 Nachkommen aus aller Welt in dem Vorarlberger Städtchen erwartet: Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den USA oder aus Israel, Australien oder der Schweiz, aus Italien, Belgien und vielen anderen Ländern Europas. Gegenseitiges Kennenlernen und Erfahrung mit den Spuren der eigenen jüdischen Geschichte, Kommunikation mit den Menschen vor Ort und der Austausch über eine Gegenwart die von transnationalen und zugleich jüdischen wie überkonfessionellen Netzwerken geprägt ist, werden dieses Treffen zu einem besonderen Ereignis machen. Jüdische Familien aus Hohenems haben über die Zeit des Nationalsozialismus und der Schoa hinweg ihre Beziehung zu Hohenems aufrechterhalten. Sie haben 1954 den Hohenemser Jüdischen Friedhof in ihre Obhut genommen und vor dem Verfall bewahrt. Über all die Jahre wurde mit Bürgern der Stadt und kritischen Historikern Vorarlbergs Kontakt bewahrt, welche die Auslöschung der Erinnerung dieser einst stolzen und inzwischen in der ganzen Welt verstreuten Gemeinde nicht zulassen wollten. Zusammen trugen sie alle zur Gründung des Jüdischen Museums 1991 bei, einem ganz besonderem Ort für Schatzsucher und Zeitreisende. Aus dem Museum in der Villa Heimann-Rosenthal ist inzwischen nicht nur ein international beachteter Ort der lebendigen Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Gegenwart sondern auch ein kollektives Familiengedächtnis geworden, ein Archiv der Hohenemser Diaspora, die sich auf alle Kontinente verteilt hat. Mit der Reunion 2008 soll sich diese Beziehung zwischen den Nachkommen und mit dem Museum und den Menschen aus der österreichischen Region an der Schweizer Grenze jetzt weiter vertiefen. Wenn man von Hohenemser Familien spricht, kann man auf eine Familienliste von Rabbiner Aron Tänzer (1871-1937) zurückgreifen, die die im Ort ansässigen jüdischen Familien aufführt. Der Hintergrund: Während der napoleonischen Kriege war Hohenems Bayern angegliedert worden. Die Rechtsverhältnisse der Juden in diesem Territorium wurden durch das „«Baierische Edikt» geregelt. In diesem Edikt wurden die Juden Bayerns unter anderen dazu verpflichtet, einen Nachnamen anzunehmen. Als Hohenems 1818 wieder in das österreichische Herrschaftsgebiet eingegliedert wurde, blieb für die Hohenemser Juden dieses Edikt in Kraft und brachte ihnen eine vorteilhaftere Rechtsstellung als den Juden im übrigen Österreich. Aron Tänzer nennt in seinem Buch über «Die Geschichte der Juden in Hohenems» 1905 sechzig Familiennamen. Gesetzliche Beschränkungen und wirtschaftliche Zwänge führten zu einer hohen Mobilität der jüdischen Bevölkerung. Viele mussten ins Ausland gehen, um eine berufliche Existenz oder eine Familie gründen zu können. Mit der Verfassung von 1867 erlangten die Juden in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie die bürgerliche Gleichstellung. Die dadurch erreichte Bewegungsfreiheit führte zur Abwanderung vieler jüdischer Familien aus Hohenems.
«Hohemems ist wie alle jüdischen Gemeinden der Diaspora - nur ein bisschen mehr so.» Handelsberufe setzten immer schon Wanderung und Netzwerke voraus. Jüdische Hausierer aus Hohenems mussten ausgedehnte Handelsreisen unternehmen. Die Kaufleute unterhielten ständige Handels- und Familienbeziehungen nach Triest, Augsburg und Wien, in die Schweiz und in die Türkei, England oder in die USA. In Südtirol trugen Hohenemser Familien zur Gründung der jüdischen Gemeinden Meran und Bozen, aber auch zur Industrialisierung entscheidend bei. Gleiches gilt für St. Gallen, das 1863 die Niederlassung von Juden erlaubte. Die Familienbeziehungen blieben auch über große Entfernung bestehen. Es entstand eine Hohenemser Diaspora - und wachsende internationale Verbindungen verliehen auch dem Leben in Hohenems einen zunehmend städtischen Charakter. Schon im 17. bis 19. Jahrhundert waren die Hohenemser Juden gezwungen, ihre Kinder häufig nach anderen Orten hin (im Süddeutschen Raum oder auch in Norditalien) zu verheiraten, da die Zahl der Matrikel und damit der bewilligten Familien beschränkt blieb. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Bedingungen für jüdische Ansiedlung in der Schweiz und Österreich grundlegend. In St. Gallen durften sich nun Juden niederlassen; und auch in Tirol wurde ab 1867 im Rahmen des Staatsgrundgesetzes die Ansiedlung für Juden freigegeben. In der Folge wanderten viele Jüdische Familien von Hohenems ab, denn insbesondere in der Schweiz waren die wirtschaftlichen Möglichkeiten größer. Innerhalb weniger Jahrzehnte schmolz die Gemeinde von Hohenems von mehr als 500 Seelen auf 100 ab, während die neu gegründete Jüdische Gemeinde von St. Gallen insbesondere durch Hohenemser Zuwanderung entstand. Andere Familien ließen sich weiterhin in Deutschland oder Italien nieder und schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten einzelne auch in die USA aus, wie August Brentano, der eine große Buchhandelskette begründete. Heute leben Nachkommen der Hohenemser Juden unter anderem in Australien und Belgien, den USA, England und Israel, der Schweiz und Frankreich, Deutschland, Spanien und Österreich. So entstand im Laufe der Zeit eine Hohenemser Diaspora, die selbst nach der Vertreibung, Deportation und Ermordung der letzten Hohenemser Juden während der Nazizeit von einer wach bleibenden Erinnerung an eine lange Blüte der Gemeinde in Hohenems geprägt war. In den letzten Jahren ist in den Familien das Interesse untereinander, an genealogischen Recherchen zur Familiengeschichte und schließlich auch an der Gegenwart in Hohenems wieder gewachsen, nicht zuletzt durch die Existenz des Jüdischen Museums. So bilden die Nachkommen der Hohenemser Juden inzwischen so etwas wie eine Virtual Community, deren innerer Zusammenhalt fruchtbar und produktiv geworden ist. Hohenems hat auch in anderer Weise Zeichen in der jüdischen Welt gesetzt: Kantor Salomon Sulzer (1804-1890) stammte aus Hohenems und prägte zusammen mit dem Prediger Isak Noa Mannheimer den Wiener Ritus, eine gemäßigte Art der Reform von Liturgie und Synagogengesang, die den Gebetsstil in vielen Synagogen beeinflussen sollte. Seine Melodien gehören noch immer zum Standardrepertoire, heute allerdings eher zwischen New York und San Francisco denn im deutschsprachigen Raum: Sein Lied ging um die Welt. Das Jüdische Museum Hohenems erzählt von einer exemplarischen und doch ganz besonderen jüdischen Gemeinde. In ihrer Geschichte verdichten sich die Motive europäisch- jüdischer Erfahrung auf eigenwillige Weise: Diaspora und Migration, Tradition und Moderne, selbstbewusste Bürgerlichkeit und Provinz, Verfolgung und Heimat. Der neue Katalog «Heimat Diaspora», den Hanno Loewy herausgegeben hat und der gerade im Bucher Verlag erschienen ist, ist Augenweide und Leseabenteuer in einem (384 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 978-3-902612-68-7).
Jüdisches Museum Hohenems, Schweizer Str. 5, A-6845 Hohenems Tel. +43 5576 73989, office@jm-hohenems.at www.jm-hohenems.at Öffnungszeiten Museum und Café: Di bis So und Feiertage 10-17 Uhr |